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Lübeck Saxe: „Lübeck ist mir Heimat geworden“
Lokales Lübeck Saxe: „Lübeck ist mir Heimat geworden“
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00:41 22.04.2018
Bernd Saxes Zeit als Lübecks Bürgermeister geht zu Ende. Die LN haben ihn zum Abschluss noch einmal porträtiert. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck

Es ist der einzige Wahlgang, den er verliert. Am 5. Dezember 1999 unterliegt Bernd Saxe dem CDU-Kandidaten Hans- Achim Roll mit 350 Stimmen Rückstand bei der ersten Direktwahl ums Lübecker Bürgermeisteramt. Aber Saxe ist mit dem ersten Wahlgang zufrieden: „Ich habe das nicht als verloren angesehen“, erzählt er im Rückblick, „das war eine tolle Ausgangsposition.“

Wochen zuvor lag Saxe in Umfragen noch weit zurück. Die CDU hatte einen erfahrenen Verwaltungsfachmann entsandt, der zu Helmut Kohls Regierungszeit im Kanzleramt die Zentralabteilung Innen und Recht leitete. Der vermeintliche Coup erwies sich als Bumerang: Genau zur Zeit der Lübecker Bürgermeisterwahl wuchs sich Kohls eigenmächtiger Umgang mit Parteispenden zum Skandal aus.

Seit 1201 gibt es Bürgermeister in Lübeck

Die Liste der lübschen Bürgermeister, in die sich nun auch Bernd Saxe einreiht, ist lang. Was nicht verwundert, hat die Auflistung der Bürgermeister doch mit der ersten Erwähnung des Lübecker Rates 1201 begonnen. Dabei hatten frühere Bürgermeister in dieser feudalistischen Anfangszeit weite Auftragsfelder zu bestellen: Oft waren sie auch mit der Außenpolitik des lange Zeit eigenständigen politischen Gebildes Lübeck betraut und zogen als Flottenchefs oder Heerführer in lübsche Kriege.
Bartolomäus Tinappel etwa (1564-1566) bekriegte sich mit der schwedischen Flotte, bevor es ihn nach garstigem Sturm an Gotlands Küste warf, wo er verblich. Hingegen konnte Alexander von Soltwedel als siegreicher Anführer des lübeck-hamburgischen Fußvolks nach einem Sieg bei Bornhöved 1227 einen ehrenvollen Lebensabend an der Trave verbringen. Ein gutes Jahrhundert später wurde Johannes Wittenborg kurzerhand einen Kopf kürzer gemacht, weil ihm an der Spitze der „Hansa“-Flotte wenig Glück beschieden war.
Auf dem Schafott endete auch das Leben des Stadtoberhaupts Jürgen Wullenwever, ein Reformations-Anhänger. Nikolaus Brömse war zwar der letzte katholische Bürgermeister in einer bereits reformierten Stadt, ersuchte die katholisch-kaiserliche Majestät aber vergeblich um Unterstützung. Lübeck wurde eine protestantische Hochburg. Die dunkle Zeit für Lübecks Bürgermeister trug sich unter der Herrschaft der Nationalsozialisten zu, die den Bürgermeister nominell zum Oberbürgermeister machten, Lübecks Sonderstellung aber zugunsten ihrer neuen Gemeindeordnung abschafften. Erst nach dem Krieg sorgten die britischen Besatzer für eine Re demokratisierung. Wiederaufbauer Otto Passarge (SPD), der in Unehren abgewählte Walther Böttcher (CDU), der parteilose Hafen-Spezi Max Wartemann, Altstadt-Sanierer Werner Kock (SPD), CDU-Mann Robert Knüppel, der die Welterbe-Adelung Lübecks erreichte, und Verwaltungsreformer Michael Bouteiller stehen für die Nachkriegsreihe nicht fehlerloser, aber meist sehr vorzeigbarer Bürgermeister.

