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21:17 31.01.2017
Es sieht schon ein bisschen merkwürdig aus, wie Kilian Kreuzinger mit seinem Pappelholz-Gefährt durch die Altstadt radelt. Aber: Trotz Regens bleibt er trocken. Quelle: Lutz Roessler
Innenstadt

Es war ein langer Weg: 18 Monate hat der leidenschaftliche Fahrrad-Urlauber Kreuzinger an der Entwicklung und dem Bau seines dreiräderigen, muskelbetriebenen Fahrzeuges gearbeitet, das „eine Lücke füllen soll zwischen den konventionellen Fahrrädern und den leichtesten Elektroautos“, sagt der gebürtige Niedersachse, der Mitglied bei Defacto Art im Balauerfohr ist und am Figurentheater Lübeck Puppen und Bühnen baut. Klar, mit Kunst an sich hat das „Healy“, ein muskelbetriebenes Ultraleicht-Fahrzeug aus Pappelholz und Faserverbundmaterialien, nicht wirklich viel zu tun. „Aber es ist auf alle Fälle mein wirksamstes Kunstprojekt“, sagt er, „denn 80 Prozent der Leute bleiben stehen, zücken ihre Handys und sprechen mich an.“

Holzbildhauer Kilian Kreuzinger hat ein Leichtbaufahrzeug entwickelt und gebaut.

Wenn er mit dem hellen Gefährt, den Schlechtwetter-Deckel aufgesetzt, durch die Gegend fährt, blickt er in viele staunende Gesichter. Erprobt hat Kreuzinger das im vergangenen Spätsommer: 2000 Kilometer fuhr er mit dem „Healy“ durch Deutschland. Ja, das geht, „denn eine Reichweite von über 150 Kilometern pro Tag ist kein Problem.“ Es sei eine ganz andere Art von Radfahren, sagt der 31-Jährige, „es beschleunigt langsamer als ein Fahrrad, fährt dann aber, einmal in Schwung, ohne große Anstrengung locker 40 bis 45 Stundenkilometer.“ Was allerdings eher für die freie Strecke gelte.

„Auf Kopfsteinpflaster oder in Innenstädten ist es nicht so praktisch.“

Das „Healy“ wiegt nur 33 Kilo, weil es eine sogenannte selbsttragende Konstruktion ist, also keinen Rahmen hat. Es bietet Schutz vor Regen und die Möglichkeit, Einkäufe oder sogar eine kleine Campingausrüstung zu verstauen. Zwei kleine Außenspiegel erlauben den Blick nach hinten, es bietet eine 20-Gang-Schaltung, Bremse und natürlich Licht.

Für Kreuzinger ist Radfahren „das ultimative Freiheitsgefühl.“ Doch was bei gutem Wetter Spaß mache, sei im Winter weniger toll. Weshalb die Konstruktion seines neuen Fahrzeugs ein Schritt zu mehr Komfort sei. „Es ist meine Kraft, meine Unabhängigkeit und ein einfaches System, bei dem ich alles selbst reparieren kann, weil ich von jeder Schraube weiß, wo sie sitzt.“

Mit seinem Ultraleichtfahrzeug hat Kreuzinger sich einen jahrelangen Traum erfüllt. „Ich hatte es 2012 erstmals geplant, dann aber schnell gesehen, dass es zu teuer wird“, erzählt er. Doch das Projekt ließ ihn nicht los. Drei Jahre später unternahm er einen neuen Anlauf. Sein Kumpel Jakob Schröder, mit dem er früher schon viel Fahrrad gefahren war und auch einiges in Sachen Liegeräder ausprobiert hatte, erlernte das 3-D-Zeichnen am PC. „Ich habe dann erste Pläne gezeichnet, Jakob hat alles am PC entworfen.“ Doch zum eigentlichen Bau waren viel Recherche, Rechnerei und Feinarbeit nötig. „Dieses Kunstwerk“, sagt Kreuzinger, „war so konsequent rational wie kein anderes.“ Dass er sich intensiv mit Physik und Mathematik beschäftigen musste, stört ihn nicht: „Bei so etwas hat man einen konkreten Grund, Sachen zu lernen, die man sonst nie kennenlernen würde.“ Auch dass er während der Entwurfs- und Konstruktionsarbeit kaum etwas anderes arbeiten konnte, sieht der 31-Jährige entspannt: „Das war eine Art Sabbatjahr.“

Vom Wettbewerb in Hamburg erhofft sich Kreuzinger vor allem den Austausch mit anderen – und ein bisschen mehr Aufmerksamkeit für sein Gefährt. Eines steht für ihn jetzt schon fest: „Es war nicht mein letztes Leichtbaufahrzeug.“ Bei weiteren Exemplaren werde die Bauzeit kürzer sein, „denn jetzt weiß ich ja, wie’s geht!“ Ob er mit dem „Healy“ nach Hamburg fährt? „Das weiß ich noch nicht, denn es soll ja für den Wettbewerb schön sauber und schick ankommen.“

Keine Zulassung nötig

Im Straßenverkehr gelten für das „Healy“ dieselben Regeln wie für Fahrräder, eine Zulassung braucht es nicht, solange es per Muskelkraft bewegt wird, wie die Dekra in Lübeck und der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club (ADFC) in Berlin bestätigen. Vermehrte Unfälle mit „tiefergelegten“ Fahrrädern sind nicht bekannt.

Der Wettbewerb „Holz bewegt“ ist mit einer Ausstellung im Hamburger Museum der Arbeit (13. April bis 25. Juni) verbunden. Mehr unter: www.holzbewegt.info.

 Sabine Risch