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Lübeck Ministerium prüft Kritik an Schülerdemo
Lokales Lübeck Ministerium prüft Kritik an Schülerdemo
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09:52 27.01.2015
Lübeck

Die Aufregung um die Demonstration der fünf Lübecker Europaschulen für Toleranz, Freiheit und Respekt schlägt immer höhere Wellen.

Mehrere Schüler und auch Eltern kritisieren, dass die Teilnahme an der Demonstration nicht an allen Schulen freiwillig war. Mittlerweile wird über die Lübecker Versammlung deshalb sogar überregional in den Medien berichtet. Dabei missbrauchen offenbar auch einige zwielichtige Websites die Debatte, um Stimmung für die umstrittene Pegida-Bewegung zu machen. Das Kieler Bildungsministerium sieht unterdessen keine Hinweise dafür, dass eine Teilnahme erzwungen wurde.

Rund 1000 Schüler und Lehrer der Baltic-Schule, der Ernestinenschule, der Friedrich-List-Schule, der Emil-Possehl-Schule und der Thomas-Mann-Schule hatten sich am vergangenen Mittwoch für rund eine halbe Stunde auf dem Klingenberg zusammengefunden. Mit bunten Handzetteln sollte an Werte wie Freiheit, Vielfalt, Respekt, Toleranz, Meinungsfreiheit und Menschenwürde erinnert werden. Dafür hielten die Teilnehmer einige Minuten die farbigen Zettel in die Luft, Reden oder Kundgebungen gab es keine. Die Veranstaltung an sich lief still und friedlich ab, auf der Facebook-Seite von LN-Online zeichnete sich im Nachhinein jedoch ein anderes Bild ab.

Zunächst kritisierten die betroffenen Schüler und einige Eltern die Demonstration. Es sei eine Pflichtveranstaltung gewesen. Es habe Anwesenheitspflicht geherrscht. Bei Fernbleiben sei angedroht worden, unentschuldigte Fehlstunden in das Zeugnis eingetragen zu bekommen. Außerdem kritisieren einige der Schüler, dass sie erst kurz vorher darüber informiert worden seien, dass eine Demonstration geplant sei.

Neben den Schülern mischten sich daraufhin immer mehr Außenstehende in die Diskussion ein. Vergleiche mit der DDR werden gezogen, von „Staatsdemos“ ist die Rede. „Will die linke Mischpoke unser Land in einen Bürgerkrieg treiben?“, schreibt ein User. Die Debatte wird Schauplatz umstrittener Meinungsmache. Nicht wenige Stimmen der Schüler, die beteuern, dass ihnen die Wahl gelassen wurde, ob sie an der Versammlung der Schulen teilnehmen möchten, werden von den Massen übertüncht.

Und auch die Schulleiter finden kein Gehör mehr. Bereits in der vergangenen Woche hatten sie Stellung zu den Vorwürfen bezogen und die Kritik vehement zurückgewiesen. Auf verschiedenen Wegen sei die freie Wahl der Schüler sichergestellt worden. An einigen Schulen endete dafür der Unterricht bereits nach der sechsten Stunde, an anderen konnten sich die Schüler für die Demonstration entschuldigen lassen. Außerdem seien die Hintergründe der Veranstaltung im Unterricht vorher besprochen worden.

Derzeit prüfen nun die zuständigen Schulaufsichten des Landes- Bildungsministeriums in Kiel die Vorwürfe. „Wir sehen bisher keinen Hinweis dafür, dass Schüler zu der Demonstration gezwungen wurden“, betont Thomas Schunck, Sprecher der Ministeriums für Schule und Berufsbildung. Trotzdem gehe man der Kritik natürlich nach. In der kommenden Woche werde es zu diesem Thema Gespräche mit den beteiligten Schulen geben.

„Grundsätzlich gilt: Schüler zu der Teilnahme an einer Demonstration zu verpflichten, geht nicht“, sagt Schunck. „Das ist mit dem Schulgesetz nicht vereinbar.“Abgesehen davon sei es jedoch „gut und richtig“, wenn junge Menschen für Werte wie Toleranz, Respekt und Menschenwürde eintreten. „Gerade vor dem aktuellen Hintergrund ist es wichtig, diese Themen aufzugreifen.“ Insbesondere für die Europaschulen sei das relevant. Ein nicht unerheblicher Anteil der Schüler dort hat einen Migrationshintergrund.

„Wir haben bewusst gesagt, dass wir nicht gegen etwas, sondern einfach nur für diese wichtigen Werte eintreten wollen — es war nicht politisch, nicht gegen Pegida oder ähnliches“, stellt Stephan Cosmus, Schulleiter der Friedrich-List-Schule, klar.

Nachlesen: Ärger um Schülerdemo - war es eine Zwangsveranstaltung?

Freiwillig demonstriert es sich besser
Es ist traurig, dass einige Schüler Werte wie Freiheit und Toleranz offenbar nicht als so wertvoll erachten, dass sie dafür demonstrieren wollen. Allerdings ging es vielen der Schüler, die jetzt Kritik an ihren Schulleitungen üben, auch einfach ums Prinzip. Das heißt, sie wären auch so zu der Demonstration gegangen, sie wollten es aber eben gern freiwillig tun.
Und freiwillig war die Teilnahme eben nicht überall. Einige Schulen haben es ihren Schülern freigestellt, an anderen gab es aber offenbar zumindest einigen Druck. Das haben mehrere Schüler unabhängig voneinander berichtet.
Die Kritik dieser Schüler ist berechtigt. Selbstverständlich war die Aktion der Europaschulen gut gemeint und lobenswert. Aber gerade bei einer Kundgebung für Meinungsfreiheit und Toleranz muss man natürlich auch tolerieren, dass es Menschen gibt, die eben eine andere Meinung haben und nicht zur Demonstration gehen wollen, auch wenn es für viele nur schwer nachvollziehbar ist, wie man für diese Werte nicht auf die Straße gehen kann.
Zumal die Aktion sicher auch so ein Erfolg geworden wäre. Wäre es allen Schülern freigestellt gewesen, ob sie zur Kundgebung kommen, wären vielleicht nicht 1000 gekommen, aber bestimmt mehr als 900.
Und ihre Stimmen hätten dadurch, dass sie alle freiwillig da sind, sogar noch mehr Gewicht gehabt.
„Wir sehen bisher keinen Hinweis dafür, dass Schüler zu der Demonstration gezwungen wurden.“
Ministeriumssprecher Thomas Schunck
Sven Wehde (39) über die Vorwürfe, dass die Teilnahme an der Schulkundgebung nicht für alle Jungen und Mädchen freiwillig war.

Kim Meyer

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