Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Abtauchen in die Geschichte
Lokales Lübeck Abtauchen in die Geschichte
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:01 14.11.2018
Kultursenatorin Kathrin Weiher eröffnet die Ausstellung.
Kultursenatorin Kathrin Weiher eröffnet die Ausstellung. Quelle: Friederike Grabitz
Anzeige
Innenstad

Es sind nur ein paar Schritte, die geradewegs ins Mittelalter führen: Wo die Fischstraße auf den Schüsselbuden trifft, öffnet die großzügige Glasfassade des Ulrich-Gabler-Hauses den Blick nach unten. Dort lässt sich im Café Ulrich’s der Vorwerker Diakonie einer der ältesten Gewölbekeller Lübecks unmittelbar erleben. Seit Dienstag gibt es direkt im Nebenraum ein Informationszentrum, das Ausgrabungsfunde zeigt und Interessierten historische Hintergründe sowie Informationen zum Grabungsprozess bietet. Dort kann man zum Beispiel erfahren, dass es im 12. Jahrhundert im Gründungsviertel, einem der ältesten Stadtteile Lübecks, ganz ähnlich ausgesehen haben könnte wie heute. Es war eine Großbaustelle – „nur mit viel mehr Holzbauten“.

„Man geht zufällig hier herein, ohne den Vorsatz, drei Stunden im Museum zu verbringen, und erlebt dann Archäologie“, sagt zur Eröffnung Friedemann Ulrich von der Vorwerker Diakonie vor einem mit 50 Gästen voll besetzten Saal. Es ist der erste von insgesamt fünf historischen Kellern, die aus Anlass des Europäischen Kulturerbe-Jahres unter dem Motto „Sharing Heritage“ („Das Erbe teilen“) der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Einfach war das nicht, erzählt Max Schön, Vorsitzender der Possehl-Stiftung: „Wir mussten die Bauherren aller betroffenen Grundstücke überzeugen, dass sie ihre Keller zur Verfügung stellen.“ In Bauprozessen würden Ausgrabungen oft als lästig empfunden, weil sie den Bau unter Umständen um mehrere Jahre verzögern. Deshalb sei es ein großes Anliegen, mit dem Projekt Bauherren und Archäologen zusammenzubringen. Manfred Schneider, der Bereichsleiter Archäologie, freut sich deshalb besonders, dass viele künftige Hauseigentümer gekommen sind.

Dirk Rieger, der die Grabungen im Gründungsviertel leitete, betont die Größe und Bedeutung des Projektes: Es seien hier so viele Fördermittel vom Bund vergeben worden wie für kaum ein anderes archäologisches Projekt. Der Reichtum unter der Erde sei zudem ein wichtiges Argument für die Vergabe des Welterbe-Status an die Hansestadt gewesen.

Deshalb hat Rieger das Gründungsviertel auch nach Berlin geholt, und zwar im Wortsinn: Anlässlich der Archäologie-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau wird dort zurzeit einer der historischen Keller aus Lübeck nachgebaut. Dabei hat Rieger tatkräftige Hilfe von der Jugendbauhütte, die es jungen Menschen ermöglicht, im freiwilligen sozialen Jahr Grabungen zu unterstützen. Jannis Gödecke (19), Nina Stahl (18) und Katja Wernecke (19) wollen Geschichte beziehungsweise Archäologie studieren und in diesem Projekt einen Einblick in ihren zukünftigen Beruf bekommen. „In Berlin machen wir experimentelle Archäologie“, fasst Gödecke zusammen. „Wir bauen den Keller mit den Mitteln von damals nach, während die Besucher durch die Ausstellung gehen. Wir sind also Teil der Ausstellung.“ Sie arbeiten auch in Lübeck mit und bieten hier beispielsweise eine Führung durch die Keller speziell für Jugendliche an, die Wernecke selbst entwickelt hat.

Für Kultursenatorin Kathrin Weiher (parteilos) ist das neue Informationszentrum im Schüsselbuden ein Grund, größer zu denken: „Wir haben gerade erreicht, dass es wahrscheinlich wieder ein Völkerkundemuseum bei uns geben wird“, sagt sie zur Eröffnung. „Vielleicht kommt ja eines Tages noch ein archäologisches Museum hinzu?“

Friederike Grabitz