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Lübeck Tonpfeife, Zinnkrug und Sargschilde: Das sind Lübecks kuriose Bräuche
Lokales Lübeck Tonpfeife, Zinnkrug und Sargschilde: Das sind Lübecks kuriose Bräuche
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07:00 11.01.2020
Die „Kringelhöge“ des Vereins Amt der Stecknitzfahrer wird seit Jahrhunderten gefeiert. Auch 1954 rauchten die Gäste die traditionellen weißen Tonpfeifen. Quelle: Hans Kripgans
Lübeck

Sie spielen mit Humor, List und Ritterrüstung, mimen ein Wakenitz-Ungetüm, schmauchen lange Tonpfeifen, stemmen schwere Zinnkrüge oder pflegen alte Sargschilde. Ihre Feste heißen Kringelhöge, Krugtag der Fischer, Nautisches Essen, Sippung oder Reis- & Curry-Reise. Hauptsächlich sind es Männer, die unter sich bleiben und jahrhundertealte Bräuche pflegen. Dabei haben die Herren überhaupt nichts gegen Frauen. Im Gegenteil. Die holde Weiblichkeit ist sogar äußerst fleißig bei der Ausrichtung der traditionsreichen Treffen ihrer Gatten – leise helfend, aber dezent im Hintergrund.

In der Hansestadt werden zahlreiche Traditionen gepflegt. Schifferbrüder, Stecknitzfahrer und Schlaraffen feiern eigenartige Feste. Hier sehen Sie die schönsten Bilder:

Kinder „högen“ sich über Kringel

Am 24. Januar treffen sich 200 dunkel gekleidete Herren, für die um exakt 10 Uhr vormittags die Tür zum Festsaal der Handwerkskammer geöffnet wird. Dann bestürmen die Männer den maritim geschmückten Saal mit den Kerzenleuchtern an den Tischen – die Kringelhöge startet. Es ist das Ritual des Vereins Amt der Stecknitzfahrer. Dabei trommelt der Ältermann der Gilde, Hartmut Haase, unermüdlich für den Ausbau des Elbe-Lübeck-Kanals. Der Vormittag ist gemütlich: Es gibt Braunbier aus Tonkrügen, später Grog aus Suppenschüsseln und Tabak aus der langen Tonpfeife. Aber es wird auch ausgiebig gemeinsam gefrühstückt, ein Brauch, der lange Zeit zurückliegt. Auch das Verschenken gebackener Kringel an Kinder, die plattdeutsche Lieder singen, gehört dazu. Die jungen Sänger „högen“, das heißt sie freuen sich über die Kringel, daher der lustige Name „Kringelhöge“.

Wenn der Giftmolch „fechst“

Eine nicht minder niveauvolle Versammlung ist die sogenannte Sippung bei den Schlaraffen, jenem weithin unbekannten Männerbund, der in der „Sonnenburg“ tagt. Das ist eine ausgediente Kirche, ein Ort, an dem sich die Schlaraffen in der Winterszeit jeden Freitagabend treffen und sich „Lulu“ zurufen. Die lustig gekleideten Männer pflegen Freundschaft, Kunst und Humor. Und sie benutzen ein eigenes Vokabular. Ihre Treffen heißen „Sippungen“, in denen die Pilger, Junker und Ritter wort- und liedreich „fechsen“. Speis und Trank ist „Atzung“ und „Labung“. Weltweit wird in deutscher Sprache gefechst. Und wenn Schlaraffen das profane Leben mal für ein paar vergnügliche Stunden ausblenden, heißen Bernd Wachsen „Ritter Giftmolch, der geheime Barbiturrat“ oder der Lübecker Arzt Karlheinz de Buhr „Ten Ass, der Schnellstichler“. Ein berühmter Schlaraffe war Heinrich Dräger, er soll bei Fechsungen einst seine freie Rede erlernt haben. Zu Ehrenschlaraffen wurden etwa Heinz Erhardt, Karl May oder Goethe ernannt.

Lätzchen heißen Klackerbuschen

Lang ist die Liste der seltsamen Spektakel: Der Kulborsabend etwa ist auch ein Stück Lübecker Tradition. Dort steht „Jochen Kulbors“ im Mittelpunkt. Er ist der „Öllersmann“, der Chef der alten Gilde des Lübecker Segler-Vereins. Vor seinem Auftritt muss er aufwendig von einer Maskenbildnerin in Szene gesetzt werden, bevor er vollbärtig und in dunkler Fischerkleidung der Wakenitz entsteigt und die Vereinsmesse des Lübecker Segler-Vereins betritt.

