Lübecks Possehlbrücke: Noch vier Tage Stau bis zur Eröffnung
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Lübeck Endlos-Baustelle fertig: In vier Tagen wird die Possehlbrücke in Lübeck eröffnet
Lokales Lübeck Endlos-Baustelle fertig: In vier Tagen wird die Possehlbrücke in Lübeck eröffnet
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07:34 26.10.2019
Lübecks Dauer-Baustelle: Der Neubau der Possehlbrücke ist fertig. Ab Mittwoch haben die Lübecker wieder freie Fahrt in beiden Richtungen – nach viereinhalb Jahren Bauzeit. Quelle: Timon Ruge
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Lübeck

Vermissen wird sie niemand: Lübecks Dauer-Baustelle Nummer eins, die Possehlbrücke. Das neue Brücken-Bauwerk wird am Mittwoch, 30. Oktober, um 9 Uhr feierlich eröffnet. Dann können die Lübecker endlich wieder auf zwei Spuren über die Brücke fahren.

Der Neubau der Brücke hat damit mehr als doppelt so lang gedauert als geplant. Zwei Jahre waren geplant, gedauert hat der Neubau viereinhalb Jahre. Baustart war 2015. Fertig sollte sie im Frühjahr 2017 sein. Jetzt wird sie am Mittwoch eröffnet. Allerdings: Es gibt noch etliche Arbeiten rund um die Brücke zu erledigen. Das wird bis Ende März 2020 dauern.

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Hier finden Sie unseren
Multimedia-Beitrag über die Possehlbrücke.

Drei Mal so hohe Kosten

Und die Possehlbrücke kostet wesentlich mehr: Sie ist mehr als drei Mal so teuer geworden. Vorgesehen waren ursprünglich 6,3 Millionen Euro. Dann stiegen die Kosten auf neun Millionen Euro. Jetzt kostet der Bau 15,5 Millionen Euro. Hinzu kommen 5,5 Millionen Euro für Planung, Gutachter und die Verlegung von Leitungen. Insgesamt kostet die Querung 21 Millionen Euro. Davon übernimmt das Land 6,9 Millionen Euro. Die Stadt zahlt 14,1 Millionen Euro.

Wichtige Brücke

Die Possehlbrücke ist eine der wichtigsten Verkehrsadern in Lübeck. Sie überquert den Kanal und verbindet den Süden mit der Innenstadt. Die Brücke wird pro Tag von 32 500 Autos, 900 Lastwagen, 3500 Radfahrern und 1400 Fußgängern benutzt. Zum Vergleich: Über die Bahnhofsbrücke rollen täglich 39 000 Wagen.

Rückblick ins Jahr 2007 – Überraschung: Brücke kaputt

Die bröselnde Brücke: Die Possehlbrücke wurde 1956 erbaut aus Spannbeton. Ein Material, das in den 1950er und 1960er Jahren viel verwendet wurde. Und das nicht lange hält. Seit 2007 ist bekannt, dass die Querung marode ist. Doch die Possehlbrücke verfällt rasant. 2010 schaut sich der Gutachter des Brücken-Tüvs die Querung an – und gibt massive Warnzeichen. Lange hält die Querung nicht mehr. Es gibt bereits Risse im Beton, an manchen Stellen bröselt er sogar ab. Und durch die Schäden dringt Feuchtigkeit ein ins Bauwerk, der Verfall geht immer schneller.

2012 – Verbot und Tempolimit

Zu kaputt zum schnelleren Fahren: Über die Possehlbücke dürfen Autofahrer nur mit Tempo 20 rollen. Quelle: LN

Erste Hilfe für die Brücke: Im April 2012 gibt es Verbote. Damit die Possehlbrücke nicht in sich zusammenbricht, dürfen keine Lastwagenfahrer mehr drüberfahren – wenn ihr Gefährt mehr ab 7,5 Tonnen wiegt. Und: Autofahrer dürfen die Brücke nur noch mit Tempo 20 passieren. Zudem werden die beiden Fahrspuren so verengt, dass die Last der Autos direkt auf den Brückenträger übertragen wird und nicht auf die Betonplatten. Dazu werden beide Fahrspuren um 1,50 Meter auf 3,50 Meter verschmälert. Allerdings: Niemand hält sich an die Verbote.

2015 – Sperrung und Stau

Nichts geht mehr: Eine Stadt steht im Stau. Die Possehlbrücke ist halbseitig gesperrt. Es geht nur stadteinwärts über die Querung. Quelle: LN

Lübeck steht im Stau. Es geht nichts mehr rund um die Altstadt. Seit März 2015 ist die Possehlbrücke halbseitig gesperrt: Autofahrer können nur noch stadteinwärts über die Brücke rollen. Zu den Hauptverkehrszeiten ist alles verstopft in der Moislinger Allee, Lachswehrallee, Possehlstraße. Die Umleitungsstrecke Wallstraße ist vollkommen überlastet. Eine drei Kilometer lange Autofahrt dauert bis zu einer Stunde. Busse haben bis zu 90 Minuten Verspätung. Dabei hat die Stadt stets betont: Es wird kein Verkehrschaos geben.

