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15:35 26.04.2014
Die „Queen Elizabeth“ bei ihrem Besuch in Travemünde 2011. Quelle: Wolfgang Maxwitat
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Lübeck

Der neue Chef der Lübecker Hafen-Gesellschaft will Verlässlichkeit an den Kais und sieht auch Wege, Traumschiffe herzuholen — wenn es sich rechnet.

Lübecker Nachrichten: Die berühmten 100 Tage im neuen Job haben Sie hinter sich. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

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Sebastian Jürgens: Der Lübecker Hafen hat ausgesprochen viele Chancen. Wir etablieren zum Beispiel eine hohe Anzahl von Hinterlandverbindungen, auf denen die Waren aus dem Hafen weitertransportiert werden. Dadurch wird Lübeck zum Bündelungspunkt für neue Ladung. Der Hafen wird nach einer Phase der Unsicherheit wieder verlässlicher für die Kunden. Da sind wir deutlich vorangekommen.

LN: Wie haben Sie das Unternehmen bei Amtsantritt vorgefunden?

Jürgens: Es gab in allen Bereichen eine gewisse Verunsicherung durch den Tarifkonflikt der letzten Monate. Wir haben den großen Kunden frühzeitig Signale der Stabilität gegeben.

LN: Die LHG hat in den letzten Jahren stets ein Geheimnis aus ihren Finanzdaten gemacht. Wie steht es denn um das Unternehmen?

Jürgens: Wir geben regelmäßig Umschlagszahlen heraus. Über die Veröffentlichung von Finanzdaten denken wir nach.

LN: Die LHG hat zuletzt 300 000 Euro Miese eingefahren. Werden Sie das Kerngeschäft in die schwarzen Zahlen führen?

Dr. Sebastian Jürgens: „Der Hafen wird wieder verlässlicher. Da sind wir deutlich vorangekommen.“

Jürgens: Wir müssen gucken, wie sich der Markt entwickelt. Es gibt Unsicherheiten durch die strengeren Schwefelgrenzwerte für die Schiffe in der Ostsee. Unsere Hauptkunden können derzeit nicht sagen, wie sich das auswirken wird. Es ist schwierig, eine Prognose abzugeben.

LN: Halten Sie an den Forderungen Ihres Vorgängers fest, dass die Hafenarbeiter Einbußen beim Lohn hinnehmen müssen?

Jürgens: Wir haben Restrukturierungsbedarf, dem habe ich nichts hinzuzufügen. Wir werden gemeinsam hinter verschlossenen Türen auf Basis wirtschaftlicher Fakten an einer Lösung arbeiten.

LN: Das Unternehmen hat gerade einen harten Arbeitskampf hinter sich mit dem Ergebnis, dass die Arbeitszeit weiter sinkt. Ist die LHG noch konkurrenzfähig?

Jürgens: Wir müssen zum Thema Kosten arbeiten. Es hat vernünftige Tarifverhandlungen mit einem vertretbaren Abschluss gegeben.

LN: Der Umschlag bei der LHG stagniert, zuletzt waren es 23,1 Millionen Tonnen. Wo wollen Sie neue Ladung herbekommen?

Jürgens: Wir haben insgesamt zwölf Zugverbindungen in der Woche von Lübeck nach Duisburg. Das ist eine relativ hohe Frequenz. Wir haben im letzten halben Jahr die Zahl der Abfahrten verdoppelt. Dadurch gewinnen wir gemeinsam mit unseren Partnern Ladung für Lübeck.

LN: Die litauische Limarko-Gruppe und die Vlantana Logistics Company fahren seit Februar zwischen Travemünde und Klaipeda. Was ist aus dem Testbetrieb nach Litauen geworden?

Jürgens: Das waren Testfahrten, und jetzt prüfen wir, ob daraus ein Geschäft wird.

LN: Der Nordlandkai ist das Sorgenkind der LHG. Es gab Gerüchte, dass die Flächen verkauft werden sollen.

Jürgens: Das Problem ist, dass es viele Gerüchte gab, was zur Verunsicherung führt. Wir setzen klare Botschaften dagegen. Wir haben ein Signal an unsere Kunden ausgesandt, dass wir das Papiergeschäft dort weiter betreiben wollen, nachweislich nicht benötigte Flächen aber anderweitig verwerten werden.

LN: Was macht Ihr Büro in St. Petersburg?

Jürgens: Die Bürgerschaft hat das abgesegnet. Wenn der Markt günstig ist und wir eine Perspektive sehen, werden wir das Büro eröffnen.

LN: Wismar hat Lübeck bei den Kreuzfahrern eingeholt. Was nun?

Jürgens: Ich kann gut verstehen, dass die Stadt das Kreuzfahrtgeschäft ausbauen möchte. Die LHG ist in der Lage, durch Umbaumaßnahmen auch größere Kreuzfahrtschiffe gut abzuwickeln. Wir werden uns dem Geschäftsfeld aber nur zuwenden, wenn wir Ertrag damit machen. Im Moment rechnet sich das Kreuzfahrtgeschäft nicht.

LN: Das sind neue Töne. Bisher hieß es immer, wir haben hier keinen Platz.

Jürgens: Wir trauen uns das Geschäft zu, müssen aber wissen, welche Schiffe kommen, wie viel Fördergelder wir bekommen, und wir brauchen einen Businessplan.

LN: Sie würden einen Anleger frei räumen?

Jürgens: Wir würden eine Möglichkeit finden, mit einer nachvollziehbaren Investition die Kreuzfahrer am Skandinavienkai abzuwickeln. Klar ist, dass wir keine Ladung vertreiben dürfen.

Interview: Josephine von Zastrow

und Kai Dordowsky

Der Philosoph und Logistik-Fachmann
Dr. Sebastian Jürgens steht seit dem 2. Januar auf der Kommandobrücke der Lübecker Hafen-Gesellschaft (LHG). Er leitet die LHG zusammen mit Ulfbenno Krüger.



Studium: Der 50-jährige gebürtige Hamburger studierte an der Universität Hamburg und an der Ludwig- Maximilians-Universität in München Jura und Philosophie. 1993 promovierte er zum Thema Buddhismus.



Karriere: Nach seinem zweiten juristischen Staatsexamen arbeitete Jürgens zunächst in München und dann in Singapur in einer Anwaltskanzlei, bevor er 1996 zu einer Unternehmensberatung wechselte. Von 2002 bis 2008 war der parteilose Manager bei der Deutschen Bahn Leiter der Strategieentwicklung, 2005 übernahm er das Geschäftsfeld Intermodal (die Organisation von Transporten auf verschiedenen Verkehrsträgern). Von 2009 bis 2011 verantwortete er bei der Hamburger HHLA die Bereiche Logistik und Intermodal. Wegen unterschiedlicher Auffassungen über die strategische Ausrichtung verließ er die HHLA.

LN