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Lübeck Ex-Senator Wolfgang Halbedel verstorben
Lokales Lübeck Ex-Senator Wolfgang Halbedel verstorben
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15:36 25.04.2019
Offizielle Verabschiedung: Am 31. März 2010 wird Senator Wolfgang Halbedel (CDU ) im Audienzsaal des Rathauses in den Ruhestand entlassen. Quelle: Tim Jelonnek
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Lübeck

Es fließen Tränen. Eine Seltenheit im ruppigen Politik-Alltag. Plötzlich ist es still, als sich Wolfgang Halbedel (CDU) mit gebrochener Stimme verabschiedet. Alle stehen auf und applaudieren dem scheidenden Senator, als er mit seinem Rollstuhl aus dem geschichtsträchtigen Bürgerschaftssaal fährt. Es ist der 25. März 2010, kurz nach 20 Uhr.

Abschied unter Applaus und Tränen

Nach zehn Jahren als Senator und 32 Jahren Bürgerschaft verlässt Halbedel den Saal. Dort hat er viele Schlachten geschlagen, die meisten hat er gewonnen. Er war das letzte Urgestein des lübschen Politik-Betriebs. Er gehörte zur Garde der Politiker, die über Jahrzehnte die Stadt geprägt haben. Vor neun Jahren trat er ab von der politischen Bühne. Würdevoll und hoch geachtet. Jetzt hat er die Lebensbühne verlassen. Halbedel ist am 23. April nach schwerer Krankheit mit 74 Jahren verstorben.

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Der verstorbene Ex-Senator Wolfgang Halbedel (CDU) hat die Stadt über Jahrzehnte geprägt.

„Senator ist ein toller Beruf“

Er war ein Politiker vom alten Schlag. Ein kühler Stratege, ein gewiefter Taktiker – und dennoch ein herzenswarmer Mensch. Und eine sichere Bank. Sein Wort galt. „Senator ist ein toller Beruf“, hat Halbedel in seinem letzten LN-Interview gesagt. Er hat seinen Job geliebt. Und er hat mehr als 60 Stunden in der Woche gearbeitet. Auch noch 2009, als ihn eine spastische Lähmung der linken Seite in den Rollstuhl zwang. Flughafen, Hafen, Herrentunnel, Spaßbad Aqua-Top, Priwall-Waterfront – es gibt kein großes Projekt in Lübeck, bei dem Halbedel nicht mitgemischt hat. Zugleich hat er sich für viele kleine soziale Projekte eingesetzt – und beschlossen, dort nicht mehr sparen zu wollen.

Wolfgang Halbedel war ein ungewöhnlicher Mensch“

„Er war durch und durch Politiker, und doch ein schrecklich netter Kerl“, sagt Ex-Bürgermeister Bernd Saxe (SPD). Beide haben fast drei Jahrzehnte zusammengearbeitet, das letzte davon im Senat. Saxe bezeichnet ihn als „ungewöhnlichen“ Menschen, der scheinbare Gegensätze vereint. „Er hatte seinen eigenen Kopf und war doch zu großer Loyalität und Treue fähig“, sagt Saxe. „Er war stets ungeduldig und verfolgte doch beharrlich seine Ziele.“

Ein liberaler Konservativer

Wolfgang Halbedel wurde in Greifswald geboren, hat am Johanneum in Lübeck sein Abitur gemacht – und studierte Lehramt. Halbedel arbeitete als Berufsschullehrer, bevor er Senator wurde. Aber er war schon jahrelang in der Politik – seit den 1960er Jahren.

Als Liberaler startete Halbedel seine politische Laufbahn. 1962 trat er in die FDP ein. 1986 wechselte er zur CDU. „Wenn man etwas werden wollte in der Politik, musste man damals in eine große Partei gehen“, hat Halbedel sinngemäß geantwortet, als ihm die Frage vor Jahren gestellt wurde. Und in der CDU wurde er etwas.

Von 1990 bis 1994 arbeitete er als ehrenamtlicher Senator, was es damals noch gab. Am 10. August 1994 trat er zurück – wegen der Sekt-Affäre. 30 Flaschen Sekt waren für Messen in Skandinavien abgerechnet worden. Sie kamen dort aber nie an. Halbedel übernahm die politische Verantwortung und räumte den Posten.

Im August 2000 wählte ihn die Bürgerschaft zum hauptamtlichen Senator. Halbedel wurde Chef von 1500 Mitarbeitern. Am 23. Februar 2006 wurde er wiedergewählt. Am 31. März 2010 ging er in den Ruhestand.

Was Halbedel ausmachte? Offenheit – jenseits aller Ideologie. Egal, welche Parteifarbe ein Politiker hatte, Halbedel hat mit jedem verhandelt. Und sich Respekt erworben in allen Lagern. Seine Wahl zur zweiten Amtszeit 2006 ging so glatt über die Bühne, dass sie fast vergessen wurde. Es war keine Frage, ob Halbedel wiedergewählt werden würde. Halbedel war der lübsche Wirtschafts- und Sozialsenator. „Er war ein Liberaler, aber zugleich ein Konservativer – und selbst mancher Sozi sah in ihm ,einen von uns’“, so Saxe.

Ein Coup machte ihn zum Senator

Mit seinem politischen Gegner hat er sich oft besser verstanden, als mit seinen eigenen Parteifreunden. So waren es auch seine Gegner, die ihn ins Amt brachten. Mit einem Coup. Es ist der 29. Juni 2000, kurz nach 16 Uhr. Die Wahl des Wirtschafts- und Sozialsenators soll gleich beginnen.

Völlig überraschend tritt Susanne Hilbrecht, die Fraktionschefin der Grünen, ans Rednerpult. Sie spricht für die kleinste Fraktion – und schlägt den CDU-Mann Halbedel als Kandidaten für den Posten des Wirtschafts- und Sozialsenators vor. Die Bombe ist geplatzt. Keiner hat damit gerechnet. Denn die CDU hat Hermann Junghans als Kandidaten zur Wahl gestallt. Tumult in der Bürgerschaft.

CDU-Mann gegen CDU-Mann

Ein CDU-Mann gegen den anderen CDU-Mann. Junghans ist von der CDU ins Rennen geschickt worden, Halbedel von den Grünen. Debatten, Unterbrechung, Hinterzimmer-Gespräche. Abstimmung. Das Ergebnis fällt eindeutig aus: 28 zu 17 Stimmen für Halbedel. Er ist der neue Wirtschaftssenator. Und seine Partei versinkt im Chaos. Das haben ihm viele CDU-Leute nie verziehen.

Wer den Coup eingefädelt hat? „Führende Leute der SPD und der Grünen, aber auch einige aus der CDU“, hat Halbedel in seinem letzten LN-Interview erklärt. Namen hat er nie genannt. Er selbst sei nicht an dem Handel beteiligt gewesen. Die anderen seien auf ihn zugekommen. Damit war Halbedel eigentlich der erste „parteilose“ Senator – ein Politiker, der etwas für die Stadt erreicht hat.

Josephine von Zastrow