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Lübeck „Man sollte Differenzen anerkennen“ – Interview mit der Thomas-Mann-Preisträgerin Nora Bossong
Lokales Lübeck

Thomas-Mann-Preis: Interview mit der Schrifstellerin Nora Bossong

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19:00 22.03.2021
„Ach Nora, in zwei Wochen sitzen wir wieder zusammen in der Kneipe“: Nora Bossong.
„Ach Nora, in zwei Wochen sitzen wir wieder zusammen in der Kneipe“: Nora Bossong. Quelle: Jens Kalaene/dpa
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Lübeck

Nora Bossongs jüngster Roman „Schutzzone“ (2019) erzählt von den Mühen der Ebene, in denen sich die Vereinten Nationen bewegen. Das wird auch Thema in einem kostenlosen Live-Stream der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung am 25. März sein.

Feierabend – und dann?

2020 herrschte ein Virus, und Sie haben mit dem Joseph-Breitbach- und dem Thomas-Mann-Preis zwei großartige Auszeichnungen erhalten. War es ein gutes oder schlechtes Jahr?

Was die eigene Arbeit angeht, war es jedenfalls mal besser und mal schlechter. Ich hatte mehr Ruhe zum Arbeiten, aber mir fehlte natürlich der Ausgleich, auch wenn ich das Homeoffice seit je gewohnt bin. Es ist ein Unterschied, ob man um 19 Uhr Feierabend machen und rausgehen und Freunde treffen kann – oder eben nicht.

Livestream und Preise

Am 25. März ist Nora Bossong ab 19 Uhr kostenlos auf dem Youtube-Kanal der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung zu sehen. Sie liest aus ihrem Roman „Schutzzone“ und diskutiert mit dem in der Demokratischen Republik Kongo tätigen UN-Diplomaten Daniel Maier. Moderiert wird der Abend von Bettina Greiner, der Leiterin des Lübecker Willy-Brandt-Hauses.

Im vergangenen Jahr hat Nora Bossong den mit 50 000 Euro dotierten Joseph-Breitbach-Preis sowie den Thomas-Mann-Preis (25 000) der Stadt Lübeck und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste erhalten. Eine geplante Lesung in Lübeck musste wegen der Pandemie abgesagt werden.

Als Sie länger in Rom waren, haben Sie gegen Heimweh die „Buddenbrooks“ gelesen. Da müssen Sie den Thomas-Mann-Preis jetzt sehr zu schätzen gewusst haben.

Thomas Mann beeindruckt natürlich als Figur und in seinen Texten. Und er ist mir in seiner hanseatischen Diszipliniertheit durchaus verwandt. Ich habe relativ früh begonnen, mir drei Stunden Schreibzeit am Tag vorzunehmen, weil er das auch so gehalten hat.

„Buddenbrooks“ als Referenz

Die „Buddenbrooks“ waren auch Auslöser für Ihren Roman „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“.

Nicht Auslöser, aber das Referenzbuch, was ja absolut nahelag. Auslöser war das Interesse an der Verbindung von Wirtschaft und familiären Strukturen, von emotionalen und ökonomischen Gedanken, die ineinander greifen.

In zwei Wochen wieder in der Kneipe

Sie haben – neben der Bibel oder Marcel Proust – auch Thomas Manns „Zauberberg“ empfohlen als dicke Lektüre für die Zeit der Pandemie.

Der passt ja auch wirklich sehr gut, allein schon die erste Seite. Hans Castorp fährt auf drei Wochen zu Besuch nach Davos und ahnt nicht, dass es ein paar Jahre dauern wird. Ich erinnere mich an den ersten Lockdown, als ich sehr niedergeschlagen war und ein Freund sagte: Ach Nora, in zwei Wochen sitzen wir wieder zusammen in der Kneipe. Diesen Satz halte ich ihm heute noch vor.

Sind Sie derzeit mit einem dicken Buch beschäftigt?

Ich lese gerade vor allem Sachbücher und theoretische Texte. Aber ich gehörte auch zu denen, die erst mal Camus’ „Die Pest“ lasen, was ohnehin auf meiner Leseliste stand.

Schreiben Sie derzeit an einem dicken Buch?

