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Lokales Lübeck Lübeck: Forscher reden über Tierversuche
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14:00 10.03.2019
In der Tierhaltung der Universität: Regelmäßig werden die Mäuse von Tierpflegern untersucht. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck

Gesicht und Haare der jungen Tierpflegerin sind bis auf die Augen und ein paar blonde Strähnen hinter Mund- und Haarschutz verborgen. Mit einer blau behandschuhten Hand hält sie einen Scanner an den Strichcode auf der orangefarbenen Karteikarte, die außen an einer durchsichtigen, schuhkartongroßen Plastikbox befestigt ist. In dieser Box lebt die Maus 220573. Hunderte solcher Boxen stehen dicht an dicht in Regalen in dem tageslichtlosen Raum. Einen Augenblick später erscheint auf dem Computerbildschirm alles, was es über die Maus zu wissen gibt: Sie wurde am 11.04.2018 geboren, als Junges von 186381 und 186386. Sie hat zwei Geschwister und gehört der Zuchtlinie Parv-Cre an.

10 981 Tiere wurden 2018 in Lübeck für Versuche verwendet, 5077 starben dabei. In der Öffentlichkeit wird darüber wenig gesprochen. Zwei führende Forscher und der Tierschutzbeauftragte der Uni haben sich entschieden, den LN Rede und Antwort zu stehen. „Manche forschen tierexperimentell und berichten darüber in der Fachwelt, trauen sich aber nicht an die Öffentlichkeit, weil sie Anfeindungen bis hin zu Bedrohungen fürchten“, sagt Henrik Oster, Leiter des Instituts für Neurobiologie. „Das ist verständlich, aber kurzsichtig.“

Kein gutes Thema für Partys

Die Gemeinsame Tierhaltung (GTH) der Universität zu Lübeck ist eine Art Hochsicherheitszone, die man nur mit steriler Kleidung, Mundschutz und Haarschutz betreten darf. 8908 Mäuse leben hier, sie machen 98,5 Prozent des Bestands aus. Barthel Schmelting, Leiter der GTH und Tierschutzbeauftragter der Uni, kann für jeden Tag eine genaue Zahl nennen. Jede Geburt und jeder Tod wird registriert. Als Kind hat Schmelting Mäuse als Haustiere gehalten. Seine Eltern, westfälische Landwirte, hatten dafür wenig Verständnis. Schmelting wurde Tierarzt, ging aber nicht in die Landwirtschaft, sondern in die Forschung. Für das, was er jetzt macht, haben sogar ziemlich viele Leute kein Verständnis. Er sagt: „Wenn man auf einer Party sagt, ich bin Tierarzt . . . ,Was machst du denn? Groß- oder Kleintiere?'. . . und dann erzählt, dass man Tierschutzbeauftragter in der Versuchstierkunde ist: Dann ist die Party manchmal schnell vorbei.“

„Wir können nicht das menschliche Gehirn herausnehmen“

Der Neurobiologe Henrik Oster ist eine Autorität für die Erforschung der inneren Uhren des Menschen. Unter anderem untersucht sein Team Zusammenhänge zwischen Schlafrhythmus und Stoffwechsel – an Mäusen. „Viele Sachen lassen sich schon aus ethischen Gründen nicht primär am Menschen erforschen“, sagt er. „Wir können nicht das menschliche Gehirn rausnehmen und nachsehen, welche Gene da aktiv sind.“ Jörg Köhl, Direktor des Instituts für Systemische Entzündungsforschung, verwendet Mäuse bei der Erforschung von Autoimmunkrankheiten. „Weil wir uns damit immunologische Aktivierungswege anschauen können“, erklärt er.

Tierversuche lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen: die Prüfung von Wirkstoffen und Chemikalien vor der Markteinführung und die Grundlagenforschung. Claus Kronaus, Geschäftsführer des Vereins Ärzte gegen Tierversuche in Köln, hält beides grundsätzlich für überflüssig. Nur fünf Prozent der Medikamente, die am Tier erfolgreich getestet worden sein, kämen auf den Markt, führt er an. Er bezieht sich damit auf die vorklinische Phase der Medikamentenerprobung. Darin wird an Tieren die Giftigkeit eines Wirkstoffs getestet, bevor er in den klinischen Phasen an Menschen erprobt wird. Auch in den klinischen Phasen werden die weitaus meisten Medikamente aussortiert.

