Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Mit Schirm, Charme und Methode
Lokales Lübeck Mit Schirm, Charme und Methode
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:02 24.11.2014
Gabriele Waldraff-Wölffer präsentiert in ihrem Laden einen von rund 300 vorrätigen Schirmen. Die 100 Jahre alte Registrierkasse wurde seinerzeit von ihrem Großvater neu gekauft und nie ausgetauscht. „Da hänge ich irgendwie dran“, sagt sie.
Gabriele Waldraff-Wölffer präsentiert in ihrem Laden einen von rund 300 vorrätigen Schirmen. Die 100 Jahre alte Registrierkasse wurde seinerzeit von ihrem Großvater neu gekauft und nie ausgetauscht. „Da hänge ich irgendwie dran“, sagt sie. Quelle: Lutz Roeßler
Anzeige
Lübeck

Ein Herrenschirm soll es sein, in Schwarz? Gabriele Waldraff-Wölffer (59), Inhaberin von Lübecks ältestem und einzigem Geschäft nur für Schirme und Stöcke, legt genau zwei Exemplare auf die Theke. Beide kosten 55 Euro. „Viel Geld für einen Schirm, wenn man für 2,99 Euro in der Drogerie auch einen kriegt“, gibt sie unumwunden zu. Dann aber auch wieder nicht, fährt sie energisch fort: Leicht könne man 400 Euro oder mehr für einen Schirm ausgeben, je nach Holzart und Bauweise. Aber – müsse man das auch?

Von ihren Kunden tue es ohnehin keiner, bemerkt sie sogleich achselzuckend. „Wir sind hier in Lübeck.“ Auch wenn es hier vielleicht nicht ganz so viel regnet wie in Schottland und die Leute vielleicht nicht ganz so übertrieben sparsam sind: Sie bevorzugen Schottenkaros. Und Streifen. Schirme mit diesen Mustern gehen laut Gabriele Waldraff-Wölffer jedenfalls am besten.

Ein guter Schirm, doziert die Expertin, müsse außer einem bezahlbaren Preis vor allem zwei Eigenschaften haben: genügend Stangen und einen möglichst festen Stock. „Dieser hier hat 16 Stangen, andere haben nur acht.“

Natürlich führt sie auch kostspieligere Schirme: 125 Euro der teuerste, mit einem Stock aus Kastanienholz, der aus einem Stück gearbeitet ist. „Wie bei einem Spazierstock. Auf den können Sie sich wirklich aufstützen.“

Sie könnte noch stundenlang weitererzählen. Regenschirme – eine Wissenschaft für sich. Und was sie macht, hat Methode: Die Schirme, die es in den Laden schaffen – derzeit sind etwa 300 Stück vorrätig – haben eines gemeinsam: Sie lassen sich alle reparieren. Die Werkstatt befindet sich in einem kleinen Raum hinter dem Laden. Dort stapeln sich Schirmstangen, Griffe, Stoff. „Viele Teile habe ich aus alten Schirmen ausgebaut“, erklärt Waldraff-Wölffer. Auch die Reparaturen müssen natürlich bezahlbar sein. Einmal neu bespannen kostet 36 Euro.

30 Jahre ist „Madame Schirm“ schon im Geschäft. „Ich hab den Beruf von der Pike auf gelernt.“ Nämlich von ihrer Mutter, die den Laden vor ihr führte. Und die von ihrem Vater und so weiter. „Mein Urahn Martin Christian gründete den Betrieb.“ Sein Bild hängt an der Wand, wie das aller ehemaligen Ladeninhaber. Ein Mann in mittleren Jahren, er trägt eine Fliege, sein Haar ist ordentlich gescheitelt – nach der Mode der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Schon vor der Firmengründung 1792 habe der Urahn begonnen, den Lübeckern Regenschirme zu verkaufen. „Anfangs unter den Rathausarkaden.“ Erst als er genügend Geld verdient hatte, konnte er sich in einem Haus in der Unteren Wahmstraße niederlassen. Vorläufig. „Es war das Bestreben eines Lübecker Kaufmanns, auf den Hügel zu kommen“, weiß die Schirmfrau. „Sprich: in die Breite Straße.“ Und dorthin schaffte es Martin Christian dann auch noch.

Nach dem Krieg zog das Geschäft um in die Hüxstraße. Und von dort in die Fleischhauerstraße, wo es sich seit den Sechziger Jahren befindet. Seither hat sich am Interieur nicht viel geändert. Eigentlich gar nichts.

Die Ladentheke, die Schränke – alles ist noch original. Ein Werbeschild zeigt einen Straßenbahnschaffner, der einen roten Schirm hochhält. „Vergiss nicht deinen Hugendubel“, steht darunter. Eine Firma, die es nicht mehr gibt. Für Gabriele Waldraff-Wölffer kein Grund, das Schild abzuhängen. „Ich bin Sammlerin“, bekennt sie. Besonders stolz ist sie auf drei antike Gehstöcke mit edlen, geschnitzten Griffen. „Die hat eine nette Kundin mir gebracht.“

Schirme und Gehstöcke sind Gabriele Waldraff-Wölffers Welt. Dabei lernte sie einmal Fremdsprachenkorrespondentin und arbeitete zwei Jahre für eine Reederei in Amerika. „Well“, beginnt sie seither gerne ihre Sätze. „Auf jeden Fall macht es mir immer noch viel Spaß.“ Und so lange das so ist, wird sie weiter machen.

Marcus Stöcklin