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Lokales Lübeck So müssen städtische Beschäftigte in Lübeck arbeiten
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16:12 18.04.2019
Alte Gardinen, alte Schränke, alte Tische, alte Stühle – so sieht der Arbeitsplatz des Verkehrsüberwachers Florian Avci im Ordnungsamt in der Dr. Julius-Leber-Straße aus. Quelle: Lutz Roeßler
Innenstadt

 Den Fahrstuhl dürfen die städtischen Mitarbeiter aus dem Liegenschaftsamt nach Dienstschluss nicht mehr benutzen. Der bleibt ab und zu stecken. Wer dann drin steckt, muss womöglich ein Wochenende lang auf Rettung warten. Wer das Stadtsteueramt betritt, nimmt diesen merkwürdigen Geruch wahr. „Der Teppich ist schon neu“, sagt Bürgermeister Jan Lindenau (SPD), „der alte stank nach Urin.“

Wenig einladend ist diese Toilette im Stadtsteueramt in der Fischergrube. Quelle: Lutz Roeßler

Wände, die zerbröseln, tiefe Risse in den Kacheln der Sanitärräume, Fußböden, die sich absenken, Teppiche mit großen Löchern, Fahrstühle, die zu Platzangst führen, fehlende Fluchtwege, Jalousien, die keinen Sonnenschutz bieten, aufgeheizte Büros, uralte Tische, beschädigte Stühle, zu wenige Computer – die Liste der Mängel ist nach 20 Jahren Sparpolitik lang.

Bürgermeister Jan Lindenau (SPD, l.) steht mit Bereichsleiter Manfred Uhlig vor dem Stadtsteueramt, dessen Eingang nicht barrierefrei ist. Quelle: Lutz Roeßler

„Das sind Zustände, gegen die ein Schlagloch in der Straße noch ein Scherzartikel ist“, sagte Lindenau neulich in einem LN-Interview. Das Stadtsteueramt in der Fischergrube nennt der Bürgermeister das „Horror-Haus“.

Großer Arbeitgeber

Mit 4809 Beschäftigten ist die Hansestadt Lübeck einer der größten Arbeitgeber der Region. 3515 Beschäftigte zählen laut Personalbericht der Hansestadt zur Kernverwaltung. Hinzukommen die Mitarbeiter der Entsorgungsbetriebe, der Senioreneinrichtungen, Schwimmbäder und des Kurbetriebes Travemünde. Die Stadtverwaltung schafft 230 neue Jobs – unter anderem wegen des neuen Bundesteilhabegesetzes, aber auch für die Aufstockung der Informationstechnologie.

Schon der Eingang ist abschreckend und überdies nicht barrierefrei. Bürger, die hier ihre Hunde anmelden, Fragen zur Straßenreinigungsgebühr, zur Vergnügungs- oder Grundsteuer haben, landen zuerst in einem niedrigen Raum mit altem Mobiliar – dem Wartebereich. Neonlicht, daneben ein rummeliger Abstellraum. Durch Flure mit angeschlagenen Türen und Wänden, von denen der Putz bröckelt, geht es zu den Sachbearbeitern.

Im hinteren Raum warten Bürger, die Anliegen im Stadtsteueramt haben. Quelle: Lutz Roeßler

Die Türrahmen sind geflickt. In den Büros hängen Metall-Jalousien, die sich bei Hitze aufwärmen und löcherig sind. Immerhin: Die Zeiten, als ein Mitarbeiter vier mit Beton gefüllte Blumentöpfe unter die Schreibtischbeine stellte, sind vorbei. Jetzt gibt es Geld für höhenverstellbare Tische. „Ich habe schon schönere Büros gesehen“, sagt Marius Koptein, der bei der Stadt gelernt hat und jetzt Grundsteuern bearbeitet, „aber das Gebäude hat mich nicht abgeschreckt.“

Weil der Fahrstuhl für die Beschäftigten in der Fischstraße immer wieder einmal steckenbleibt, darf er nach Dienstschluss nicht genutzt werden. Weil dann niemand mehr helfen kann. Quelle: Lutz Roeßler

Florian Avci war an bei seinem Dienstantritt geschockt. Avci ist Verkehrsüberwacher, sitzt mit seinen 49 Kollegen im Ordnungsamt in der Dr.Julius-Leber-Straße. „Ich habe einen Schrank, der normalerweise auf dem Sperrmüll gelandet wäre“, sagt der Verkehrsüberwacher. Bereichsleiterin Melanie Wöhlk: „Es gibt hier keine Duschen und keinen Platz, um Sachen zu trocknen.“ Wöhlk zeigt belustigt auf die Gardinen in den beiden Umkleideräumen. Die Bereichsleiterin schätzt: Nachkriegszeit.

