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Lübeck Attentat in Lübeck: Mutiger Busfahrer Peter Spoth geehrt
Lokales Lübeck Attentat in Lübeck: Mutiger Busfahrer Peter Spoth geehrt
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19:27 19.11.2019
Ministerpräsident Daniel Günther überreicht Rettungsmedaille an Busfahrer Peter Spoth aus Lübeck Quelle: Foto: Frank Peter,
Kiel

Eine Rettungsmedaille vom Ministerpräsidenten des Landes Schleswig-Holstein zu bekommen, ist eine tolle Sache. Aber Peter Spoth (64) ist an diesem Tag nicht nach großen Freudensprüngen zumute. „Es gab ja nur zwei Möglichkeiten“, sagt er. „Entweder ich mach’ die Tür auf und lauf weg. Oder ich bleibe da und tue was.“

Am 20. Juli 2018 greift ein Attentäter in einem Bus des Stadtverkehrs Lübeck in Kücknitz mehrere Fahrgäste an und verletzt zwölf zum Teil schwer. Peter Spoth ist damals der Busfahrer. Durch sein mutiges Eingreifen verhindert er Schlimmeres.

Kamerateams warten auf den Star des Tages

Im Gästehaus der Landesregierung in Kiel warten am Nachmittag schon die Reporterteams und Kameras auf den „Star“ des Tages. Zusammen mit seiner Frau Anne (63), Sohn Sven (44), Schwiegertochter Nicole (39) und seiner Enkeltochter Wolke ist Peter Spoth aus Lübeck angereist. Wolke ist genau fünf Tage nach dem Attentat auf die Welt gekommen. „Sie ist meine große Freude“, erzählt Peter Spoth. „So wird der Vorfall durch das Leben an die Seite gedrängt.“ Dass es damals Verletzte gegeben hat, damit habe er noch immer zu kämpfen. „Ich war der Meinung, ich hab’ alle aus meinem Fahrzeug herausbekommen.“

Der 20. Juli 2018 ist ein sonniger Freitag. Peter Spoth ist an diesem Tag für die Strecke Lübeck/Travemünde eingeteilt. Um 13.15 startet er am Lübecker ZOB, hilft an der Haltestelle in der Solmitzstraße noch einem Rollstuhlfahrer in seinen Gelenkbus. Wenige 100 Meter später ist die Welt aus den Fugen geraten. Da hat der Deutsch-Iraner Ali D. (35) bereits mitten im Bus Feuer gelegt und zwölf Menschen mit einem Messer verletzt.

Eine entsetzliche Bluttat erschüttert Lübeck: Ein junger Mann entzündet im Bus nach Travemünde seinen Rucksack, schlägt und sticht dann wahllos auf die Fahrgäste ein. Auch der Fahrer wird verletzt. Das Motiv ist unklar.

Spontante Hilfe für die Fahrgäste

Peter Spoth sieht anfangs nur die Flammen, lenkt seinen Bus an den Fahrbahnrand und öffnet alle Türen. „Bloß alle raus“, schießt es ihm durch den Kopf. Mit anderen Fahrgästen zusammen hilft er dem Rollstuhlfahrer nach draußen, dann versucht er mit einem Feuerlöscher die Brandstelle zu löschen. Der Täter schlägt ihm ins Gesicht, um die Löschversuche zu verhindern. Dann geht alles ganz schnell. Peter Spoth richtet noch den Feuerlöscher auf den Attentäter, da springen dem Busfahrer andere Fahrgäste bei, ergreifen den Mann und zerren ihn aus dem Bus. „Ich hab‘ dann weiter gelöscht“, gibt Peter Spoth später zu Protokoll. „Erst beim Aussteigen hab‘ ich die blutenden Verletzten gesehen.“ Von der Gefahr, in der er selbst geschwebt hat, habe er gar nichts mitbekommen.

Erinnerungen sind noch präsent

An diesem Nachmittag in Kiel ist der Tag noch einmal ganz präsent. Keine schöne Erinnerung. „Klar hab’ ich anfangs schlecht geschlafen“, bekennt er. „Aber nach knapp zehn Wochen hab’ ich meinen Dienst wieder aufgenommen.“ Wenn er an der Stelle vorbeikommt, an der es passiert ist, denkt er noch ab und zu daran. Aber mehr auch nicht. „Ich möchte nicht großartig als Held dastehen“, sagt er. „In so einer Situation muss man einfach handeln.“

In seiner Laudatio lobt Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) das couragierte Eingreifen von Peter Spoth. „Ich selbst war damals gerade mit meiner Tochter in Büsum im Watt unterwegs, als ich die Nachricht über den schrecklichen Vorfall in Lübeck bekam“, sagt er. Und: „Sie sind ein ziemlich mutiger Mann.“ Vor laufenden Kameras zeichnet er anschließend den Lübecker Busfahrer mit der Rettungsmedaille des Landes aus.

Attentäter ist verurteilt

Der Attentäter Ali D. ist inzwischen verurteilt worden. „Das Landgericht Lübeck hat festgestellt, dass der Beschuldigte einen versuchten Mord zum Nachteil der 48 Businsassen begangen hat“, teilte Ulla Hingst von der Staatsanwaltschaft Lübeck auf Anfrage mit. Außerdem wurde er wegen „schwerer Brandstiftung, einer besonders schweren Brandstiftung, einer versuchte Brandstiftung mit Todesfolge sowie gefährlicher Körperverletzung zum Nachteil von acht Menschen und Körperverletzung zum Nachteil von vier Menschen“ verurteilt. Das Gericht entschied, dass der Beschuldigte zum Tatzeitpunkt aufgrund einer krankhaften seelischen Störung schuldunfähig war. Da weitere „erhebliche rechtswidrige Taten“ von ihm zu erwarten seien, wurde er in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht. Das Urteil ist seit dem 16. März 2019 rechtskräftig. Peter Spoth: „Eine Entschuldigung vom Täter hab’ ich vor Gericht abgelehnt. Da gibt’s nichts zu entschuldigen.“

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Von Christiane Backheuer