Nein, eher an einem mitteldicken. Ich sitze an einem Roman, der pandemiebedingt nach vorne gerückt ist. Und ich mache gerade einen Band Reportagen fertig, da wartet aber nur noch die Überarbeitung. Meine Reportagen sind ja sehr gern oft mit Reisen verbunden, was derzeit schwierig ist. Wenn das wieder möglich sein sollte, werde ich wahrscheinlich als Erstes eine Recherchereise nach Äthiopien machen wegen der politischen Situation dort. Es fehlt mir sehr, in andere Kontexte zu kommen, zu versuchen, sie aus meiner Sicht zu verstehen, die natürlich deutsch und europäisch geprägt ist, und diese Sicht zu überprüfen. Seitdem die Flughäfen dicht sind, hat sich unser Blick sehr auf das Nationale beschränkt.

Sehen Sie sich als politische Schriftstellerin zutreffend beschrieben?

Nicht all meine Bücher sind gleichermaßen politisch, aber ich bin auf jeden Fall politisch denkend und politisch interessiert. Ich arbeite gerade an einem kleinen Sachbuch über die Demokratie in Deutschland und Europa.

Dann ist auch ihr letzter Roman „Schutzzone“ in erster Linie ein politisches Buch, aber nicht nur?

Genau. Wobei man immer schauen muss, was man unter politischer Literatur versteht. Ein politisches Gedicht wie 1968 würde heute niemand mehr schreiben. Und diese Form der politischen Belehrung würde auch niemand mehr annehmen.

2019 erschienen: Nora Bossongs Roman „Schutzzone“. Quelle: Suhrkamp Verlag

In „Schutzzone“ laufen ständig Pfauen durch den Roman. Sie sind schön anzusehen und schlagen Rad, aber sie sind auch recht nutzlos und hässlich, wenn man genauer hinsieht. Ist das Ihr Blick auf die UN?

Das wäre zu viel gesagt. Aber natürlich gibt es bestimmte Ähnlichkeiten. Die Schwanzschleppe der Pfauen ist nicht nur Zierde, nicht nur Eitelkeit, sie können damit auch Angreifer abwehren. Gleichzeitig hindert es sie, einfach wegzufliegen. Sie können zwar fliegen, aber das ist dann mehr ein torkelndes kurzes Abheben.

In Afghanistan sind die UN seit fast 20 Jahren vertreten, in Palästina und Israel schon seit 1948 – und ein Ende ist nicht abzusehen.

Ähnlich wie in Zypern. Aber es ist immer die Frage, was passieren würde, wenn die UN plötzlich weg wären. Dass Blauhelmsoldaten irgendwo sehr lange sind, bedeutet nicht, dass man auf sie verzichten könnte. Gleichzeitig muss man bei Militäreinsätzen natürlich fragen, ob es sich um eine Form des Neokolonialismus handelt.

Ist das die aktuelle Identitätsdebatte auf globaler Ebene?

Die UN sind ja keine rein westliche Veranstaltung, aber im Sicherheitsrat findet sich schon ein Übergewicht. Das ist natürlich problematisch. Und man kann bestimmte Werte und Standards als europäisch fundiert ansehen. Das mag positiv sein, sorgt aber auch für Irritationen. In Nairobi zum Beispiel habe ich die extreme Armut erlebt, aber auch den UN-Campus, wo man die Leute bei der Wassergymnastik sieht. Gerade in Ostafrika herrscht wegen des Versagens der Vereinten Nationen beim Völkermord in Ruanda keine besonders freundliche Stimmung den UN gegenüber.

Die Schuld der sozialen Medien

Wie nehmen Sie die Identitätsdebatte hierzulande wahr?

Es ist eine emanzipatorische Bewegung, und es ist gut, dass marginalisierte Gruppen sichtbar gemacht werden. Da wurde lange viel übersehen. Aber momentan ist diese Debatte unglaublich überhitzt, was natürlich auch mit den sozialen Medien zu tun hat. Ich bedauere, dass sie teils zu aggressiv geführt wird.

Es geht um Würde!

Aber grundsätzlich befördert sie das Projekt der Aufklärung?

Im Kern ja, aber einige Leute werden leider zu dogmatisch. Francis Fukuyama beschrieb den Fokuswechsel von Verteilungsfragen hin zu Identitätsfragen damit, weil es darin um Würde gehe. Man wünsche sich, dass die eigene Würde auch gesellschaftlich anerkannt werde. Das ist eine wichtige Forderung. Aber dieser Wunsch nach Anerkennung kann kippen. Und dann geht es nicht mehr darum, gleichwertig anerkannt zu werden, sondern darum, sich abzugrenzen. Aber man sollte Differenzen anerkennen, ohne sie so zu überhöhen, dass man die Gesellschaft nur noch in Kleingruppen zersprengt wahrnehmen kann.

Von Peter Intelmann