Die Lehne dieses Stuhls, auf dem Bürger warten, wurde provisorisch befestigt. Quelle: Lutz Roeßler

„Ich habe diese Zustände nicht für möglich gehalten“, erklärt Lindenau auf der kleinen Rundreise durch die Verwaltungsbüros. Für die Stadtverwaltung wird das zum Problem. Denn sie sucht händeringend Fachkräfte für alle Bereiche. Die lockt man nicht mit zwei PC-Arbeitsplätzen für 50 Leute. Kerstin Grimm-Huber und ihre Kollegin Ramona Birkner zeigen auf eine Reihe von vier Stühlen: „Da sitzen oft die Kollegen, die darauf warten, dass ein PC frei wird“, sagen die Mitarbeiterinnen des Ordnungsamtes.

Piroska Csösz, Bereichsleiterin Liegenschaften: „Wir brauchen dringend mehr Platz für unsere Akten.“ Quelle: Lutz Roeßler

Piroska Csösz ist seit eineinhalb Jahren die Bereichsleiterin Liegenschaften. Sie sitzt mit ihren Mitarbeitern, dem Presseamt und dem Bereich Arbeitsschutz in der Fischstraße. „Eine tolle Lage“, schwärmt sie, „mitten in der Altstadt und in der Nähe des Rathauses.“ Dafür stammen die Teeküchen aus den 1970er Jahren, die Boiler sind kaputt, ein Teil der Deckenleuchten ebenfalls, Trennwände sind so dünn, dass Beschäftigte in den Büros alles hören, was auf dem Flur vor sich geht, der Raum mit den Akten platzt aus allen Nähten, die Teppiche haben Löcher, Stühle sind kaputt und fleckig.

Verwaltung zieht in Königpassage

Bürgermeister Jan Lindenau (SPD) hat den Mietvertrag über knapp 7700 Quadratmeter Mietflächen in der Königpassage unterzeichnet. Im Erdgeschoss entsteht ein Bürgerservicebüro. Der Umbau soll im Herbst beginnen, im Sommer 2020 soll alles fertig sein. Die Stadt mietet für zehn Jahre und eine Jahresmiete von 1,378 Millionen Euro. Die Gebäude in der Dr.Julius-Leber-Straße sollen saniert werden.

Piroska Csösz und ihre Mitarbeiter beraten hier Investoren, die Millionen in Lübeck investieren wollen. Die Bereichsleiterin: „Die können wir doch nicht in einer Trümmerbude empfangen.“ Besonders problematisch seien die Sanitärbereiche. Csösz: „Einige Investoren sind blass, wenn sie unsere Toiletten benutzt haben.“

Kerstin Grimm-Huber (l.) und Ramona Birkner arbeiten im Ordnungsamt in der Dr.Julius-Leber-Straße. Die zwei PCs sind heiß begehrt. Hinten den beiden stehen Stühle, auf denen Mitarbeitende darauf warten können, dass ein PC frei wird. Quelle: Lutz Roeßler

Rudolf Schmied ist der Betriebsarzt der Stadtverwaltung. Schmied, der auch für Arbeitsschutz zuständig ist, sitzt im vierten Stock in der Fischstraße. Der Fahrstuhl reicht nur bis zum dritten Stock. „Wir müssen gelegentlich an die Grenzen der Kompromissfähigkeit gehen, was Arbeitsschutzvorschriften angeht“, räumt der Betriebsarzt ein.

Betriebsarzt Rudolf Schmied: „Durch die Fenster zieht es, Fußböden lösen sich – es gibt nachvollziehbare Beschwerden der Mitarbeiter.“ Quelle: Lutz Roeßler

Manchmal hilft nur Eigeninitiative. Betriebsarzt Schmied hat auch schon Dienstzimmer gestrichen, weil er nicht länger auf den Maler warten wollte. Gegen schmuddelige Wände hilft das. Aber nicht gegen abgesackte Fußböden. Wie in der Fleischhauerstraße. „Die Fußböden sind um mehrere Zentimeter abgesackt“, berichtet Manfred Uhlig, Bereichsleiter Haushalt und Steuerung. „Schreibtischschubladen müssen abgeklebt werden, weil sie von alleine aufgehen, und Mitarbeiter sitzen schief, weil die Stühle wegrollen.“ Fachfirmen sollen deswegen jetzt beauftragt werden.

Für einige Bedienstete wird es bald besser. Im Sommer 2020 ziehen sie in die Königpassage. „Das löst natürlich auch Diskussionen in der Verwaltung aus“, räumt Bürgermeister Lindenau ein, „denn viele Mitarbeiter fragen: Was wird aus dem Rest der Verwaltung?“

Kai Dordowsky

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