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Lübeck Pulverfass Krim — was wird nun werden?
Lokales Lübeck Pulverfass Krim — was wird nun werden?
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16:44 07.01.2020
Ukrainische Polizisten bewachen das von pro-russischen Demonstranten besetzte Verwaltungsgebäude in Donetsk, Ukraine.
Ukrainische Polizisten bewachen das von pro-russischen Demonstranten besetzte Verwaltungsgebäude in Donetsk, Ukraine. Quelle: Fotos: dpa, Malzahn, privat
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Lübeck

Die Halbinsel Krim — derzeit gleicht sie einem Pulverfass. Gibt es Krieg? Russische Soldaten schossen von einem von ihnen besetzten Luftwaffenstützpunkt in Belbek bei Sewastopol aus angeblich Warnschüsse auf ukrainische Soldaten ab, die sich dem Stützpunkt genähert hatten.

Nach übereinstimmenden Berichten kontrollieren mutmaßliche russische Soldaten seit Tagen strategisch wichtige Punkte auf der Krim und blockieren ukrainische Militärstützpunkte.

„Der psychische Druck ist das Schlimmste“, findet Tereza H. (33), Marketingexpertin aus Stockelsdorf. Sie ist gebürtige Ukrainerin. Dort leben ihre Freunde, ihre Verwandten. „Sie alle verurteilen das Vorgehen Russlands. Tereza H. glaubt: „Putin will die Ukraine. Er wird sie sich nehmen.“ Viele ukrainische Männer in ihrem Bekanntenkreis würden sich schon jetzt bei der Armee melden, um im Bedarfsfall schnell einsatzbereit zu sein. Die allgemeine Meinung sei: „Wir dürfen uns das nicht gefallen lasen.“

Die Ukrainer wissen, dass sie gegen Russland keine Chance hätten, einen Krieg zu gewinnen, sagt Tereza H. „Die USA würden uns sicher unterstützen“, hofft sie. Außerdem glaubt sie, dass Georgien und die Türkei ein Interesse hätten, eine Invasion Russlands zu verhindern. Dabei spiele eine nicht unerhebliche Rolle, dass die Krimtataren, die angestammte Bevölkerung auf der Krim, Muslime seien.

„Und die meisten Krimtataren sehen ihr Land eindeutig als Teil der Ukraine.“

Unterdessen trat Kremlchef Wladimir Putin gestern bei seinem ersten öffentlichen Auftritt in der Krim-Krise Befürchtungen entgegen, die Lage werde eskalieren. Er sehe derzeit keinen konkreten Anlass für eine Militäraktion in der Ukraine: „Was den Einsatz von Streitkräften angeht: Bisher gibt es eine solche Notwendigkeit nicht“, sagte Putin gestern bei einer im Staatsfernsehen übertragenen Pressekonferenz bei Moskau. Er sei offen für den deutschen Vorschlag einer internationalen Kontaktgruppe. „Im Prinzip ist das möglich“, so Putin. Außenminister Sergej Lawrow sei dazu im Gespräch insbesondere mit seinem deutschen Kollegen Frank-Walter Steinmeier. „Wir haben Experten, die diese Frage mit dem deutschen Minister besprechen“, sagte der Kremlchef in seiner Residenz in Nowo-Ogarjowo bei Moskau.

Heute wollen sich auch Vertreter Russlands und der Nato treffen, um über die Krim zu sprechen. Russland habe einem Treffen des Nato-Russland-Rates zugestimmt, teilte die italienische Außenministerin Federica Mogherini mit. Außerdem wird der russische Außenminister Sergej Lawrow heute erstmals seit Beginn der Krim-Krise auf seinen US-Kollegen John Kerry und mehrere EU-Außenminister treffen. Bei der Libanon-Konferenz in Paris solle auch über die Ukraine gesprochen werden.

Darüber hinaus beginnen nach Angaben des neuen ukrainischen Regierungschefs Arsenij Jazenjuk Minister der Ukraine nunmehr mit Beratungen mit russischen Ministern. Es geht bei diesen Gesprächen auch um Geld: Die Schulden der Ukraine für russische Gaslieferungen summieren sich auf zwei Milliarden Dollar.

Fakt aber ist, dass russische Streitkräfte nach wie vor auf derKrim präsent sind. Und die Marine blockiert der ukrainischen Küstenwache zufolge seit gestern die Straße von Kertsch zwischen der Krim und Russland.

In Lübeck treffen sich Russen und Ukrainer derweil beim Einkaufen im russischen Laden „Mix Markt“. Es gibt ukrainischen Bortsch in Dosen, süßes Gebäck mit Erdnüssen und russische Gurken. Manche der Kunden sehen besorgt aus — sie alle verfolgen sehr intensiv die Entwicklung.

„Ich verstehe nicht, was Putin da macht“, meint Sergej Wolf (57), der aus Sibirien stammt. „Er soll seine Soldaten zurückziehen.“ Sergej Tcherepanov (46) ist Moskauer. Er ist der Ansicht, dass der Westen einseitig über Putins Verhalten berichtet: „Die ukrainische Opposition hat Bedingungen akzeptiert, die sie dann nicht eingehalten hat.“

Leonid Polyatov (58) stammt aus Kiew. Gerade hat er die Ansprache Putins im Fernsehen gesehen. „Das hat mich etwas beruhigt. Wissen Sie, viele meiner Freunde sind Russen. Manchmal sind wir unterschiedlicher Meinung. Aber ist das ein Grund zu den Waffen zu greifen? Wir sollten lieber zusammen einen Wodka trinken und darüber reden.“

Die Gebietsinteressen des Kreml
Der Zerfall der Sowjetunion hat mehrere Gebietskonflikte ausgelöst. Oft spielte Russland eine entscheidende Rolle in den Streitfällen — und ist dort heute noch vertreten. Es hat Soldaten in Südossetien stationiert, das sich 1990 von Georgien abspaltete. Ähnlich ist es in Berg-Karabach, das vorwiegend von Armeniern besiedelt, aber von Aserbaidschan verwaltet wird. In Transnistrien, das 1990 von der Republik Moldau abfiel, unterhält Russland Friedenstruppen und ein Munitionsdepot. Für die großen russischen Minderheiten in Lettland und Estland sieht Moskau sich als Schutzmacht.

Marcus Stöcklin