2016 – Nichts geht voran

Ganz viel Pause: Die Dauer-Baustelle Possehlbrücke steht teilweise über Monate still. Quelle: Wolfgang Maxwitat

Alles dauert länger: Ursprünglich sollte es 2013 losgehen, 2015 sollte die neue Brücke fertig sein. Doch der Baustart ist dann erst 2015. Fertig soll alles im Frühjahr 2017 sein. Doch schon 2016 ist klar: Das wird nichts. Noch ist unklar, warum. Später stellt sich heraus: Stadt und Baufirma Wayss&Freytag streiten sich darüber, wie die Brücke gebaut wird – und für welchen Preis. Deshalb passiert häufig gar nichts an der Brücke. Dabei ist die erste Brückenhälfte schon abgerissen. Doch bis die erste Brückenhälfte steht, dauert es drei Jahre. Fertig wird sie erst 2018.

2017 – Baustellen-Ampel

Endlich eine Ampel: Seit 2017 können Autofahrer in beiden Richtungen über die Brücke fahren – wegen der Baustellen-Ampel. Quelle: 54°/Felix König

Niemand glaubt mehr an einen Eröffnungstermin. Mittlerweile sagt selbst die Stadt: Es gibt gar keinen neuen Termin, wann die Brücke fertig wird. Den Unternehmern im Gewerbegebiet Genin reißt der Geduldsfaden: Sie fordern eine Baustellen-Ampel, so dass die Wagen in beide Richtungen über die Brücke fahren können. Denn das Gewerbegebiet ist durch die Baustelle völlig abgehängt. Die Experten der Stadt sperren sich. Doch die Unternehmer gehen bis zum Bürgermeister und setzen sich durch. Seit April 2017 gibt es die Baustellen-Ampel – bis heute.

2019 – Teuer, aber fertig

Kurz vor dem großen Tag: Ein Bauarbeiter markiert die Fahrspuren auf der Possehlbrücke. Die Eröffnung ist am 30. Oktober. Quelle: Holger Kröger

Die Baustelle liegt fast lahm – durch den Krach zwischen Stadt und Baufirma Wayss&Freytag. Im Juli gibt es eine Lösung. Die Stadt zahlt 15 Millionen Euro für die Brücke an die Baufirma statt der vereinbarten neun Millionen Euro. Dafür baut die Firma die Possehlbrücke bis zum 15. November 2019 soweit fertig, dass Autofahrer über zwei Spuren fahren können. Und: Wird die Brücke früher fertig, gibt es eine halbe Million Euro extra. Die erhält die Baufirma jetzt auch. Denn sie wird jetzt am 30. Oktober eröffnet. Nach dem Motto: Teuer, aber fertig.

Die Geschichte in sechs Bildern.

Kommentar: Lübecks neue „Elphi“

So kommentiert LN-Redakteurin Josephine von Zastrow die Possehlbrücke

Jeder hat seine „Elphi“. Was den Hamburgern die Elbphilharmonie, ist den Lübeckern die Possehlbrücke. Viereinhalb Jahre Bauzeit, Stau, Ärger. Ein Brücken-Drama – doch jetzt ist ein Ende in Sicht. Die Lübecker haben endlich freie Fahrt. Aber ob es ein glückliches Ende wird, wird sich erst zeigen. Denn bisher hatte fast jeder Brückenbau in Lübeck ein juristisches Nachspiel. Die Obertrave-Brücke landete vor Gericht, die Eric-Warburg-Brücke verhandelten Richter, und bei der Meierbrücke streiten sich Stadt und Bahn.

Noch bevor der Neubau stand, hatte die Possehlbrücke sehr gute Chancen, im Gerichtssaal zu enden. Zäh und ausdauernd haben sich Stadt und Baufirma gezofft. Nur weil die halbe Brücke abgerissen war, die Lübecker im Stau standen, die Unternehmer Druck machten – und die Stadt Millionen extra zahlt, ist die Possehlbrücke überhaupt zu Ende gebaut worden. Damit ist nicht gesagt, dass sich Stadt und Baufirma im Nachgang nicht weiter streiten. Vertraglich soll das ausgeschlossen sein. Aber es gibt immer eine juristische Lücke. Denn bei jedem Bauwerk gibt es Mängel. Und dann heißt es: Ist das ein Schaden – oder nur eine andere Art des Bauens? Darüber lässt sich herrlich streiten.

Die Possehlbrücke kostet 21 Millionen Euro. Drei Mal so viel wie geplant. Bitteres Lehrgeld. Dafür hat Lübeck das zweifelhafte Vergnügen, eine „Elphi“ zu haben. Und es könnte weitere geben. Denn: Nun wird die Bahnhofsbrücke gebaut, Mühlentorbrücke, Hüxtertorbrücke . . .

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Von Josephine von Zastrow

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