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Lübeck Viel Beifall für „Dogville“ am Theater Lübeck
Lokales Lübeck Viel Beifall für „Dogville“ am Theater Lübeck
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16:44 12.11.2018
Flüchtlingsfrau Grace (Agnes Mann) wird von den Einwohnern des kleinen Dorfes gedemütigt. doch ihre Rache ist süß. Quelle: Kerstin Schomburg
Lübeck

Der Titel ist bekannt; der Inhalt ebenso. Immerhin wurde „Dogville“ des dänischen Regisseurs Lars von Trier aus dem Jahre 2003 ein Kultfilm. Einige Theater haben die Bühnenfassung von Christian Lolikke nachgespielt. Jetzt hatte dieses Lied der Rache in einer Inszenierung von Clara Weyde Premiere in den Kammerspielen. Nach exakt 140 Minuten ohne Pause war der Beifall für die Darsteller und das Regieteam groß.

Angeblich wurde Lars von Trier durch einen Song aus Bert Brechts „Dreigroschenoper“ zu seinem Film angeregt, dem Lied von der Seeräuber-Jenny, die das Abschlagen jedes Kopfes ihrer Feinde mit einem sadistischen „Hoppla“ begleitet.

„Dogville“ ist auch in Lübeck ein Stück der Rache, aber weniger brutal als man erwarten könnte.

Dogville“ bleibt auch in Lübeck ein Stück der Rache, aber weniger brutal als man erwarten könnte. Ein kurzer Blick ins Stück: Im Dorf Dogville in den Rocky Mountains, am Ende der Welt, taucht die junge Grace auf. Sie bittet den Dorfmoralisten Tom um Schutz. Der setzt auf einer Einwohnerversammlung durch, dass die Fremde zwei Wochen zur Probe bleiben darf. Irgendwann kommt heraus, dass die junge Frau von der Polizei gesucht wird.

Ein Dorf hinter hohen Mauern

Weil die Dorfgemeinschaft ökonomisch denkt, wird die Arbeitsleistung von Grace erhöht, das Mädchen schließlich wie ein Hund an die Kette gelegt. Rache ist süß, weiß man vom Sprichwort und vom Film her. Aber so einfach geht das bei Clara Weyde nicht auf. Mehr zu verraten, wäre genauso, als verriete das Programmheft bei einem Krimi den Mörder.

Lars von Trier lässt seinen Film in einer Art Theaterdekor spielen. Die Bühne von Eylien König holt die Natur zurück. Die Dorfbewohner leben in einer Welt, die von hohen Mauern abgeschlossen wird. Dahinter ahnt man die Berge, sieht man den Urwald dichter Bäume. Auf der Szene ein paar Stühle, ein Hocker. Vor der Mauer steht ein Torbogen mit Glocke, Eingang zum Missionshaus, aber auch Erinnerung an einen Bogen aus der Antike.

Clara Weyde will das Stück aus den Jahren der amerikanischen Depression ins Zeitlose übertragen. Vom Altertum bis in die Gegenwart gilt offenbar ein Satz aus dem ersten Buch der Bibel: „Das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf“ (1. Mose 8 Vers 21). Dabei braucht man den Text gar nicht zu aktualisieren. Er ist aktuell.

Alle Dörfler sind bitterböse

Zwar kommen am Anfang die Vokabeln Flüchtling und Asyl vor. Aber weder an die Diskussion um einen Flüchtlingspakt der UN noch an Donald Trumps Pläne zum Mauerbau wird erinnert. Hängen bleibt die Auseinandersetzung um das Böse. Denn bitterböse werden alle sieben Dörfler, auf die das Personal in den Kammerspielen reduziert ist.

Weil man sich als Zuschauer vom Spiel einfangen lassen könnte, wird immer wieder Distanz hergestellt. Die Kapitelüberschriften kommen aus dem Telefon, die Erzählerstimme aus dem Lautsprecher. Clara Weyde zeigt über weite Strecken die pure Idylle. Grillen zirpen am Sommerabend, leise Musik legt sich über den Ort. Grace ist angekommen. Bei der Feier des 4. Juli steht sie im Mittelpunkt. Alle lieben ihre Flüchtlingsfrau. Natürlich schlägt die Stimmung um, just am Nationalfeiertag.

Kein Stoff des Dänen Lars von Trier kommt ohne „fleischliche Hingabe“ aus, wie der Text formuliert. Gestöhnt wird hinter einer barmherzigen Zeltbahn, aber die Glocke zum Schichtwechsel bimmelt im Minutentakt. Die Zeichen der Männlichkeit in Form meterlanger roter Rollpenisse lugen auch unter Frauenkleidern hervor.

Schuld und Sühne

Acht Darsteller bescheren dem Publikum einen spannenden Theaterabend. Agnes Mann als Grace ist fast übermenschlich menschlich, versteht nahezu alles und alle. Eine überzeugende Leistung! Tom, den edlen Retter und Moralisten, spielt Johann David Talinski in kurzen Hosen. Frühlingserwachen? Junge Liebe oder nur Berechnung?

Susanne Höhne ist die Freundin Liz, die zur bissigen Gegnerin wird. Der Chuck von Jan Byl wandelt sich ebenfalls. Er ist gegen die Fremde, entdeckt aber irgendwann, dass sie ähnlich ticken.

Andreas Hutzel ist der Blinde im Rollstuhl,später der Gangstervater, der mit der Tochter über Rache und Recht philosophiert. Robert Brandt (Ma Ginger) spielt die Geschäftsfrau, geifernd und wetterwendisch, wie Geschäfte und Gesellschaft es erfordern.

Der Ben von Matthias Hermann wandelt sich vom schuldbeladenen Bordellbesucher zum Sexprotz, und bei der frommen Martha von Henning Sembritzki sitzt jede Bewegung. Nein, es wird nicht drauflos geballert. Es bleibt eine fast intellektuelle Auseinandersetzung um Schuld und Sühne. Allerdings mit deftigen Beigaben.

Nächste Vorstellungist Sonntag, 11. November, 18.30 Uhr; Einführung um 18 Uhr. Da am 11. 11. Theatertag ist, verbilligter Eintritt, elf Euro. Zwei weitere Vorstellungen gibt es noch im Dezember, am 13. und 23., zu sehen.

Konrad Dittrich

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