Rechtliche Grundlagen

Gesetzlich vorgeschrieben sind Tierversuche unter anderem für die Entwicklung und Zulassung von Arzneimitteln. Hier spricht man von regulatorischen Tierversuchen. Dazu zählen auch Versuche, mit denen die Giftigkeit von Chemikalien – zum Beispiel in der Landwirtschaft – ermittelt wird. Insgesamt fallen 20 Prozent der Tierversuche in Deutschland in diese Kategorie.

Erlaubtsind Tierversuche zu Zwecken der Forschung, wenn sie dafür unerlässlich sind. Zu den erlaubten Forschungszwecken gehören die Grundlagenforschung und die Erforschung möglicher Therapien, aber zum Beispiel auch Forschung, die dem Wohlergehen von Nutztieren in der Landwirtschaft dient.

Verbotensind Tierversuche zur Entwicklung von Tabakerzeugnissen, Waschmitteln und Kosmetika. Seit 2013 dürfen in der gesamten EU keine in Tierversuchen erprobte Kosmetika verkauft oder importiert werden. Seit 2016 dürfen in der EU für die Entwicklung von Kosmetika auch keine Daten aus Tierversuchen mehr genutzt werden, die außerhalb der EU erhoben wurden.

Gegner sagen: „Veraltet, irreführend“

Kronaus’ Kritik setzt aber schon bei der Grundlagenforschung an. Also dort, wo Mediziner und Biologen die Funktionsweisen des menschlichen Körpers untersuchen, ohne schon zu wissen, welche Krankheiten mit diesem Wissen eines Tages geheilt werden könnten. Nur eines von 25 000 Projekten aus der medizinischen Grundlagenforschung, sagt Kronaus, habe zu einem Medikament geführt: „Wir verschwenden viel Geld für eine völlig veraltete, irreführende Technik“, sagt Kronaus. Die Zahl zitiert er aus einer im Fachmagazin „The Lancet“ veröffentlichten Studie aus dem Jahr 2014. Die Autoren nahmen dabei auf Tierversuche nicht Bezug, kritisierten aber die weltweite Praxis der medizinischen Grundlagenforschung als ineffizient und intransparent.

Mögliche Alternativen

Die Lübecker Forscher Oster und Köhl zeigen sich offen für Alternativen zum Tierversuch – zum Beispiel durch sogenannte Organoide, aus Zellkulturen nachgebildete Mini-Organe, die mikroelektronisch miteinander verbunden werden. „In der Wirkstoffforschung wird vieles dadurch einfacher werden“, sagt Oster. Für die Grundlagenforschung sieht er höhere Hürden für erfolgreiche Alternativen: „Das Problem ist, dass wir bei vielen Prozessen noch gar nicht wissen, wie sie im gesunden Organismus funktionieren. Ein Modell ist immer nur so gut wie die Grundlagen, die ihm aus der Taufe geholfen haben.“ Köhl nimmt ein Beispiel zu Hilfe: „Allein in der Lunge gibt es viele verschiedene Zellenarten. Sie werden auch kein Auto verstehen, indem Sie nur den Vergaser untersuchen.“

„Töten ist eine Überwindung“

Der Veterinär Schmelting betont, dass der Tierschutz, für den er verantwortlich ist, über das vorgeschriebene Maß hinausgehe. 34 Menschen arbeiten in der Gemeinsamen Tierhaltung der Uni, 21 davon sind Tierpfleger. Jeder, der Tierversuche machen will, muss einen 40-stündigen Kurs absolvieren. „Mein Credo ist: Wissen schützt Tiere“, sagt Schmelting. „Mitgefühl ist auch gut, aber ich muss wissen, wann es einer Maus gut geht und wann es ihr schlecht geht.“ Auch das Töten der Tiere gehört zum Inhalt dieser Kurse. „Töten ist für jeden eine Überwindung. Auch ich mache das nicht gerne. Aber jeder, der tierexperimentell arbeitet, muss das tierschutzgerechte Töten beherrschen.“

Praktisch alle medizinischen und biologischen Forschungsbereiche der Universität, sagt Schmelting, verwendeten Tiere. Die Maus 220573 ist dem Team Molekulare Endokrinologie zugeordnet. Der Sinn ihres Daseins wird also die Erforschung der Hormone sein. Ihr Status: „Bereit“.

Hanno Kabel

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