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Lübeck Messerattacke im Stadtbus: Weißer Ring ehrt die Helfer
Lokales Lübeck Messerattacke im Stadtbus: Weißer Ring ehrt die Helfer
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22:26 14.08.2018
Landesvorsitzende Manuela Söller-Winkler vom Weißen Ring überreicht Peter Spoth (62) die Urkunde.
Landesvorsitzende Manuela Söller-Winkler vom Weißen Ring überreicht Peter Spoth (62) die Urkunde. Quelle: Ulf Kersten-Neelsen
Lübeck

Bodo Waldemar Zündorf (74) saß am Tag des blutigen Attentats mit seinem Schach-Kollegen im Bus. „Mit einem Mal waren da Feuer und Rauch und Geschrei“, erinnert er sich der Pensionär. Sekunden später ging ein Mann mit einem Messer an ihnen vorbei. „Los, raus hier“, habe er zu seinem Kumpel gerufen, als der Bus hielt.

Rückblick: Am 20. Juli griff ein Attentäter in einem Bus des Stadtverkehrs Lübeck in Kücknitz mehrere Fahrgäste an und verletzte zehn zum Teil schwer. Der mutmaßliche Täter, der Deutsch-Iraner Ali D., sitzt unter anderem wegen des Verdachts des versuchten Mordes in Untersuchungshaft. Er soll in dem Linienbus Feuer gelegt und anschließend wahllos mit einem Messer auf Fahrgäste eingestochen haben.

Die Opferhilfeorganisation Weißer Ring hat vier Lübecker geehrt, die bei dem Bus-Attentat am 20. Juli vorbildlich gehandelt haben. Nach der Ehrung berichteten die Männer über ihren Einsatz und die Emotionen dabei. Bei der Messerattacke im Linienbus sind zehn Menschen verletzt worden.

„Man achtet jetzt ganz anders darauf, wer in den Bus einsteigt.

Bodo Waldemar Zündorf (74), Retter

Bodo Waldemar Zündorf erlebte den Angriff „wie in Trance“. Als der Bus hielt, ging er schnell zwei, drei Schritte in den benachbarten Wald. „Ich holte einen Knüppel, weil ich gesehen habe, dass der Attentäter ein Messer in der Hand hat.“ Der Senior versuchte, dem Angreifer die Waffe aus der Hand zu schlagen. „Er fuchtelte so rum, da habe ich ihn auf den Kopf getroffen“, erinnert er sich, „dabei fiel das Messer runter, und dann kam auch schon die Polizei und hat ihn überwältigt.“ Angst habe er nicht gehabt. „Man muss ja was tun, und ich hatte ja nun Gott sei Dank so’n abgebrochenen Ast.“

Eine entsetzliche Bluttat erschüttert Lübeck: Ein junger Mann entzündet im Bus nach Travemünde seinen Rucksack, schlägt und sticht dann wahllos auf die Fahrgäste ein. Auch der Fahrer wird verletzt. Das Motiv ist unklar.

Schlimme Erinnerungen oder Bilder im Kopf seien ihm nicht geblieben, so Zündorf. Selbstverständlich könne er auch noch Busfahren. „Aber man achtet jetzt ganz anders darauf, wer da einsteigt und so weiter.“ Das sei schon manchmal ein „komisches Gefühl“.

Auch Michael Emmig (39) saß im Bus, als „irgendjemand Feuer“ rief. „Es fing an zu qualmen“, erzählt er, „dann kam der Busfahrer, hat gelöscht und alle sind rausgerannt.“ Nur die beiden Rollstuhlfahrer standen da noch. Emmig manövrierte sie schnell so, dass er die Rampe herunterklappen und die Männer aus dem Fahrzeug schieben konnte. In Sicherheit. „Man agiert einfach“, sagt er.

Allerdings konnte er in den ersten Tagen nach der Tat im Bus nur stehen. „Weil ich einen Überblick über die Leute haben wollte, aber das geht mittlerweile wieder.“ Nachdenklich stimmt ihn nur, dass nicht mehr Fahrgäste geholfen haben. „Der Bus war doch voll.“

Auf Cihan Alkan (51) trifft das nicht zu. Auch er hat Zivilcourage bewiesen. Erst habe er versucht, bei einem der Rollstühle mit anzufassen. Doch die waren schwer, und als er nach Hilfe Ausschau hielt, traf ihn die Faust des Attentäters ins Gesicht. „Erst wusste ich nicht, wer er ist, aber dann habe ich das blutige Messer gesehen und zurückgeschlagen“, sagt er. Kurz darauf sei die Polizei dagewesen.

Wenn Busfahrer Peter Spoth (62) auf sein beherztes Eingreifen mit dem Feuerlöscher, das Öffnen der Türen und seine selbstlose Hilfe für die Fahrgäste zurückblickt (LN berichteten), dann würde er immer wieder so handeln. „Im Nachhinein belastet mich aber schon noch, dass trotz meines Eingreifens Menschen verletzt worden sind.“

Laut Oberstaatsanwältin Dr. Ulla Hingst dauern die Ermittlungen in dem Fall der Messer-Attacke an. „Eine Einlassung des Beschuldigten liegt der Staatsanwaltschaft bis dato nicht vor“, erklärt die Pressesprecherin beim Landgericht Lübeck auf Anfrage der LN. Die beauftragte psychiatrische Sachverständige habe aber angekündigt, dass in der kommenden Woche „eine erste, vorläufige Einschätzung zur Frage der Schuldfähigkeit des Beschuldigten bei Tatbegehung“ abgegeben werde. Die bisherigen Ermittlungen haben indes keinen Hinweis auf eine Radikalisierung des Beschuldigten oder einen terroristischen Hintergrund ergeben, so Dr. Hingst.

Dank und Lob in der Galerie

„Es ist eines der zentralen Anliegen des Weißen Rings, dass wir diejenigen unterstützen, die in einer solchen Situation nicht einfach wegsehen, die mutig sind und Risiken in Kauf nehmen“, sagt Jörg Ziercke, stellvertretender Bundesvorsitzender der Organisation. Die Gesellschaft sei auf solche Menschen angewiesen. Deren Verhalten stehe für Solidarität, Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe, so Ziercke.

Landesvorsitzende Manuela Söller-Winkler überreichte die Urkunden im Beisein von Andreas Ortz, Geschäftsführer Stadtverkehr, und betonte den Helfern gegenüber: „Ihnen gebührt ganz großer Dank, dass Sie so beherzt und mutig waren. Das ist keine Selbstverständlichkeit.“

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Cosima Künzel