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Lübeck Angeklagter durch Alkohol vermindert steuerungsfähig?
Lokales Lübeck Angeklagter durch Alkohol vermindert steuerungsfähig?
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19:34 21.03.2019
Nach der Tat polizeilich versiegelt: die Wohnungstür des Angeklagten. Quelle: Holger Kröger
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St. Lorenz Nord

Hatte der 49-jährige Wolfgang K. (Name von der Redaktion geändert) einen „Blackout“, als er am 30. Oktober nach einem Saufgelage mit einem 39-Jährigen in seiner Wohnung am Langen Lohberg den Gast mutmaßlich erstach? Gab es Streit oder war der langjährige Alkoholiker grundlos aggressiv geworden, nachdem er mehr als seinen „Normalpegel“ von rund zwei Promille erreicht hatte? Am dritten Verhandlungstag vor der I. Großen Strafkammer des Landgerichts sollten zwei Gutachten zur Aufklärung beitragen.

Das Opfer verblutete

Detailliert, auch anhand anatomischer Abbildungen und Fotos, hatte die Rechtsmedizinerin zunächst den Zustand des Opfers geschildert. Mehr als 30 Messerstiche, überwiegend im Gesicht und Nacken, wies der Leichnam des 39-jährigen auf. Meist oberflächliche, nicht sehr tiefe Schnitte. „Die großen Gefäße waren komplett unverletzt“, so die Medizinerin, die bereits am Fundort – auf dem Sofa des Angeklagten – eine erste Leichenschau vorgenommen hatte. Ein Schnitt durchtrennte zwischen fünftem und sechstem Halswirbel das Rückenmark, so dass das Opfer querschnittgelähmt und damit wehrlos war.

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3,76 Promille Blutalkohol habe man bei dem Opfer gemessen: „Ein normaler Mensch ist dann tot“, so die Gutachterin. Nicht jedoch ein Alkoholiker wie das Opfer. Aufgrund der großen Blutmenge auf dem Sofa geht die Medizinerin von Verbluten nach außen als Todesursache aus. Interessant: Aufgrund der Auffindesituation des Opfers und größerer Blutmengen ist die Rechtsmedizinerin sicher, „dass das Opfer verlagert wurde.“

Keine Anzeichen für „Blackout“

Diese Tatsache und dass die Wohnung Wolfgang K.s, der nach Bremen und Hannover geflüchtet war, sehr aufgeräumt aussah, sind Gründe, die den psychiatrischen Gutachter nicht an einen „Blackout“ des Angeklagten glauben lassen. Er kannte Wolfgang K. bereits von einer Begutachtung aus dem Jahr 2002. K. habe keine großen neuropsychologischen Ausfälle gehabt, habe sich noch problemlos eine Zigarette drehen können (das zeigen Aufnahmen einer Überwachungskamera vom Bahnhof), sei vor der Tat noch in der Lage gewesen, sich mit seinem Kumpel Alkohol zu kaufen. Er sei „bis zu dem Moment, in dem er einen Blackout gehabt haben will, vollkommen handlungsfähig gewesen“ – und anschließend ebenfalls.

Probleme bei mehr als zwei Promille

Auch anhand von Zeugenaussagen hatte der Gutachter ermittelt, dass Wolfang K. bis zu einem Pegel von zwei Promille eher „ruhig und gehemmt“ gewesen sei. Ärger habe er in der Vergangenheit – das Strafregister ist lang – immer gemacht, wenn er noch stärker alkoholisiert gewesen sei. „Dann war er deutlich aggressiver, hatte eine niedrige Frustrationsschwelle.“

Das mag an jenem verhängnisvollen Tag so gewesen sein. Er könne jedenfalls nicht ausschließen, dass zum Tatzeitpunkt aufgrund des enormen Alkoholkonsums eine verminderte Steuerungsfähigkeit vorgelegen habe. Auch, weil ihm im Umkehrschluss kein Grund für die Tat einfalle.

Der Prozess wird am Montag, 25. März, um 9 Uhr im Landgericht, Schwartauer Landstraße 9-11, Saal 315, fortgesetzt.

Sabine Risch

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