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Lübeck Knöllchen-Zoff am Lindenteller in Lübeck
Lokales Lübeck Knöllchen-Zoff am Lindenteller in Lübeck
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12:11 05.10.2019
Jürgen Kirchmann zeigt den 10 Euro-Strafzettel, den sein 14-jähriger Sohn für das kurze Fahren auf dem Gehweg hier am Lindenplatz bekommen hat. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Das Schreiben lässt nichts an Deutlichkeit vermissen. Adressat ist die Bußgeldstelle der Hansestadt, und als „Betreff“ hat Jürgen Kirchmann formuliert: „Widerspruch gegen die Verwarnung mit Festsetzung von zehn Euro Verwarngeld“. Er sieht seinen Schriftsatz als „Weckruf an die Politik“, wie er sagt.

Es könne nicht sein, dass angesichts der Klimakrise so mit den Radfahrern in dieser Stadt – „die ja auch noch zusammen mit den Fußgängern die schwächsten Verkehrsteilnehmer sind“ – umgegangen werde. Doch was war passiert?

Gehweg statt Lindenteller benutzt

Es geht um Kirchmanns 14-jährigen Sohn. Dieser war vergangene Woche mit dem Fahrrad aus der Fackenburger Allee kommend in Richtung Holstentor unterwegs. „Den Lindenteller umfuhr er dann zum Teil auf dem Gehweg, um sich nicht der Gefahr des gefährlichen und radweglosen Lindentellers aussetzen zu müssen“, beschreibt der Vater das Geschehen.

Den Zebrastreifen in Richtung Moislinger Allee passierte er dann schiebend, um somit von den Autofahrern besser gesehen zu werden, so die weitere Schilderung. Nachdem er so den Bürgersteig erreicht hatte, sei er von mehreren Polizisten angehalten worden, die ihn „in barschem Ton zurechtgewiesen“ hätten.

Ein Drohnenbild aus dem Sommer zeigt, welche Verkehrsflüsse der Lindenteller alle aufnehmen muss. Quelle: Timon Ruge

„Sie hätten gesehen, dass er vorschriftswidrig den Gehweg befahren hätte und nur deshalb über den Zebrastreifen schöbe, weil er die Beamten erblickt hätte“, berichtet Kirchmann von der Erzählung seines Sohnes. Und sofort habe eine Beamtin ein „Knöllchen“ mit der Festsetzung von zehn Euro Verwarngeld ausgestellt.

„Mich macht dieser Vorgang fassungslos und wütend! Der Lindenteller ist der unfallreichste Ort Lübecks für Fahrradfahrer“, schreibt Kirchmann an die Behörde. Den Hinweis der Beamtin, er müsse die Straße benutzen, halte er für einen schlechten Scherz – „diese Forderung ist unzumutbar und verantwortungslos“, resümiert er. Es müsse endlich etwas geschehen.

20 Radunfälle allein in 2018

Und: „Als Lösung von den Fahrradfahrern zu fordern, sie sollen den langen Weg von der Fackenburger Allee bis zur Puppenbrücke schiebend zurücklegen, während der Lärm- und CO2-produzierende Autoverkehr zweispurig den Kreisverkehr allein beansprucht, ist schlichtweg eine Frechheit!“, erklärt der Vater.

Dass der Lindenteller ein Unfall-Schwerpunkt ist, hat wiederholt der Verkehrssicherheitsbericht der Polizei gezeigt: Auch 2018 lag dieser Kreisverkehr mit 31 Verkehrsunfällen – davon waren 20 Fahrradunfälle – in der Statistik auf Platz eins. „Er stellt diesbezüglich das größte Problem dar, was wir in Lübeck haben“, kommentiert dann auch der Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), Wolfgang Raabe.

Rückblick November 2018: Schwerer Unfall am Lindenteller – eine Radfahrerin wurde von einem Lkw-Fahrer übersehen und in Folge schwer verletzt. Quelle: Holger Kröger

Und es sei aufgrund der komplexen Situation vor Ort wirklich sehr schwierig, eine gute Lösung für alle zu finden. „Ob man allerdings einem Jugendlichen für das kurze Befahren des Gehweges gleich ein Knöllchen geben muss, bezweifle ich – auch wenn es formalrechtlich begründet ist“, ergänzt Raabe noch.

