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Lübeck „Nachmittags klingelte die Stasi“
Lokales Lübeck „Nachmittags klingelte die Stasi“
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02:38 08.11.2014
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Die schrecklichen Erinnerungen sitzen auch heute noch tief. Flucht, Untersuchungshaft, Freiheitsstrafe, vom einfachen Bürger zum „operativen Vorgang“, bespitzelt und aus der Staatsbürgerschaft entlassen: Jürgen Raatz hat in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) viel erlebt. Seit Dezember 1980 ist er Bürger der Hansestadt Lübeck. Als Busfahrer beim Stadtverkehr Lübeck hat er den Fall der Mauer und den Menschenauflauf am Schlutuper Grenzübergang hautnah miterlebt.

„Der R. versuchte am 26.02.72 mit Hilfe eines Schlauchbootes die DDR ungesetzlich zu verlassen“, heißt es in einem Schreiben der Bezirksverwaltung Neubrandenburg. Hier beginnt der Fall „Raatz“. „Ich war damals 17 Jahre und im Staat lief alles verquer“, erzählt Jürgen Raatz. Der gelernte Kfz-Schlosser fasste einen folgenschweren Entschluss: „Ich flüchte.“ Mit dem Schlauchboot über die Ostsee, das war die Idee. Doch soweit kam der Jugendliche nicht. „Als ich am Strand aus dem Bus stieg, wurde ich verhaftet.“ Abtransportiert wie ein Schwerverbrecher, in Handschellen ging es für ihn in die Untersuchungshaft. Urteil: Zwei Jahre auf Bewährung.

„Dieser Fluchtversuch hat mich von da an verfolgt“, sagt Raatz. Bedrückt schaut der 60-Jährige auf das Urteil. Das Leben wurde ihm schwer gemacht, berufliche Möglichkeiten verwehrt.

Auch sein Wunsch, zur See zu fahren, wurde von der Staatssicherheit (Stasi) wegen des Fluchtversuchs boykottiert. „Aus diesem Grund wird die Aushändigung eines Seefahrtsbuches an den R. von unserer Diensteinheit nicht zugestimmt“, heißt es in den Akten. Der Beauftragte für Unterlagen der Stasi der ehemaligen DDR wird dies Jahre später als „Ausstiegsschäden“ bezeichnen.

Dokumente aus der Stasi-Akte

Welche Perspektiven bleiben einem jungen Mann? Ausgestattet mit einem Motorschlauchboot startete Raatz 1978 einen zweiten Fluchtversuch — die einzige Möglichkeit aus der unerträglichen Situation zu entkommen. 80 Liter Benzin waren gebunkert. Mitten in der Nacht ging es los. „Ich war schon auf der Ostsee“, erzählt er. „Aber der Motor machte Probleme. Ich musste zurück.“ Auch dieser Fluchtversuch war gescheitert.

Aufgeben? Das kam für Jürgen Raatz trotzdem nicht in Frage. Er hatte bereits eine neue Idee. „Im April 1979 schrieb ich Briefe an die UN-Menschenrechtskommission und Egon Franke, den Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen.“ Über die wahnwitzigen Zustände aufklären, das war sein Ziel. Mit der DDR-Post konnten die heiklen Botschaften aber nicht verschickt werden. Es gab nur eine Lösung:

„Ich gab die Briefe einem Verwandten, der mit dem Auto zu einer Feier in den Westen fuhr.“ Unter der Fußmatte versteckt, sollten sie den Weg in die Freiheit finden.

„Nachmittags klingelte die Stasi.“ Sie waren ihm auf die Schliche gekommen und hatten bereits angeordnet, das Auto der Familie zu filzen. Die Briefe wurden gefunden. „Ich habe gefragt, ob ich wenigstens mein Mittag aufessen darf.“ Das wurde gestattet. Danach ging es in die Untersuchungshaft nach Rostock, ein Ermittlungsverfahren wurde sofort eingeleitet. Raatz wurde zu einem Jahr und acht Monaten Freiheitsstrafe sowie einer Geldstrafe von 500 Mark verurteilt. Die „Beeinträchtigung staatlicher Tätigkeit“ und die „Vortäuschung einer Straftat“ wurden als Gründe angeführt, eine Farce. Er war ein politischer Häftling.

„Es war entsetzlich“, erzählt Jürgen Raatz. Es schaudert ihn noch heute. Bei Arbeitsverweigerung seien die Häftlinge von Schließern mit Knüppeln verprügelt worden. „Ich musste Objektive für Spiegelreflexkameras drehen“, erinnert sich Raatz. „Und wo lag der Mist dann? Bei Neckermann im Schaufenster.“ Besonders betroffen machte ihn das Schicksal seines Mithäftlings Günter Stöcklein. „Er wollte fliehen und wurde dabei von Grenzsoldaten im wahrsten Sinne des Wortes durchlöchert.“ Er überlebte und wurde mit schweren Schussverletzungen in das Gefängnis eingeliefert. Noch heute fragt sich Raatz, was aus ihm geworden ist.

Mit der Amnestie zum 22. Jahrestag der DDR wurde auch Jürgen Raatz aus der Haft entlassen. Trotzdem bleibt er ein Dorn im Auge der Stasi. Er wird von da an in einem „Operativvorgang“ bearbeitet, anders ausgedrückt: Er wird bespitzelt. Seine Pläne, Absichten und Kontakte sollen genau unter die Lupe genommen werden.

„Ich war froh, als ich im November 1980 endlich aus der Staatsbürgerschaft entlassen wurde.“ Vom Aufnahmelager Gießen — nach Befragungen des westlichen Geheimdienstes — ging es für Raatz ins Hotel Waldhusen in Lübeck. „Seitdem bin ich Bürger der Hansestadt und ich fühle mich wohl hier.“

Vom Mauerfall erfuhr Jürgen Raatz dann über die Medien. „Das war der Anfang vom Ende des Unrechtsstaats, einer Diktatur unter Führung der Kommunisten.“ Als Busfahrer beim Stadtverkehr steckte Raatz mitten im Freudenrausch der Massen fest. „Ich fuhr mit der Linie 11 nach Schlutup. Es ging nichts mehr.“ Bis zur Endstation kam er nicht mehr. Ein gewagtes Wendemanöver an der Ecke Wesloer Straße zur Mecklenburger Straße war der letzte Ausweg. Mit dem Auto und zu Fuß waren die Menschen unterwegs. Raatz dachte in diesem Moment an die DDR. „Endlich ging es mit ihr zu Ende.“

Die Stasi-Akte: Ein Leben gesammelt auf Papier
umfasst die Stasi-Akte (Foto) von Jürgen Raatz. Der heute 60-Jährige steht gern für Interessierte und auch Schulklassen mit seinem Material zur Verfügung. Auch an dem Buch der CDU „Zeitzeugen erinnern sich — 25 Jahre Mauerfall — Geschichten zum Fall der Mauer“ hat er mitgewirkt. Den Kontakt zu Jürgen Raatz vermittelt die CDU-Geschäftsstelle, An der Untertrave 14-16, Telefon 0451/729 08.

Kim Meyer

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