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Lübeck Nur die Löwen am Holstentor erinnern an Lübecks „Adlon“
Lokales Lübeck Nur die Löwen am Holstentor erinnern an Lübecks „Adlon“
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18:39 25.11.2013
Von Michael Hollinde
Diese Postkarten-Ansicht vom Klingenberg mit dem Hotel „Stadt Hamburg“ (rechts) stammt aus dem Jahr 1900.
Diese Postkarten-Ansicht vom Klingenberg mit dem Hotel „Stadt Hamburg“ (rechts) stammt aus dem Jahr 1900.
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Lübeck

Es war Anfang des vergangenen Jahrhunderts für die Hansestadt das, was das legendäre „Adlon“ für Berlin ist — „das erste Haus am Platze“, wie das „Hotel Stadt Hamburg“ in einer Anzeige in einem Reiseführer aus dem Jahr 1920 noch selbst für sich warb. Auch in Thomas Manns Werken „Buddenbrooks“ und „Tonio Kröger“ findet es Erwähnung. Aus einer Eintragung von 1938 geht hervor, dass die Nobel-Herberge mit ihren 125 Betten das zu diesem Zeitpunkt größte Hotel innerhalb der Stadtgrenzen war; das danach folgende war das „Hotel Jensen“ mit nur 70 Betten. Dann allerdings kam die schreckliche Bombennacht vom 28. auf den 29. März 1942 — Palmarum —, und vom einstigen Vorzeigeobjekt blieb fast nur die Fassade stehen.

Und die beiden aus Eisen gegossenen Löwenfiguren, die jahrzehntelang die Eingangstreppe umrahmten. Sie erinnern noch heute an Lübecks „Adlon“, aber nicht mehr an ihrem ursprünglichen Standplatz am Klingenberg, sondern vor dem Holstentor. „Nach dem zerstörerischen Bombardement wurden sie nämlich von der Bauverwaltung in Verwahrung genommen, um dann nach der Neugestaltung der Grünanlage vor dem Holstentor dort platziert zu werden“, weiß Hobbyforscher Guido Weinberger. Die Tierfiguren seien wahrscheinlich im Jahr 1823 von dem berühmten Bildhauer Christian Daniel Rauch geschaffen und dann 1873 vor das Hotel-Portal gestellt worden.

Von Berufswegen ist Weinberger diplomierter Grafikdesigner und bei der Stabsstelle Integrierte Kommunikation des Uniklinikums beschäftigt, aber sein privates Steckenpferd ist schon seit seiner Schulzeit die Familien- und Heimatforschung, wie er betont. „Als gebürtiger Lübecker identifiziere ich mich einfach mit meiner Stadt und bin von der Historie — auch abseits der Hansezeit — sehr fasziniert“, erklärt der 49-Jährige, der sein Abitur an der Oberschule zum Dom erwarb. Sicherlich sei schon sehr vieles aufgearbeitet, aber man stoße bei der Recherche doch immer mal wieder auf „weiße Flecken“. „Aber nicht, dass Sie mich falsch verstehen — ich strebe nicht nach lupenreiner exakter wissenschaftlicher Aufklärung. Es ist mein Hobby, und ich bin mehr an den Geschichten, die sich hinter den puren Fakten verbergen, interessiert.“ So sucht er aktuell nach Zeitzeugen, die ihm noch etwas über das Hotel „Stadt Hamburg“ erzählen können. „Vor allem Menschen, die dort gearbeitet haben, wären eine große Bereicherung für mein Projekt, aus dem einmal ein angereicherter Fotoband werden könnte.“

An die 30 Bilddokumente hat Weinberger schon von Privatleuten gesammelt und in einer Art vorläufiger Broschüre zusammengestellt. Einige historische Begebenheiten hat er ebenfalls recherchiert. „So wurde nach dem Krieg zum Beispiel Anfang der 1950er Jahre ernsthaft überlegt — als es mit den Besucherzahlen in der Hansestadt wieder aufwärts ging —, das kaputte Gebäude aufzubauen“, sagt der Hobbyforscher. Ein Hamburger Investor habe bereitgestanden und auf finanzielle Hilfe vom Land gehofft. „Doch 1955 verzichtete die Stadt schließlich doch auf einen Wiederaufbau an dieser Stelle zugunsten der Schwimmhalle Schmiedestraße“, erklärt er.

Dass in dem „ersten Haus am Platze“ Berühmtheiten genächtigt haben, konnte Weinberger zum Teil bereits recherchieren. „Thomas Mann stieg in dem Hotel selbst ab, in dem er auch den Hochstapler Bendix Grünlich bei seinen Buddenbrooks ein paar Zimmer nehmen ließ. Auch Schriftsteller Stefan Zweig war 1926 hier Hotelgast“, so Weinberger. Namen von unzähligen Fürsten, Prinzen, Grafen, Herzögen sowie hohen Militärs und Ministern fänden sich ebenfalls in den Gästelisten der Herberge, die bereits Mitte des 19. Jahrhunderts einen exzellenten Ruf genoss.

Hamburger Herberge war der älteste Gasthof Lübecks

1444 erwarb der Hamburger Rat das Grundstück Klingberg 1, wo ein Haus entstand, das den Ratsherrn als „Absteige“ in Lübeck diente. Im damaligen Sprachgebrauch war es die Hamburger Herberge. 1480 überließ dann Kaufmann und Bürgermeister Hinrich Castorp dem Rat der Stadt Hamburg ein Haus auf dem Klingenberg. Daraus wurde später das Hotel „Stadt Hamburg“. Um 1850 hatte das von G. T. Pflüg geführte Hotel 71 Zimmer. 1861 ging das Haus an Carl Toepfer über. Ab 1900 wurde es von seinem Sohn Adolf Toepfer bewirtschaftet, der das Amt des herzöglichen Hofkoches inne hatte. Um 1930 nannte sich das Hotel „Hamburger Hof“.

Informationen zum Hotel an Guido Weinberger: Telefon 01 79/ 525 49 69, E-Mail: gweinberger@yahoo.de

Michael Hollinde