mw

Rolls Umgang mit Akten geriet in die Schlagzeilen. Saxe triumphierte im zweiten Wahlgang mit 57,4 Prozent. Müsste er Kohl nicht dankbar sein? „Die Tatsache, dass er die Spendernamen nicht nennen wollte, hat erheblich dazu beigetragen, dass ich in Lübeck Bürgermeister wurde“, sagt der 64-Jährige, „aber ein Dankesschreiben habe ich ihm nicht geschickt.“

Das Ausscheiden aus dem Amt wird er wohl verschlafen

Saxe lächelt dieses süffisante John-Malkovich-Lächeln, Schneidezähne auf der Unterlippe, und schenkt Kaffee nach. Er sitzt am Tisch in der Diele seiner Altstadtwohnung und beantwortet freimütig Fragen zu 18 Jahren Amtszeit als Lübecker Verwaltungschef, die in acht Tagen zu Ende gehen. „Das Ausscheiden aus dem Amt werde ich wahrscheinlich verschlafen“, sagt Saxe. Ab 1. Mai, 0 Uhr, ist Jan Lindenau Bürgermeister von Lübeck. Und Saxe? Macht Urlaub.

Es hätten sogar 24 Jahre Amtszeit werden können. Lange hatte er mit sich gerungen, ob er bereit ist für eine vierte Wahlperiode. „Ich habe mir von meiner Partei Bedenkzeit erbeten“, erzählt Saxe. Er wollte sich Klarheit verschaffen, ob er „den Job, den ich ja immer gern gemacht habe“, noch bis zum Alter von 70 Jahren ausüben möchte. Am Ende war entscheidend, dass er den Anteil der Routine in seinem Amt als immer größer empfunden habe – und dass er mehr Zeit für seine Rolle als Großvater möchte. Jules ist drei, Emile ist ein halbes Jahr alt, die beiden Jungs leben mit Saxes Tochter und ihrem belgischen Mann in den Niederlanden und haben bisher von ihrem Opa nicht so viel gehabt.

Zwei Stunden auf einem Stuhl zu sitzen ist nicht seine Sache

Im Hintergrund läuft leise Tschaikowskis „Schwanensee“. Aber er könne auch gerne Jazz auflegen, bietet Saxe an, Glenn Miller etwa, Al Jarreau, oder Dave Bruback. Ob er in der Musikstadt Lübeck viele Konzerte genieße, und künftig noch mehr? Die buschigen Augenbrauen heben sich: „Ach, wissen Sie“, sagt Saxe und putzt seine Lesebrille, zwei Stunden auf einem Stuhl zu sitzen, das sei nicht so seine Sache. Und die langen Sitzungen auf der Senatsbank im Bürgerschaftssaal? „Da habe ich den Vorteil, dass ich durch den Hintereingang mal verschwinden kann.“

Ende April endet die letzte Amtszeit von Bernd Saxe. 18 Jahre lang war er dann Bürgermeister der Hansestadt Lübeck. Die LN haben ihn für ein Portät getroffen. Klicken Sie sich durch die Bilder.

Ortswechsel, Themenwechsel: Wir gehen bei leichtem Regen die Große Gröpelgrube hinauf Richtung Koberg. „Moin!“, – Saxe grüßt mit freundlichem Nicken die Menschen, die ihm in seiner Stadt begegnen, und die Lübecker grüßen freundlich zurück. Er trägt einen schwarzen Trenchcoat über dem Sakko. Seine Füße stecken in schwarzen Slippern, wie immer, oder? Nein nein, er könne auch eine Schleife binden, versichert Saxe und lacht, bei seinen Wanderschuhen zum Beispiel, in denen er gern am Kanal entlangwandert, oft bis zur Schleuse Büssau, zehn Kilometer hin, zehn zurück.

