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Lübeck Mitten am Tag: Lübecker Feuerwehrmann findet tote Frau in Bankfiliale
Lokales Lübeck Mitten am Tag: Lübecker Feuerwehrmann findet tote Frau in Bankfiliale
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17:50 10.12.2019
Feuerwehrmann Daniel Klenzendorf hat in der Commerzbank Filiale in der Fackenburger Allee in Lübeck eine tote Frau gefunden. Quelle: Holger Kröger
Lübeck

Er wollte nur kurz eine Überweisung machen. Deswegen war Daniel Klenzendorf an einem Sonntagvormittag zur Commerzbank-Filiale in der Fackenburger Allee in Lübeck gegangen. „Da saß eine Person im Vorraum der Bank, aufrecht mit dem Rücken an der Wand, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen“, sagt Klenzendorf.

Vor der Person standen drei große Tüten mit allerlei Krams, offenbar ihr Hab und Gut. „Das hat mich stutzig gemacht. Normalerweise bleiben Obdachlose ja nur solange in der Bank um sich aufzuwärmen, bis die ersten Kunden kommen.“

Kein Puls, keine Bewegung – und keiner, der ihr geholfen hat

Klenzendorf hat die Person laut angesprochen – keine Reaktion. Er ist zu ihr gegangen, hat die Kapuze hochgenommen. Er hat gefühlt, ob sie noch Puls hat. „Nichts. Im Gesicht waren schon Leichenflecken zu sehen. Ich habe dann sofort einen Notruf abgesetzt und danach versucht, sie zu reanimieren“, sagt der Berufsfeuerwehrmann aus Lübeck.

Erfolglos. Fünf Minuten später kamen seine Kollegen, die auch nur noch den Tod der Frau feststellen konnten. Klenzendorf ist seit 18 Jahren bei der Feuerwehr Lübeck, er ist die meiste Zeit als Rettungsassistent durch die Straßen Lübecks gefahren und hat dabei eine Menge gesehen. Trotzdem lässt ihn dieses Erlebnis in der Fackenburger Allee nicht kalt.

„Wie lange hat die Frau schon da gelegen?“

Fast drei Wochen ist das jetzt her. Doch immer noch ist Klenzendorf tief bewegt. „Ich war sauer und wollte direkt zur Polizei gehen, um eine Anzeige gegen Unbekannt wegen unterlassener Hilfeleistung zu stellen“, sagt Klenzendorf. „Wie lange hat die Frau da schon gelegen? Wie viele Menschen sind über sie gestiegen, um zum Geldautomaten zu kommen und haben sich nicht um sie gekümmert? Das ist schlimm, das macht mich traurig und wütend!“

Zwei Kunden seien in den rund fünf Minuten, in denen Klenzendorf die Frau reanimiert hat, in die Bank gekommen. „Die erste ist gleich wieder abgehauen, die hat gar nichts gesagt oder getan“, sagt Klenzendorf verständnislos. „Die zweite hat wenigstens vor der Bank gewartet und aufgepasst, dass in diesem Moment nicht etwa eine Familie die Bank betritt.“

Der Vorraum der Bank ist videoüberwacht, man kann also genau sehen, wie lang die Frau sich in der Bank aufgehalten hat. Laut Staatsanwaltschaft Lübeck ist „nicht von einer längeren Liegezeit auszugehen“. Weiterhin ist die Frau ohne festen Wohnsitz eines natürlichen Todes gestorben, der nicht durch Kälte verursacht wurde, bestätigt Oberstaatsanwältin Dr. Ulla Hingst. „Dieser Todesfall in unserer SB-Zone erfüllt unsere Mitarbeiter mit Trauer“, sagt Dagmar Baier, Commerzbank-Sprecherin.

Feuerwehrmann: „Sie war ein Sonnenschein“

Daniel Klenzendorf nimmt dieses Erlebnis auch deswegen besonders mit, weil er die obdachlose Frau kannte – von Berufs wegen. „Vier Mal habe ich sie eingesammelt“, sagt Klenzendorf, der als Rettungswagenfahrer von der Polizei gerufen wurde, wenn die Frau auffällig wurde. Es seien meist Fälle wie öffentliches Urinieren oder Erregung öffentlichen Ärgernisses gewesen. Weil die Frau wegen Entzugskrämpfen nicht haftfähig war, musste Klenzendorf sie zum Ausnüchtern ins UKSH bringen.

„Ich habe mit ihr im Auto gesprochen. Sie war ein Sonnenschein. Sie hat immer von Pferden erzählt und wie gern sie früher geritten ist“, sagt Klenzendorf. „Ich habe sie meist nur einmal um den Block gefahren und dann wieder rausgelassen. Wir haben immer per Handschlag abgemacht, dass wir uns heute nicht mehr wiedersehen – sie hat sich immer daran gehalten.“

„Ich will der Frau eine Stimme geben“

Von der Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung hat Klenzendorf doch noch abgesehen. Schließlich weiß er nicht genau, ob und wie viele Kunden tatsächlich über die Frau gestiegen sind, ohne ihr zu helfen. Und: „Was bringt das? Ich will der Frau eine Stimme geben!“, sagt Klenzendorf.

Deswegen will er aufklären. „Keiner muss bei einer Person, die regungslos auf dem Boden liegt, Mund-zu-Mund-Beatmung machen. Das finden viele eklig“, sagt Klenzendorf. „Ich auch. Die Person hatte sich eingekotet, es hat furchtbar gerochen. Aber es ist ein Mensch, da muss man helfen!"

So viel Einsatz, wie der Feuerwehrmann selbst geleistet hat, erwartet er nicht von jedem. „Aber die Person laut ansprechen und einen Rettungswagen rufen, das kann wirklich jeder! Wenn wieder eine Person tot in einer Bankfiliale liegt, dann will ich mittags nicht noch einmal der Erste sein, der sich um sie kümmert.“

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