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07:43 27.02.2019
Der Bus-Attentäter von Lübeck-Kücknitz vor Gericht. Quelle: Lutz Roeßler
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St. Jürgen

Im Prozess um das Lübecker Bus-Attentat sind am Dienstag die Plädoyers gehalten worden. Staatsanwaltschaft und Verteidigung forderten einstimmig die Unterbringung des Beschuldigten in einem psychiatrischen Krankenhaus. Nun muss das Gericht entscheiden, das Urteil wird am 9. März erwartet.

Sechster Prozesstag

Seit Januar muss sich der psychisch kranke Deutsch-Iraker Murat F. (Name von der Redaktion geändert) vor dem Landgericht verantworten. Er soll am 20. Juli vergangenen Jahres in einem Bus der Linie 30 in Kücknitz ein Feuer gelegt, wahllos um sich gestochen und zwölf Menschen verletzt haben. Bereits seit Februar habe er sich von Strahlen aussendenden Menschen aus Lübeck, Bad Oldesloe und Hamburg mit Strahlen angegriffen und verfolgt gefühlt. Die Tat sei nach eigener Aussage ein Zeichen gewesen, um sich zur Wehr zu setzen.

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Am sechsten Prozesstag bestätigte die psychiatrische Sachverständige Dr. Christine Heisterkamp erneut die paranoide Schizophrenie des Beschuldigten. Der Lübecker habe zur Tatzeit unter erheblichen Wahnvorstellungen gelitten. Beim Gespräch mit der Gutachterin rund einen Monat nach der Tat plagten den Beschuldigten Suizidgedanken. „Zudem fühlte er sich von den JVA-Beamten mit Laserstrahlen attackiert und überlegte, wie er auf die Beamten losgehen könne“, berichtet die Gutachterin.

Eine entsetzliche Bluttat erschüttert Lübeck: Ein junger Mann entzündet im Bus nach Travemünde seinen Rucksack, schlägt und sticht dann wahllos auf die Fahrgäste ein. Auch der Fahrer wird verletzt. Das Motiv ist unklar.

Besserung im psychiatrischen Krankenhaus

Der 34-Jährige habe angespannt gewirkt und sich kaum auf das Gespräch konzentrieren können. „Er war wie kurz vorm Platzen. So etwas erlebe ich auch selten bei meinen Besuchen in der JVA“, kommentierte Heisterkamp. Nach der Verlegung in ein psychiatrisches Krankenhaus sei es dem Beschuldigten deutlich besser gegangen. „Als ich ihn am 18. September dort besuchte, war er entspannter. Er sagte, er werde dort nicht mehr gelasert“, berichtet die Gutachterin. Die Erkrankung von Murat F. sei zwar in den vergangenen Monaten zurückgegangen. „Der Beschuldigte ist aber nicht gesund“, betonte sie. Heisterkamp befürwortete daher eine weitere Unterbringung und eine Fortführung der Therapie.

Plädoyer der Staatsanwaltschaft

Im Anschluss folgten die Plädoyers. Die Staatsanwaltschaft beantragte die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. „Ich bin mir sicher, dass der Beschuldigte nicht nur seine vermeintlichen Angreifer töten, sondern auch selbst den Tod finden wollte“, sagte Staatsanwältin Ann-Sophie Portius. Es sei wahrscheinlich, dass der 34-Jährige erneut Angriffe auf andere Menschen verüben werde, wenn keine weitere Behandlung erfolge.

Verteidigung ist nicht immer leicht gefallen“

Verteidiger Oliver Dedow schloss sich dem Antrag an. „Ich räume ein, dass diese Sache auch für mich sehr beeindruckend ist und dass es mir manchmal schwer gefallen ist, meinen Mandanten zu verteidigen“ sagte er. Mahnende Worte habe er im Vorfeld nicht nur an seinen Mandanten sondern auch an dessen Familie gerichtet. „Hier hätte man vielleicht etwas früher genauer hinschauen und eingreifen müssen“, so Dedow.

Aber auch Murat F. tue ihm leid. „Er ist in einen Krankheitsstrudel hineingeraten, normale Denkansätze waren nicht mehr möglich. Er wollte aus Angst vor Strahlen im Kühlschrank schlafen oder bedeckte sich mit Alufolie“, sagte der Verteidiger. Die von ihm geforderte Unterbringung habe er im Vorfeld mit Murat F. besprochen. „Sie wissen, dass Sie erst unter Beweis stellen müssen, dass Sie keine Gefahr mehr für andere darstellen“, sagt er zu seinem Mandanten gewandt.

Der hatte zum Abschluss des sechsten Prozesstags das letzte Wort. „Ich möchte mich für die Tat entschuldigen und hoffe, dass die Geschädigten alle ganz gesund werden“, sagte er mit fester Stimme.

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Maike Wegner

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