Saxe saß acht Jahre im Kieler Landtag

Bevor Saxe als Bürgermeister kandidiert hat, saß er acht Jahre für die Lübecker SPD im schleswig-holsteinischen Landtag. Da hat er immerhin das Gesetz zur Direktwahl von Bürgermeistern mit entwickelt, von dem er später profitierte. Aber Parlamentarier, „das war nicht der richtige Job“, so viel über Dinge reden – „ich bin doch eher einer, der macht, als einer, der übers Machen redet“, behauptet Saxe. Ein Entscheider also. Peter Sünnenwold, als CDU-Wirtschaftssprecher und später als Stadtpräsident so etwas wie Saxes Gegenspieler in der Bürgerschaft, wirft ihm hingegen vor, Entscheidungen oft ausgewichen zu sein und sie wieder in die Bürgerschaft gegeben zu haben. Zudem habe der Bürgermeister viel zu wenig in der Verwaltung durchgegriffen. „Naja“, sagt Saxe dazu, „Sünnenwolds Kritik ist, dass ich nicht das entschieden habe, was er gerne gehabt hätte.“

Auch mit der Kritik zu Beginn seiner zweiten Amtsperiode, er würde eher CDU- als SPD-Politik betreiben, kann der Sozialdemokrat Saxe im Rückblick nach eigenem Befinden gut leben. „Ein Bürgermeister muss auch bereit sein, sich mit den eigenen Parteifreunden anzulegen.“ Immer, wenn ihn die lübsche SPD angegriffen habe, seien seine Sympathiewerte bei der Stadtbevölkerung gestiegen. „Dann haben sie das lieber gelassen.“

"Ich bin kein Sektglashalter"

Auf der Travemünder Woche die Gäste begrüßen, die Außenminister der G7-Staaten willkommen heißen, als Vormann der Hanse Lübeck in anderen Städten Europas vertreten, auf Empfängen ernste oder launige Ansprachen halten, am liebsten in freier Rede – das fällt Saxe leicht, das genießt er sogar. „Man wird nicht Politiker, wenn man nicht gern redet.“ Wenn die Empfänge sich in die Länge ziehen, ist Saxe allerdings häufig schon wieder verschwunden. „Ich kann es schwer aushalten, irgendwo herumzustehen“, räumt er ein und zitiert das SPD-Urgestein Peter Glotz: „Ich bin kein Sektglashalter.“

Gefragt nach der wichtigsten Entscheidung seiner Amtszeit nennt Saxe den Widerstand gegen Schließungspläne des Landes an der Lübecker Uni. Die Stadt Lübeck habe sich da an die Spitze der Bewegung gestellt und viele andere Institutionen bewegt, sich dem Protest anzuschließen. „So werden wir die nächsten 30, 40 Jahre sicherlich keinen Versuch mehr erleben, uns die Universität zu klauen.“

Saxe will reisen – und dann etwas Sinnstiftendes anfangen

Was fängt er nun an? Bernd Saxe stopft sich bedächtig eine Pfeife, zündet sie an und bläst den Rauch zur Seite. Lesen in seinem Ohrensessel? Ja, klar. Kochen? Macht ihm nicht mehr so viel Vergnügen, seit er Single ist. Er will vor allem „ein paar Monate richtig Urlaub machen“, antwortet er, zum Beispiel eine Reise in die europäischen Städte, von denen er auf all den Hansetagen fast nur die Flughäfen und Kongresszentren kennengelernt hat. Und danach etwas Sinnstiftendes anfangen, „wo ich noch etwas Neues lernen kann“. Ehrenamt, Hauptamt, das sei noch unklar, seine Rentenansprüche würden „für meine bescheidenen Verhältnisse voll und ganz ausreichen“. Seinen Wohnsitz in Lübeck gebe er für einen neuen Job jedenfalls nicht auf: „Ich habe überhaupt keine Neigung, die Stadt zu verlassen“, erklärt Saxe, abgesehen von den geplanten Reisen. Lübeck sei ihm, dem geborenen Westfalen, „in 45 Jahren ein Stück Heimat geworden“.

Einer seiner letzten Termine ist der Empfang, zu dem er selbst einlädt: die After-Work-Party in der MuK-Rotunde am Donnerstag. Bernd Saxe wird noch einmal das Wort ergreifen, in freier Rede selbstverständlich. Noch einmal im Mittelpunkt stehen. Da wird es ihm kaum gelingen, sich unauffällig durch den Hintereingang zu verdrücken.

Von Lars Fetköter