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Lübeck Schlechte Geschäfte, Zeitverlust, Umwege: Ärger über Baustelle
Lokales Lübeck Schlechte Geschäfte, Zeitverlust, Umwege: Ärger über Baustelle
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09:41 28.07.2014
Auch in den nächsten Wochen rollen hier die Bagger: Die Kronsforder Landstraße wird in vier Abschnitten komplett saniert. Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen
St. Jürgen

Die Bushaltestelle Schleusenstraße sieht aus wie eine Sandgrube. Die komplette Fahrbahndecke ist weg, die Gehwegplatten sacken langsam in die braungelbe Kuhle.

Normalerweise steigt Rolf Schönig hier jeden Freitag in den Bus Richtung Innenstadt. Denn am Freitag ist bei dem Rentner aus der Schleusenstraße Einkaufstag. „So lange hier nun gebaut wird, muss ich von der Haltestelle Krummesser Baum in die Stadt fahren. Die ist schon ein Stück weg“, sagt der 79-Jährige. Und außerdem kennt er die Gegend am Krummesser Baum nicht so gut und weiß nicht, ob er sein Fahrrad guten Gewissens dort anschließen kann. „Nachher fehlt mir vielleicht ein Vorderrad, wenn ich wieder zurückkomme.“

Doch Rolf Schönig muss sich in den nächsten Wochen mit der Situation abfinden. Weil der Landesbetrieb für Straßenbau und Verkehr die Fahrbahn der Kronsforder Landstraße in vier Bauabschnitten saniert, müssen Bereiche der Strecke teilweise voll gesperrt werden. Der erste Abschnitt ist etwa einen Kilometer lang, erstreckt sich vom Krummesser Baum bis Raabrede und soll am 4. August fertig sein. Dann folgen die weiteren Bauabschnitte. „Wir arbeiten hier mit Hochdruck. Die Fahrbahn ist unter der Woche stadtauswärts befahrbar — und alle Umleitungen sind ausgeschildert“, sagt Patrick Broschei von der Firma Strabag, die die Baumaßnahmen durchführt.

Ebenfalls abfinden mit der Baustellen-Situation muss sich Marcus Groß, auch wenn es ihm schwer fällt. Der 43-Jährige fährt die Kronsforder Landstraße Richtung Krummesse zu seiner Arbeit. Er kurbelt sein Fenster ein Stück herunter und lässt seiner Wut freien Lauf: „Auf dem Rückweg darf ich die Kronsforder Landstraße nicht befahren. Da muss ich über Lübeck nach Hause“, schimpft er. Groß wohnt im Butenhof und fährt jeden Morgen den Weg nach Krummesse.„Das hätte besser gelöst werden müssen. Vielleicht mit einer Ampelschaltung. So viel Baubetrieb ist hier nun auch wieder nicht.“ Damit ihm nicht zu viel Zeit verlorengeht, hat Groß schon versucht, über Schleichwege von Krummesse zurück in den Butenhof zu kommen. Doch die kleine Sandstraße, die die Schleusenstraße und den Butenhof verbindet, dürfen nur Anlieger befahren. Die Idee hatten neben Marcus Groß scheinbar noch andere Autofahrer. „Die Polizei hat dort kontrolliert und Autos aufgeschrieben. Das ist doch eine bodenlose Unverschämtheit. Wie viel Zeit soll ich denn jeden Tag bitte verlieren? Das kann wirklich nicht angehen“, sagt Groß.

In dem Schleichweg zwischen Schleusenstraße und Butenhof fährt heute kein Auto. Vielleicht haben sich die Polizeikontrollen herumgesprochen. „Bis gestern war hier richtig Betrieb“, sagt eine Frau, die aus einem Eingang kommt. Sie ist die Haushälterin der Eigentümerin des Wohnhauses. „Hier wohnt eine alte Dame. Die hat sich eigentlich gefreut, dass so viel los war“, sagt sie. Stundenlang habe sie am Fenster gesessen und den Autos zugeschaut, wie sie an dem Haus vorbeigefahren sind. „Hier ist ja sonst nicht so viel los“, sagt die junge Frau, steigt in ihr Auto und fährt los.

Am Ende der Sandstraße beginnt der Butenhof. Auf einem Bauernhof am Ende der Straße laufen Katzen über das Gelände. Der kleine Bauernladen, in dem Eier, Kirschen, Äpfel und frisch gebackenes Brot verkauft werden, ist leer. In dem kleinen Verkaufsraum sind keine Kunden. „Eigentlich wäre heute einer unserer besten Tage“, sagt Verkäuferin Sabine Möller. Viele ihrer Stammkunden haben ihr Brot, das sie wöchentlich vorbestellen, für die nächsten Wochen abbestellt. „Sie wissen nicht, wie sie zu uns kommen sollen und wieder weg“, sagt Möller. Schließlich sind die meisten Kunden des Bauernladens aus der Hansestadt. Sie scheuen den langen Rückweg. Denn sie müssten die Kronsforder Landstraße weiterfahren bis nach Beidendorf und einen großen Bogen machen, um zurück nach Lübeck zu gelangen. „Die nächsten Wochen werden problematisch. Hoffentlich wird sich das Geschäft danach wieder normalisieren.“

Rolf Schönig hat mittlerweile einen Kompromiss gefunden. Sein Fahrrad stellt er bei einem Freund unter und geht die restlichen paar Hundert Meter zu Fuß zur Haltestelle Krummesser Baum. „Das ist sicherer“, sagt er. Auch wenn besonders der Rückweg — wenn er die schweren Einkaufstaschen tragen muss — anstrengend wird. „Bei gutem Wetter ist das eigentlich kein Problem. Aber was ist bei Schietwetter?“ Trotzdem will er sich nicht beschweren. „Was soll ich tun? Es muss ja gemacht werden. Hoffentlich ist es in vier Wochen wieder vorbei.“

Die Fahrbahnsanierung
Bis Sonntag, 7. September dauern die Bauarbeiten auf der Kronsforder Landstraße an. Rund 15 Jahre hält eine neue Asphaltdecke im Schnitt. In den vergangenen Jahren wurden auf der Straße immer mal wieder punktuell Reparaturen durchgeführt. Der Landesbetrieb für Straßenbau und Verkehr investiert dafür rund 1,7 Millionen Euro.


An den letzten Wochenenden der jeweiligen Baubschnitte wird die Fahrbahn voll gesperrt, da der Asphalteinbau über die gesamte Fahrbahnbreite erfolgt.

Hannes Lintschnig