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Lübeck Stau-Stadt: Mit dem Rad geht es schneller
Lokales Lübeck Stau-Stadt: Mit dem Rad geht es schneller
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09:48 06.08.2016
Der Autofahrer ist nach 36 Minuten und zwölf Kilometern Strecke am Ziel. Verloren, obwohl die Staus weitgehend ausgeblieben sind. Der Radfahrer ist in 33 Minuten da - deutlich schneller. Quelle: Neelsen
Lübeck

Nils Weiland, Fahrradbeauftragter der Hansestadt, will die Lübecker für den Umstieg vom Auto auf das Fahrrad bewegen. Der Zeitpunkt ist günstig. In und rund um die Innenstadt häufen sich die Baustellen, die die Autofahrer Zeit und Nerven kosten. „Mit dem Rad ist man schneller, kostengünstiger, gesünder und entspannter unterwegs“, lockt Weiland die Unentschlossenen. Aber stimmt das wirklich? Die LN verabreden sich mit Weiland zu einem Praxistest – Auto gegen Fahrrad. Die Strecke reicht von der Stadtwerke-Zentrale in der Geniner Straße über zwei Kreisel und die bekannten Staustrecken bis in die Altstadt.

Tausende Autofahrer ärgern sich täglich über die vielen Baustellen in Lübeck. Der Fahrradbeauftragte appelliert an die Kfz-Nutzer, auf das Fahrrad umzusteigen. Die LN baten zum Test – Auto gegen Fahrrad auf der Baustellen-Strecke.

„Die öffentliche Hand muss ein Zeichen setzen, dass die Bürger Rad fahren sollen. Dann kann es funktionieren.“ Nils Weiland

Start Geniner Straße:

Der Autofahrer: Anders als in den Tagen zuvor sind die Straßen relativ leer, der Verkehr fließt. Das sieht nach Sieg aus.

Der Radfahrer: Zwölf Kilometer gegen ein Auto bei flüssigem Verkehr – Nils Weiland (r.) rechnet sich wenig Chancen aus. Dann fängt es auch noch an zu regnen.

Zwischenstand Hüxtertorallee:

Der Autofahrer: Für knapp fünf Kilometer brauchte er bereits gut zwölf Minuten.

Der Radfahrer: An der Ecke Moltkestraße hat er schon einen kleinen Vorsprung herausgefahren. Aber gestern Nachmittag war hier nur ein Mini-Stau.

Zwischenstand Neue Hafenstraße/Sandberg:

Der Autofahrer: Hier entscheidet sich das Rennen. Über sechs Minuten verbringt er im Stau, kommt nur im Schritttempo voran.

Der Radfahrer: Die Radwegeführung in der Baustelle verwirrt den Fahrradbeauftragten, er verliert etwas Vorsprung.

Endstation Dr.-Julius-Leber-Straße:

Der Autofahrer: Nach 36 Minuten und zwölf Kilometer Strecke ist er am Ziel. Verloren, obwohl die Staus weitgehend ausgeblieben sind.

Der Radfahrer: Schnell wie der Wind, nach 33 Minuten am Ziel.

Treffpunkt vor dem kommunalen Versorger. Weiland, 31, erprobter Radler (3000 Kilometer im Jahr), hat von seinen vier Rädern ein wenig beeindruckendes Exemplar dabei. Ein altes Hercules-Herrenrad, bei dem nur noch der dritte Gang geht. Der Autor ist mit seinem acht Jahre alten und 86 PS starken Dacia Logan unterwegs. Abfahrt. Bis zum Berliner Kreisel führt Weiland, dann zieht der Autor vorbei. Auf der Possehlbrücke ist Weiland direkt hinter dem Dacia. „Auf der Brücke dürfen Radfahrer stadteinwärts auf der Fahrbahn fahren“, klärt der Beauftragte noch einmal auf.

Ecke Wallstraße. Der Dacia wartet an der roten Ampel. Weiland ist weg. In der Wallstraße gibt es völlig überraschend nicht den üblichen Stau. Der Autor hat hier mehrere Minuten Wartezeit einkalkuliert. Braucht er nicht. An der Ecke Wallstraße/Mühlenstraße ist wieder Rot. Weiland ist außer Sichtweite. Über den Mühlentorplatz geht es in die Hüxtertorallee. Auch hier bleibt der erwartete Stau aus. Weiter über die Falkenstraße bis zum Gustav-Radbruch-Platz. Der Fahrradbeauftragte gerät in Sichtweite. Aber er kann den Radbruch-Platz links herum fahren. Diese Stelle ist für Radfahrer gefährlich. „Das ist eine Unfallhäufungsstelle“, berichtet Weiland.

Beide biegen in die Fährstraße ein. Auch hier kam es in den vergangenen Tagen zu erheblichen Staus. Gestern Nachmittag ging es. Der Fahrradbeauftragte steigt ab und schiebt ein Stück, um dann in der Hafenstraße wieder aufzusteigen. Ganz korrekt. „Ich fahre streng nach der Straßenverkehrsordnung“, sagt der 31-Jährige. Der Autor ist zuversichtlich, den Radfahrer jetzt einzuholen. Denn Weiland muss die Hafenstraße mit schlechtem Radweg und die Neue Hafenstraße mit Steigung bewältigen. Doch die Hoffnung des Autofahrers ist schnell dahin.

Der Sandberg bremst ihn aus. Über sechs Minuten steht der Dacia in der Baustelle, kommt nur im Schritttempo weiter. Der Fahrradbeauftragte verfährt sich an dieser Stelle. „Ich habe die Radwegeführung zu spät erkannt“, räumt der von Berufs wegen damit Befasste ein. „Das hat mich eineinhalb Minuten gekostet.“ Über die Travemünder Allee geht es zurück Richtung Radbruch-Platz und dann in die Altstadt. Weiland kann die Fahrradstraße nutzen und kommt nach 33 Minuten in der Julius-Leber-Straße an. Der Autor fährt über Falkenstraße und Kanalstraße (mit Sonderrecht) in die Julius-Leber-Straße.

Uhrenvergleich: 36 Minuten für zwölf Kilometer. Der Fahrradbeauftragte, der 10,2 Kilometer unterwegs war, ist einen Schnitt von 18,5 Kilometern pro Stunde gefahren. „Das ist schnell für den Stadtverkehr, üblich sind 14 bis 15 Kilometer“, sagt Weiland. Dafür wurde der Autor von den traditionellen Staus in der Wallstraße und in der Hüxtertorallee verschont. Wirkliche Vorteile habe das Fahrrad auf Strecken von vier bis fünf Kilometern, weiß Weiland aus Studien. Bis zehn Kilometer sei man mit dem Pedelec schneller als ein Auto. In einigen Wochen bringt der Fahrradbeauftragte eine Broschüre „Lübeckerfahren“ heraus, die für das Umsteigen wirbt. Neben Gründen für das Rad werden auch klassische Gegenargumente entkräftet, sagt Weiland. Beispielsweise, dass es immer regne, wenn man auf das Rad steige. Das soll gar nicht stimmen. Na ja. Pünktlich zur Wettfahrt fing es an zu regnen. Weiland: „Aber nur kurz. Ich war schnell wieder trocken.“

 Kai Dordowsky (text) und Ulf-Kersten Neelsen (fotos)