Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Stromausfall: Menschliches Versagen löste "Blackout" aus
Lokales Lübeck Stromausfall: Menschliches Versagen löste "Blackout" aus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:21 29.06.2018
Ein Drehleiterwagen der Lübecker Feuerwehr steht auf dem Gelände des Umspannwerks. Zuvor war der Strom in Lübeck nach einem Kurzschluss im Umspannwerk in Stockelsdorf ausgefallen. Quelle: Felix König
Lübeck

Es ist eine bittere Erkenntnis: „Wir tragen die Verantwortung“, erklärt Stadtwerke-Chef Jürgen Schäffner. Er gibt zu: „Der Stromausfall wurde durch den Fehler eines Mitarbeiters verursacht.“ Das ist das Ergebnis eines Gutachtens, das die Stadtwerke in Auftrag gegeben hat. Schäffner: „Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler.“

Dieser Fehler aber hatte gravierende Auswirkungen. Denn am 16. Mai waren in Lübeck 146 000 Haushalte und 390 Großkunden ohne Strom – vier Stunden lang. Auch das Umland war betroffen. „Das ist ein Super-Gau – für die Stadt, unsere Kunden, unser Unternehmen“, sagt Schäffner. Bislang haben 150 bis 200 Kunden Schadensersatzansprüche gestellt. Jeder Einzelfall werde geprüft.

Bis zu 5000 Euro kann ein Kunde geltend machen, so sieht es eine Verordnung vor. Das wäre etwa eine Million Euro. Klar ist: 90 000 Euro kosten die Stadtwerke die Reparatur des Schadens, der am Umspannwerk in Stockelsdorf entstanden ist. Das Werk ist eine komplexe Schnittstelle zwischen der Schleswig Holstein Netz AG und der Netz Lübeck GmbH, einer Stadtwerke-Tochter. In dem Umspannwerk kommen Hochspannungsleitungen der SH Netz an – und Netz Lübeck nimmt die Energie ab für die Lübecker Haushalte.

Der Tag des Stromausfalls

Rückblick: Am 16. Mai sollen die Leitungen von einer Sammelschiene im Umspannwerk automatisch auf eine andere Sammelschiene umgeschaltet werden. Ferngesteuert aus der Leitstelle der SH Netz. Doch was sonst automatisch passiert, geschieht nicht. Anruf bei der Netz Lübeck. Die schickt einen Techniker. Der trifft dort auch ein, ein Mitarbeiter des SH Netz begleitet ihn.

Das Problem: Beide Sammelschienen befinden sich im selben so genannten Gasraum, der wie eine große Röhre aussieht. Außen ist ein Schalter angebracht. Die Frage: Steht das Ganze unter Strom oder nicht? Was einfach klingt, ist in einem Umspannwerk eine sehr komplexe Angelegenheit – insbesondere bei diesem Schalter.

Er ist nur einmal im gesamten Bereich der Lübeck Netz verbaut – und es gibt simplere Schalter. Vor Ort wird telefoniert mit der SH Netz und mit der Netz Lübeck. „Die Kommunikation ist nicht ideal gelaufen“, sagt Jens Meier, Chef der Netz Lübeck. Eigentlich muss es eine schriftliche Anweisung dafür geben, bevor solch ein Schalter betätigt wird. Gab es aber nicht.

Der Techniker interpretiert das Ganze als stromfrei, betätigt den Schalter – und die Energie entlädt sich in einem mächtigen Kurzschluss, der ein riesiges Loch in den Gasraum der Sammelschienen reißt. Der Techniker und sein Kollege der SH Netz können sich gerade noch in Sicherheit bringen. „Niemand wurde verletzt“, ist Meier erleichtert.

Dem Techniker wurde psychologische Betreuung angeboten, er arbeitet seither an anderer Stelle im Unternehmen. „So eine Situation ist sehr belastend“, sagt Meier. Schäffner: „Der Ausfall hat uns nochmal sehr stark sensibilisiert, dass jede Arbeit mit großer Sorgfalt ausgeführt werden muss.“

Der Vier-Punkte-Plan

Jetzt gibt es einen Vier-Punkte- Plan der Stadtwerke. „Wir können einen Stromausfall nicht ausschließen“, sagt Schäffner. „Aber wir können die Dauer deutlich reduzieren.“ Der Plan sieht vor: Gemeinsame Schulungen von Mitarbeitern der Netz Lübeck und der SH Netz. Zudem soll die Architektur der Sammelschienen neu angelegt werden.

Jede Sammelschiene erhält einen eigenen Gasraum – und es sollen andere Schalter verbaut werden. In diesem Jahr wird dieser Umbau abgeschlossen sein. Zukünftig soll der Strom nicht allein vom Umspannwerk Stockelsdorf nach Lübeck eingespeist werden, es soll eine weitere Einspeisung geben. Wird ein neues Werk gebaut? „Nicht unbedingt“, so Meier. Lösungen würden mit der SH Netz diskutiert.

Von Josephine von Zastrow