Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Lübecker Rentner als Experten in aller Welt
Lokales Lübeck Lübecker Rentner als Experten in aller Welt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:13 25.02.2019
Planen ihre nächsten Auslandseinsätze: Wolfgang Rössger träumt von Vietnam, Horst Koller wird nach Ruanda reisen. 
Planen ihre nächsten Auslandseinsätze: Wolfgang Rössger träumt von Vietnam, Horst Koller wird nach Ruanda reisen.  Quelle: Friederike Grabitz
Anzeige
Lübeck

Im Foyer der IHK treffen sich 60 vorwiegend männliche Rentner und erzählen vom letzten Job in Ghana, dem Projekt in China oder einem geplanten Bolivien-Aufenthalt. Die Organisation, die viele von ihnen zu Abenteurern gemacht hat, ist der Senior Experten Service (SES).

Die Senioren gehören zu den bundesweit 12 000 Experten, die international für den Entsendedienst arbeiten, Kulturen kennen lernen und Wissen vermitteln. Mit ihrer Erfahrung leisten sie kleinen und mittelständischen Unternehmen in 160 Ländern ganz konkrete Hilfe zur Selbsthilfe. Sie arbeiten ehrenamtlich, wobei die aus Bundesmitteln bezahlte Organisation alle Unkosten für die 2000 Einsätze im Jahr übernimmt.

Marzipan in Kasachstan

Viele der Experten sind Handwerker wie der Lübecker Bäcker und Konditormeister Wolfgang Rössger. Er war schon vier Mal in Kasachstan, mal bei klirrender Kälte, mal bei 50 Grad. Zuletzt hat er einem Keksbäcker Rezepte mitgebracht und ihm gezeigt, wie man Marzipan herstellt. Anschließend hat er mit ihm nach Wegen gesucht, die teureren Kekse über Instagram an wohlhabende Kunden zu vermarkten. Er habe viel gelernt von den Kasachen, „vor allem Gelassenheit“.

„Im Einsatz muss man den inneren Karl-Heinz überwinden“, sagt die Pressereferentin Julia Haun, die aus der Bonner Zentrale angereist ist. „Karl-Heinz ist der oder die typisch Deutsche in uns, der einen Plan abarbeiten möchte.“ Weil das oft nicht funktioniert, lernen die Experten vor ihrem Einsatz das Improvisieren. Haun erzählt von einem Projekt in der Mongolei, wo ein Käser eine Produktion für Kuhmilchkäse aufbauen sollte. Es gab aber dort keine Kühe. Also entschied er mit den Bauern, es mit der Milch der zahlreichen mongolischen Kamele zu versuchen.

Engagement nur auf Anfrage

Anders als klassische Entwicklungszusammenarbeit reagiert die SES ausschließlich auf Anfragen, und ein Projekt dauert maximal zwölf Wochen. Neben dem Programm für Rentner gibt es das Programm „30 +“, das Berufstätige entsendet, und „VerA – stark durch Ausbildung“ (LN berichteten). Senior-Experten wie der Elektriker-Meister Horst Koller, der viele Jahre Lehrlinge unterrichtet hat, helfen darin Auszubildenden, ihre schulischen Leistungen zu verbessern. Damit soll die hohe Abbrecherquote von 25 Prozent gesenkt werden. Der SES sucht für alle drei Sparten Freiwillige, die in Deutschland oder im Ausland arbeiten möchten.

Friederike Grabitz