Der Auftritt ist natürlich nur gestellt, Kulbors geht nicht wirklich ins Wasser. Aber er fällt schnell in Ungnade, wenn die Regeln nicht eingehalten werden. Zum jährlichen Eisbeinessen tragen die Männer „Klackerbuschen“ genannte Lätzchen. Benimmt sich ein Neuling einwandfrei in der Segelei und beachtet er die strengen Sitten zu Tisch, kann er es vom Gesellen bis hin zum Ehren-Alt-Obermeister bringen. Kommt jemand nicht mit zugeknöpftem Jackett oder raucht er statt Tonpfeife etwa eine profane Zigarette, muss er löhnen. Kulbors (übersetzt: Kaulbarsch) ist eine Art Wassergott, zuständig für die Wakenitz, den Ratzeburger See und alle umliegenden Tümpel. Die Gilde trifft sich jeden zweiten Sonnabend im Januar.

Sargschilde für gegenseitigen Respekt

Dem nassen Element sind auch die Schifferbrüder, Lübecks älteste Gilde, zugetan. Erstmals seit der Gründung im Jahre 1401 haben sie jetzt mit der Kapitänin Silke Muschitz eine Frau aufgenommen. Wer Rang und Namen hat, ist dabei, wenn die Gilde tagt. Dann bitten die Kapitäne zum gemeinsamen Schmaus und zu illustren Seefahrergeschichten. Spannend sind die Erzählungen von Ex-Schifferbruder-Chef Rüdiger Pfaff. So erteilt er den humorvollen Rat, wie man den Gefahren der Seefahrt aus dem Wege gehen kann. „Die einfachste Möglichkeit ist“, sagt Pfaff, „man fährt gar nicht erst los.“

Die Gilde pflegt ihre Rituale. So ehren die Mitglieder mit zwei Sargschilden und einem Trauerflor ihre verstorbenen Schifferbrüder. „Für mich bedeuten die alten Rituale eine Pflege gegenseitigen Respekts“, sagt Pfaff. Am 3. März laden die 39 Schifferbrüder und die Schifferschwester wieder zum Schmaus. Dann gibt’s Reis und Curry.

Virtuelle Reise der „MS Reis & Curry“

Reis und Curry ist ein Gericht, das auch der Verein der Kapitäne und Schiffsoffiziere zelebriert. Einmal im Jahr legt nämlich die „MS Reis & Curry“ ab. Ohne Seegang, symbolisch, in der Schiffergesellschaft, bei Curry von der Poularde, gebackenen Früchten, Sardinen, roter Bete, Mango, Zwiebeln und Käsewürfeln. Das indische Gericht ist Tradition beim Stiftungsfest. Ums Essen geht es auch bei den Nautikern und den Schiffsmaklern. Dann ist die historische Gaststätte Schiffergesellschaft zum Bersten voll, haben Küche und Service logistische Höchstleistungen zu zeigen. Die traditionellen Tellersammlungen geben Geld für soziale Projekte – und Netzwerke werden bei gemeinsamem Plausch und Gesang geknüpft.

Die Psychologie der Rituale

Rituale gibt es in allen Kulturen und in verschiedensten Lebensbereichen. Sie begleiten und strukturieren das Leben der Menschen. Nach Expertenmeinungen können Rituale unter anderem bei traurigen Erlebnissen eine Art seelische Medizin sein, etwa bei Beerdigungen mit immer den gleichen Abläufen. Menschen neigten dazu, keine abrupten Veränderungen zu mögen. Feste Rituale machten die Umstände erträglicher, ermöglichten das Gefühl von Kontrolle. Rituale potenzieren aber auch Gefühle, Freude und Glück, sagen Alltagsforscher über die Brauchtümer.

Döntjes beim Krugtag der Fischer

Und noch zweimal wird es maritim: Einmal jährlich ist der Tag der Kapitäne. Traditionsgemäß werden die Schiffsführer im Rathaus bei Rotspon und Marzipan begrüßt. Auf Einladung der Hafenbehörde Lübeck Port Authority gibt es Stadtbesichtigungen und ein deftiges Mahl in der Schiffergesellschaft. In der Seefahrerkirche St. Jakobi legen die Kapitäne einen Kranz zum Gedenken an die Opfer des Untergangs der „Pamir“ nieder.

In einem deutlich kleineren Rahmen tagen die Fischer: Wenn die Männer des Vereins der Gothmunder- und Wakenitzfischer ihren jährlichen Krugtag feiern, fließen Lachtränen, Köm und Dunkelbier, ruft Ältermann Bernd Kühn zu Döntjes und Singen auf. Höhepunkt des Rituals ist das Herumreichen des großen, alten Zinnkruges, einer Leihgabe des St.-Annen-Museums. Und 75 Fischer und Freunde der Zunft schmettern das „Fischerlied“, „Wo die Nordseewellen...“ oder „Ein armer Fisch bin ich zwar“. Dazwischen gibt es immer wieder Döntjes, Nachdenkliches und Gespräche über Gott und die Welt.

Höchst aktuell wird in Lübeck ein anderes, besonders sportliches, zugleich geselliges Ritual gepflegt: Es ist die Zeit der Karnevalisten, die am Sonnabend Prinzenproklamation feiern.

Von Rüdiger Jacob

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