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Lübeck Steak & Schnitzel aus dem Labor
Lokales Lübeck Steak & Schnitzel aus dem Labor
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21:22 25.04.2018
Unter der Sterilbank im Labor entnimmt Ingenieurin Miriam Voigt aus einer lila Zellkulturlösung, die in einem 37 Grad Celsius warmen Brutschrank war, eine Probe. In der Lösung finden die Zellen optimale Nahrungs- Bedingungen vor, damit sie sich ordentlich vermehren.
Lübeck

Die Tierschutzorganisation Peta bezeichnet es als „clean meat“, und schon vor zehn Jahren hatte Peta USA einen Preis über eine Million Dollar für denjenigen ausgelobt, der „tierleidfreies“

Tag der offenen Tür

Das Lübecker Fraunhofer-Institut wird zehn Jahre alt. Die LN stellen in einer Serie Neuheiten aus dem Labor vor. Ende Juni wird zum „Tag der offenen Tür“ in die EMB, Mönkhofer Weg 239a, eingeladen.

Hähnchenfleisch auf den Markt bringt. Obwohl sich bisher niemand diese Prämie verdienen konnte, hat die Forschung seitdem enorme Fortschritte gemacht. „Für Aufsehen gesorgt hat mein Kollege Mark Post von der Universität Maastricht“, sagt Lübecks Fraunhofer-Chef Prof. Charli Kruse, „als er 2013 seinen Burger aus dem Labor einer staunenden Öffentlichkeit präsentierte.“ Er hatte dafür die Muskelzellen einer Kuh in einer Petrischale gezüchtet und innerhalb von drei Monaten so vermehrt, dass sie einen ganzen Fleischklops ergaben.

Damals kostete die Zukunftsfrikadelle noch 250000 Euro. „Wobei wir auch schon bei dem Hauptproblem, den noch viel zu hohen Herstellungskosten dieser In-vitro- Nahrung sind“, erklärt Kruse. Denn bisher ist es den Wissenschaftlern, die sich mit dieser Materie befassen, nicht gelungen, die Zellen in ausreichender Menge in einem überschaubaren Zeitraum kostengünstig im industriellen Maßstab wachsen zu lassen.

Dazu Kruses Kollege, Dr. Daniel Rapoport: „Über 90 Prozent aller Zelltypen müssen Kontakt zu einer Oberfläche haben, damit sie sich wohlfühlen. Und dann müssen sie auch noch gut mit Nährstoffen versorgt werden.“ Dieses als Gesamtpaket hinzubekommen, ist sehr schwierig. Doch dem Arbeitsgruppenleiter Zelltechnologie der Fraunhofer-Einrichtung für Marine Biotechnologie und Zelltechnik (EMB) ist es gelungen, hier ein patentiertes Verfahren zu entwickeln, dass die Laborfleisch-Produktion revolutionieren könnte.

Die Idee: Den Zellen werden Kugeln, sogenannte Hydrogel-Kapseln, angeboten, in denen sie sich vermehren können. Und ist eine Kapsel von innen vollgewachsen, wird sie schonend aufgelöst, die Zellen geerntet, so dass sie wieder die nächsten Wachstumskugeln besiedeln können – und so weiter. „Jeder Durchlauf erhöht die Zellzahl um den Faktor zehn“, erklärt Rapoport, „in Vorversuchen ist es so gelungen, innerhalb von drei Wochen Vermehrungsfaktoren von über 100000 zu erreichen.“ Jetzt müssen die Forscher noch ein geeignetes Hydrogel für die Nahrungsmittelproduktion finden. „Um zukünftig die Welternährung sichern zu können, kann so eine Eiweißquelle durchaus wichtig werden“, meint Fraunhofer-Zellforscherin Dr. Sandra Schumann. Zudem sei der ökologische Fußabdruck ebenfalls hervorragend. In fünf Jahren könnte es so ein Produkt für einen verbraucherfreundlichen Preis durchaus schon im Supermarkt geben.

 Michael Hollinde