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Lübeck Sie geht den Pastoren an den Kragen
Lokales Lübeck Sie geht den Pastoren an den Kragen
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20:36 23.12.2013
Alles prima: Die Küsterin von St. Jakobi mit einer bereits wunderschön getollten Halskrause (r.) und einer, die noch in Arbeit ist. Quelle: Fotos: Maxwitat
Lübeck

In Hamburg herrschte 1998 eine Halskrausen-Krise, denn damals legte die alte Tollerin ihre Arbeit nieder, die Halskrausen stapelten sich in den Wäschekörben der Pastoren — bis man schließlich eine Lösung fand. Lübeck ist besser davor: Gundel Purgold, Küsterin von St. Jakobi, hat kürzlich den recht schwierigen Job übernommen, von dem man allein nicht leben kann. Jahrzehntelang hatte die Maßschneiderin Luise Pape dafür gesorgt, dass die Halskrausen der Lübecker Pastoren immer sauber und adrett aussahen — dann, mit 80 Jahren, reichte sie im Frühjahr den Tollstab weiter an Marina Niemeyer. Und wenig später gab diese ihre Nebentätigkeit an Gundel Purgold ab.

Mit großer Sorgfalt und hochkonzentriert macht sich die 59-Jährige an die Arbeit. Die weißen Kragen wollen schließlich gründlich gewaschen und — je nach Verschmutzungsgrad — mit Bleiche vorbehandelt werden. Einmal kurz in Stärke tunken — „die muss ganz klar sein, sonst setzt sich das in den Tollen ab“— , leicht abtrocknen: Schon sieht die Halskrause eher aus wie ein plattes, schlabberiges Lätzchen, dessen Rand mit einem normalen Bügeleisen geglättet wird, bevor es auf einen Metallring gespannt wird. Kann das noch jede mittelprächtige Hausfrau, wird‘s spätestens dann kompliziert.

Fingerspitzengefühl, Geduld und die richtige Ausrüstung sind gefragt, soll aus dem Schlabberlatz wieder eine stattliche Krause werden. Das Gerät, das die Tollstäbe aufheizt, sieht ein bisschen aus wie ein altmodischer Mini-Toaster, nur dass es keine Schlitze für Brotscheiben, sondern ein seitliches Loch für die spießähnlichen Tollstäbe hat.

„Die Temperatur muss genau stimmen, der Stoff darf nicht zu nass sein, sonst gibt es Brandflecken“, erklärt die Tollerin, während sie den Tollstab nach dem Erhitzen kurz durch ein mit weißem Wachs benetztes Tuch zieht und ihn vorsichtig in die Röhrchen der Halskrause schiebt. Man müsse schon genau gucken und „mit Bedacht arbeiten“, nicht nur wegen der Halskrausen, sondern auch wegen der eigenen Finger.

„Jede Tolle muss dreimal bearbeitet werden“, sagt sie. Und selbst bei der kleinsten Krause, wie Pastorin Kathrin Jedeck sie trägt, sind es 116 Tollen — bei größeren deutlich mehr. Bis zu anderthalb Stunden kann der Toll-Prozess pro Halskrause dauern. Was für andere der blanke Horror sein mag, ist für Gundel Purgold eine angenehme Tätigkeit. Sie möge „solche figelinschen Arbeiten“, erzählt die schon zweifache Großmutter. „Das Schöne daran ist, dass man immer ein Erfolgserlebnis hat.“ Gelernt hat Gundel Purgold das Tollen nicht, denn der Beruf ist kein Lehrberuf. Man guckt sich von der Vorgängerin die Tätigkeit ab, ebenso wie man den Toll-Ofen und die Stäbe erwirbt. Einen richtigen Austausch unter den Tollerinnen in den Hansestädten gebe es nicht: „Meine Vorgängerin hatte mal wegen einer Frage in Hamburg angerufen, aber die Kollegin dort hat sich mehr als bedeckt gehalten.“

Alles in allem ganz schön viel Aufwand, der nur noch in Hansestädten und einigen skandinavischen Ländern betrieben wird. Entstanden sind die Ornate aus den Senatoren-Gewändern und der Sitte, gepuderte Perücken zu tragen. Da sind die Beffchen der evangelischen Pastoren in anderen Regionen wohl deutlich pflegeleichter. Aber Tradition ist eben Tradition — seit Jahrhunderten.

Inzwischen ist Gundel Purgold mit der Halskrause der Pastorin fertig. Und weil sie gerade so schön in Schwung ist, nimmt sie sich gleich noch eine zweite, größere vor. Damit die Krausen, die ursprünglich dem Schutz der schwarzen Kleidung vor dem Puder der Perücken dienten, rechtzeitig zum Fest wieder sauber und adrett sind.

Unbequem, aber sehr schmückend
Lübeck, Hamburg, Wismar, Rostock, Stralsund, Dänemark und Grönland: Hier wird noch die Halskrause, auch Mühlstein genannt, getragen. In anderen Gebieten tragen evangelische Pastoren das sogenannte Beffchen zum Talar. In den Hansestädten tragen die evangelischen Pastoren strenggenommen auch keinen Talar, sondern Ornat — bestehend aus Unter- und Obermantel, wie Pastorin Kathrin Jedeck erklärt.

Entstanden sind Halskrausen im 16. Jahrhundert. Beeinflusst von der spanischen Mode, gehörte die Krause bald zur Ausgehkleidung der feineren Leute. Die Franzosen ersetzten die eher unbequeme Krause schon früh durch flach aufliegende Spitzenkragen, die ebenfalls den Zweck erfüllten, die Kleidung vor Verunreinigung durch Perückenpuder und anderem zu schützen. In den Hansestädten und in den Niederlanden blieben jedoch die Senatoren, Bürgermeister, Professoren und die evangelischen Pastoren bei der Halskrause mit ihren röhrchenförmigen Tollen.

Sabine Risch

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