Polizeisprecher Ulli Fritz Gerlach, angesprochen auf den Vorfall, ist da jedoch klar in seiner Aussage: „Die geschilderte verkehrliche Lage am Lindenplatz als Rechtfertigung für das verkehrswidrige Verhalten heranzuziehen, ist nicht schlüssig. Denn um dort Verkehrsunfälle zu verhindern, ist es umso erforderlicher, dass alle Verkehrsteilnehmer die Verkehrsregeln einhalten.“ Gerade bei der Benutzung von Gehwegen durch Radfahrer entstehe für die Fußgänger als schwächste Verkehrsteilnehmer eine besondere Gefahr.

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Weckruf an die Politiker

Jürgen Kirchmann ist gespannt, welche Antwort er von der Stadt auf sein Schreiben an die Bußgeldstelle bekommt. Er hat die Zeilen ebenfalls in Kopie an die Fraktionen der Bürgerschaft gesendet. Und tatsächlich habe er auch schon einen Anruf eines CDU-Politikers erhalten. „Ich möchte endlich wachrütteln“, sagt er, „dieser Zustand ist unhaltbar, oder soll man mit dem Handeln noch warten, bis es den nächsten toten Fahrradfahrer am Lindenteller gibt?“

Dass die Problematik ein Dauerbrenner ist, hat auch die letzte Sitzung des Bauausschusses gezeigt. Dort konnte die AfD mit ihrem Konzept für einen zeitlich begrenzten Verkehrsversuch am Lindenteller sogar bei den anderen Parteien punkten. Er sieht unter anderem vor, die äußere rechte Spur, vom Holstentor kommend, zur reinen Fahrradspur in Richtung Fackenburger Allee zu machen.

Stadtgrabenbrücke als Hoffnung

Stadtsprecherin Nicole Dorel ist sich sicher, dass der Umbau der Moislinger Allee zu einer Verbesserung der Radverkehrsführung beitragen wird. Denn: „Vom Lindenplatz aus wird es in die Moislinger Allee zukünftig nur noch eine Fahrspur für den Kfz-Verkehr geben, ebenso in der Gegenrichtung von der Moislinger Allee zum Lindenplatz. Dadurch werden die Sichtverhältnisse erheblich verbessert und die Radverkehrsführung sicherer“, stellt sie fest.

Zusätzlich werde der Neubau der Stadtgrabenbrücke eine sichere und ruhige Alternativroute für den Fuß- und Radverkehr zwischen Innenstadt und Bahnhof/St. Lorenz Süd und Nord bieten, so Dorel weiter. ADFC-Vormann Raabe allerdings prognostiziert, dass selbst nach Fertigstellung der Stadtgrabenbrücke noch 70 Prozent des bisherigen Radverkehrs über den Lindenteller fließen werde.

Radfahren in Lübeck ist gefährlich

Radfahren in Lübeck ist gefährlich. In diesem Jahr hat es bereits drei tödliche Unfälle mit Radfahrern gegeben. Das war seit dem Jahr 2006 bisher nicht mehr so. 598 Unfälle mit Fahrrädern gab es im vergangenen Jahr insgesamt, so steht es im Verkehrssicherheitsbericht der Polizeidirektion Lübeck. Wie eh und je häufen sich die Unfälle an den Knotenpunkten vor der Innenstadt. Spitzenreiter ist der Lindenteller mit 20 Fahrradunfällen, gefolgt von Mühlentorteller und Berliner Platz (je 13) und Gustav-Radbruch-Platz (7).

Auf der gesamten Länge gefährlich sind für Radfahrer die Fackenburger Allee und die Ratzeburger Allee. In Kiel, das mehr Einwohner und mindestens so viel Fahrradverkehr hat, liegt die Zahl der Fahrradunfälle seit Jahren konstant unter 500. Aus Sicht der Polizei sind die Kreisverkehre rings um die Lübecker Altstadt zu klein – zu Lasten der Radfahrer.

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