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Lübeck Senioren-WG in Lübeck: Freiwillig zieht hier keine aus
Lokales Lübeck Senioren-WG in Lübeck: Freiwillig zieht hier keine aus
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07:38 26.12.2018
Gudrun Wichmann (l.) und Karla Thimcke wohnen von Anfang an in der Wohngruppe 60 plus auf dem früheren Busdepot. Quelle: Lutz Roeßler
St. Gertrud

„Ohne zwingenden Grund zieht hier niemand aus.“ Das sagen Maria-Eilsabeth Neumann (75), Karla Thimcke (75), Manfred Reißmann (79) und Grudrun Wichmann (73) vom Beirat der Wohngruppe „Gemeinsames Wohnen der Generation 60 plus“. Zwingende Gründe seien hochgradige Pflegebedürftigkeit oder der Tod. Wer irgend kann, hält die Wohnung, so lange es geht. Die Wohnungen in der Anlage Rabenhorst 8-10 sind äußerst begehrt. „Wir führen eine Warteliste mit über 30 Anmeldungen“, sagt Beiratsvorsitzende Neumann.

Vor einigen Wochen hat der Seniorenbeirat der Hansestadt eine Debatte über gemeinschaftliches Wohnen gegen Vereinsamung angestoßen. Vertreter wichtiger Wohnungsbaugesellschaften waren zu einer Anhörung geladen. Der Lübecker Bauverein konnte bei der Anhörung brillieren. Denn die Genossenschaft hat schon vor vielen Jahren möglich gemacht, was jetzt heiß debattiert wird – eine Wohngruppe für Senioren, die zur Miete wohnen.

Wohngruppe für Senioren

Gemeinschaftsraum ist das Herzstück des Projekts

Ebenerdige Eingänge, breite Gänge, Aufzüge, Tiefgarage mit Aufzug bis in den fünften Stock, Türen, die sich automatisch öffnen, ein Gemeinschaftsraum und eine Gästewohnung: Die Wohnanlage auf dem ehemaligen Busdepot ist selbstverständlich barrierefrei. Der Beirat lädt in einen hellen, freundlichen und großzügigen Gemeinschaftsraum – das Herzstück des ganzen Projekts. Hier spielt sich ein Großteil des Gemeinschaftslebens ab. „Wir erwarten gegenseitige Unterstützung und aktive Nachbarschaftshilfe“, sagt die Vorsitzende Neumann. Im Konzept des Bauvereins heißt es: „Der Gemeinschaftsansatz erfordert ein erhebliches Maß an Einsatzbereitschaft und Gemeinsinn von allen Beteiligten.“

Der Beirat achtet bei der Auswahl der Mieter darauf, „dass sie Initiativen ergreifen und hilfsbereit sind.“ Die Bandbreite möglicher Aktivitäten ist riesig und reicht von Adventsbasar und Ausflüge über Qi Gong und Seniorentanz bis zu gemeinsamen Theaterabenden und Spielnachmittagen. Manfred Reißmann beispielsweise, der vor drei Jahren mit seiner Frau hier einzog, ist immer wieder „als starker Mann“ gefragt und steht natürlich bei Festen am Grill. Gudrun Wichmann ist die Kassenwartin und Karla Thimcke macht alles, „was anfällt.“

Es begann mit einer Anzeigen in den LN

Alles begann 2006. Mit einer Anzeige in den LN. Eine Seniorin suchte Mitstreiterinnen für das Gemeinschaftsprojekt. Die waren schnell gefunden, zehn Seniorinnen gründeten eine Interessengruppe. Das Motto lautete: Nur nicht allein und nicht ins Heim. Zwei Jahre lang suchte die Gruppe einen Vermieter, klapperte Wohnungsgesellschaften und Hausverwaltungen ab. Ohne Erfolg. Schließlich trat die Gruppe an den Lübecker Bauverein heran. „

Nur der hatte ein offenes Ohr für unser Unterfangen“, sagt der Beirat. „Wir waren von der Idee begeistert“, sagen Stefan Probst und Carsten Droßmann vom Bauverein. „Wir suchen stets nach zukunftsfähigen Wohnformen“, erklärt Vorstand Probst, „diese Wohngruppe passt wunderbar zu einer Genossenschaft.“

Mieter durften sogar Grundrisse mitgestalten

Wer gemeinsam mit anderen wohnen will, braucht einen langen Atem. Vier Jahre dauerte es, bis die Wohnungen in der Straße Rabenhorst bezogen werden konnten. Der Bauverein ging intensiv auf individuelle Wohnwünsche ein. Sogar bei den Grundrissen der einzelnen Wohnungen durften die Mieter mitreden. „Das hat den Bau verzögert und gewaltige Mehrkosten verursacht“, berichtet Stefan Probst. So etwas würde die Genossenschaft nicht wieder machen. Ursprünglich sollten 15 Wohnungen in dem Projekt entstehen, aber immer mehr Interessenten meldeten sich.

42 Einheiten baute der Bauverein von 2008 bis 2010 auf das frühere Busdepot. 38 Zweizimmer-Wohnungen, die zwischen 48 und 63 Quadratmetern groß sind, sowie vier Dreizimmer-Wohnungen zwischen 68 und 86 Quadratmetern. 47 Mieter wohnen hier, viele haben einen Wohnberechtigungsschein. Die Sozialwohnungen kosten 5,56 Euro Miete, die frei finanzierten Wohnungen bis zu neun Euro kalt.

„Wir sind überrannt worden mit Nachfragen“

Das Projekt haben Frauen angeschoben. Die haben auch die Mehrheit unter den Mietern. Männer sind absolut in der Unterzahl. Gerade mal vier sind es. „Es gibt ja auch mehr ältere Frauen als ältere Männer“, sucht Manfred Reißmann nach einer demografischen Begründung.

Neulich hat der Beirat die Wohngruppe bei einem Volkshochschul-Vortrag über Einsamkeit vorgestellt. „Wir sind überrannt worden mit Nachfragen“, sagt Beiratsvorsitzende Neumann. „Ich bin glücklich, dass ich hier eingezogen bin“, erklärt Gudrun Wichmann, „ich habe hier viele gute Freunde gefunden.“ Manfred Reißmann: „Ab 60 fragt man sich: Wo bleibt man im Alter?“ Karla Thimcke: „Das Konzept hat mich überzeugt.“ Maria-Elisabeth Neumann: „Ich wollte immer mit Gleichaltrigen zusammenwohnen.“

Kai Dordowsky