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Lübeck Obdachlosenheim: Größer - aber trotzdem voll
Lokales Lübeck Obdachlosenheim: Größer - aber trotzdem voll
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23:10 13.03.2017
Seit einem knappen Jahr überwacht die Vorwerker Diakonie die Flure und Küchen mit Videokameras. Seitdem sind Auseinandersetzungen zurückgegangen, weiß Einrichtungsleiter Lothar Lachetta. Quelle: Fotos: Felix König
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Lübeck

Ein langer, wenig beleuchteter Flur. Überall liegen Matratzen, auf denen Obdachlose ihre Habseligkeiten deponiert haben. Einige Männer sitzen auf Stühlen und rauchen, andere liegen auf ihren Betten. „63 Menschen leben aktuell hier“, berichtet Heike Raddatz-Kossak, Bereichsleiterin Soziale Hilfen der Vorwerker Diakonie. Allein 20 Männer sind in dem Trakt untergebracht, in dem früher das Ausgleichsamt seine Büros hatte. „Ohne diese Räume wären wir aufgeschmissen“, sagt Einrichtungsleiter Lothar Lachetta.

 

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Überall im Flur liegen Matratzen mit den Habseligkeiten der Bewohner.

Denn die Zeiten, in denen Obdachlose nur in harten Wintern die Unterkünfte wie das Bodelschwinghhaus am Meesenring aufsuchen, sind lange vorbei. „Wir haben über das ganze Jahr eine relativ gleichbleibende Belegung“, sagt Bereichsleiterin Raddatz-Kossak. Manche der Aufgenommenen bleiben über Jahre, andere kommen immer wieder, einige bleiben nur ein paar Tage.

Weil das Bodelschwinghhaus mit seinen regulären Plätzen und den Notbetten schon länger nicht mehr auskam, stellte die Stadt vor zwei Jahren die ehemaligen Büroräume zur Verfügung. Mietverträge liefen stets über ein paar Monate. Ein unbefristeter Mietvertrag schien nicht möglich. Mal hieß es, die Stadt brauche die Räume für andere Behörden. Mal wurde gemunkelt, dass die Mitarbeiter der ebenfalls in dem Haus ansässigen Ämter nicht so begeistert von den Nachbarn seien.

Doch damit ist Schluss. Die Bürgerschaft hat Ende Februar einstimmig beschlossen, dass die Vorwerker Diakonie den unbefristeten Vertrag erhält. „Dafür sind wir sehr dankbar“, sagt Heike Raddatz-Kossak. SPD und CDU haben den Antrag gemeinsam eingebracht, initiiert hat ihn der Vorsitzende des Sozialausschusses, Andreas Sankewitz. „Ich hatte dafür zwei Gründe“, sagt der SPD-Politiker.

Erstens wollte er den Bürgern, die stets klagen, dass alles für Flüchtlinge, aber nichts für Einheimische getan werde, das Gegenteil beweisen. Zweitens hat er sich geärgert, dass die Vorwerker Diakonie die frühere List-Schule nicht kaufen konnte, weil Senatorin Kathrin Weiher (parteilos) ihr Veto eingelegt hatte. „Die Vorwerker Diakonie hat darauf großzügig reagiert. Mit dem unbefristeten Mietvertrag für das Bodelschwinghhaus setzen wir ein Signal“, erklärt Sankewitz. Für CDU- Sozialpolitikerin Heidi Menorca ist wichtig, dass die Diakonie Planungssicherheit erhält. Außerdem wolle sie sich nicht damit abfinden, dass „Menschen auf den Fluren liegen müssen“.

Wohnungslosigkeit werde bundesweit weiter dramatisch zunehmen, zitiert Lutz Regenberg, Sprecher der Vorwerker Diakonie, die Einschätzungen von Fachverbänden – von derzeit 386 000 Betroffenen auf eine halbe Million in den nächsten drei Jahren.

Entlastung für das Bodelschwinghhaus erhofft sich die Vorwerker Diakonie durch das Projekt Wohnraumhilfe und die für nächstes Jahr angestrebte Inbetriebnahme einer Unterkunft für obdachlose Frauen und junge Erwachsene. Die Wohnraumhilfe laufe gut an, 33 Menschen seien bereits in Wohnungen bei privaten Vermietern, der städtischen Grundstücksgesellschaft „Trave“ oder der Buwog untergekommen. Die Vorwerker Diakonie übernimmt die Miete und die Haftung – und notfalls den Mieter auch wieder zurück ins Bodelschwinghhaus. „Jeder, der eine Wohnung kriegt, macht drei anderen Hoffnung“, sagt Heike Raddatz-Kossak.

In der Dr.-Julius-Leber-Straße kauft die Vorwerker Diakonie ein städtisches Gebäude, in dem derzeit noch Flüchtlinge leben. Dort entstehen Räume für wohnungslose Frauen, Trainingswohnungen und Räume für obdachlose junge Erwachsene, die bisher am Meesenring untergebracht werden. „Das entlastet das Bodelschwinghhaus um sechs bis sieben Bewohner“, sagt Raddatz-Kossak.

Aus Sicht der Sozialpolitiker ist Lübeck dann bei der Betreuung von Obdachlosen ganz gut aufgestellt. Aber für Andreas Sankewitz reicht das noch nicht: „Ich habe den Wunsch, dass wir Flüchtlingsunterkünfte wie in der Solmitz- oder der Ostseestraße auch für Obdachlose bauen können.“

Mehr Platz, mehr Bedarf

49 Plätze zählt das Bodelschwingh- haus für die Unterbringung von Obdachlosen; außerdem eine unbegrenzte Zahl von Notbetten. Bis vor zwei Jahren musste die Unterkunft mit 33 Plätzen auskommen.

Dann wurde ein Nebentrakt in dem Gebäude dazugemietet.

638 000 Euro zahlt die Vorwerker Diakonie für die jetzige Flüchtlingsunterkunft in der Dr.-Julius-Leber- Straße an die Stadt. Dort entstehen 30 Plätze für wohnungslose Frauen und junge Erwachsene. Die Vorwerker Diakonie hofft, das Gebäude ab dem Winter 2017/2018 nutzen zu können.

534 Menschen ohne Wohnung musste die Stadt im vergangenen Jahr unterbringen. 2013 waren es 459. Wohnungslosigkeit wird nach Angaben von Fachverbänden bundesweit dramatisch zunehmen.

 Kai Dordowsky