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Lübeck Die sprechende Schreibmaschine
Lokales Lübeck Die sprechende Schreibmaschine
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16:23 16.11.2018
Louis (v. l.), Sofie, Celine und Jannemine testen die Audioguides und hören sich die Geschichte von Selina (r.) an, die sich in dem Projekt mit der Orga-Schreibmaschine beschäftigt hat. Quelle: John Garve/Agentur 54°
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„Lange stand ich im Dunkeln. Man hat mich wahrscheinlich schon vergessen – umhüllt von Staub und Spinnweben. Unerhört, dass ich, die berühmte Orga-Schreibmaschine, bei den ganzen aussortierten Sachen abgestellt wurde; schließlich funktioniere ich noch einwandfrei; das einzige, was mir noch Trost spendet, sind meine Erinnerungen.“

Doch Trost zu spenden, ist nicht mehr nötig. Denn seit Anfang September steht das Technikstück – eingehaust in einer Glasbox – im Rampenlicht und gehört zu den rund 100 Exponaten der Sonderschau zum Stadtjubiläum. „Lübeck erzählt uns was“ heißt es im Museumsquartier St. Annen – und das ist jetzt wörtlich zu nehmen, da nun 16 der Ausstellungsstücke eine Stimme bekommen haben und den Besuchern ihre ganz eigene Geschichte zu „875 Jahre Lübeck“ erzählen können.

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„Ich hatte ein aufregendes Leben bei meiner Besitzerin Martha Szperalski; das war eine tolle Stenotypistin, mit flinken Fingern, sie spielte auf mir wie auf einem Klavier. Besonders spannend war es im Jahre 1933; wir hatten einen tollen, aber auch riskanten Auftrag, ein gewisser Herbert Frahm von der Sozialistischen Arbeiterpartei beauftragte uns, ein Flugblatt gegen die NSDAP zu schreiben, gegen die Politik der Nazis. Das war lebensgefährlich.“

Dass Frahm später unter dem Namen Willy Brandt Regierender Bürgermeister von Berlin, deutscher Außenminister und Bundeskanzler wurde, berichtet das Büro-Schmuckstück ebenfalls. Die 14-jährige Selina hat sie zum Leben erweckt; sie hat die Geschichte entworfen, aufgeschrieben und sie im Tonstudio des Offenen Kanals eingesprochen. „Ich habe von Willy Brandt gehört und wollte wissen, was die Schreibmaschine mit ihm zu tun hat“, berichtet die Schülerin. Deshalb habe sie sich genau für dieses Exponat entschieden.

So macht Museum noch mehr Spaß

Selina gehört zu den Neuntklässlern der Geschwister-Prenski-Schule, die mit Unterstützung der Haukohl-Stiftung als Projektarbeit im Fach Museumskunde einen Audioguide entwickelt haben. Inspiriert von den Objekten bringt dieses tragbare Museumshörbuch der besonderen Art die Ausstellungsstücke kreativ zum Sprechen. „Über das Gehörte kann ,Lübeck erzählt uns was‘ noch einmal ganz neu erfahren werden“, freut sich Prof. Hans Wißkirchen, Leitender Direktor der Lübecker Museen, über das Vorhaben. Den jungen Leuten stets zur Seite stand Museums-Volontärin Lisa Warnke. „Da sind sehr fantasievolle Geschichten entstanden“, schwärmt sie, „wodurch sich jugendlichen Besuchern neue Zugänge zur Ausstellung erschließen.“

Da fragt sich zum Beispiel der Backstein aus dem 12. Jahrhundert, warum er damals nicht im Turm der Marienkirche verbaut worden sei, da er von dort eine bessere Aussicht gehabt hätte. Urheber der Story ist Louis, ebenfalls 14. „So eine Geschichte erleichtert das Zuhören im Museum“, findet er. Seine Mitschülerin Sofie, die sich nach eigenem Bekunden gerne gruselt, hat sich für eine mittelalterliche Traglaterne entschieden.

Mit dieser flieht eine junge Novizin aus dem Kloster – „Nichts wie raus hier! Durch die Hinterpforte schlüpfe ich ins Freie. Mit zwölf haben die mich ins Kloster gesteckt. Hier gibt es ätzende Regeln – dauernd nur beten und arbeiten. Also nichts wie weg hier! Nun laufe ich an einer großen Mauer entlang in die Dunkelheit, mit der Handlaterne von der Oberin. Plötzlich Schritte hinter mir . . .“ Mehr soll nicht verraten werden; zwei bis drei Minuten dauert jede der 16 Erzählungen. Für Prenski-Lehrerin Edda Holl war dieses Projekt jedenfalls ein voller Erfolg – „mit dieser Herangehensweise kann man junge Menschen für den Museumsbesuch begeistern.“

Ausstellung „875 Jahre – Lübeck erzählt uns was“

Die Sonderausstellung zum Stadtjubiläum „875 Jahre – Lübeck erzählt uns was“ ist noch bis zum 6. Januar 2019 im Museumsquartier St. Annen und im Burgkloster des Europäischen Hansemuseums zu sehen. Das Museumsquartier hat von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet und bietet unter anderem auch regelmäßig Kuratorenführungen an. Der Audioguide ist im Preis inbegriffen.

Die Sonderausstellung präsentiert rund 100 Objekte aus den reichen Sammlungen der Hansestadt, die – wie Teile eines Puzzles – ein Bild der Stadtgeschichte zeichnen und spannende, teils auch wundersame Anekdoten aus dem Leben Lübecks schildern. Aus jeder Epoche sind Exponate dabei, die stellvertretend für ihre Zeit den Charakter der Stadt widerspiegeln.

Ein Nachttopf ist nicht einfach ein Nachttopf. Das darauf dargestellte Bildnis Napoleons erzählt von den Jahren unter napoleonischer Besatzung. Über die Geschichte des 20. Jahrhunderts berichtet unter anderem die Schreibmaschine von Willy Brandt, auf der Flugblätter gegen die Nazis verfasst wurden.

Michael Hollinde

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