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Lübeck Training in acht Metern Höhe: Auch für Lebensretter eine Mutprobe
Lokales Lübeck Training in acht Metern Höhe: Auch für Lebensretter eine Mutprobe
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13:33 12.02.2014
Selbstrettung: Kai Tuschling seilt sich aus acht Metern Höhe vom Schlauchturm der Feuerwache 1 ab. Die Retter wählen diesen Weg, wenn es im Notfall keine anderen Rückzugsmöglichkeiten mehr gibt. Quelle: Fotos: Olaf Malzahn
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Lübeck

Auch die Feuerwehr hat das Problem: Was nicht ständig genutzt wird, gerät in Vergessenheit. Deshalb frischen Lübecks hauptamtliche Helfer einmal im Jahr ihre Kenntnisse auf. „Denn auch diese Dinge müssen im Ernstfall klappen“, sagt Stefan Holst, zuständig für die Weiterbildung bei der Berufsfeuerwehr. Dieses Mal steht die Selbstrettung aus der Höhe auf dem Stundenplan der zwölf Teilnehmer und ein Hochdruck-Wasserstrahl, der in Sekundenschnelle durch Stahl schneidet. Und zum Schluss doch ein Klassiker: die Atemschutzstrecke.

Die Lübecker Berufsfeuerwehr trainiert für den Ernstfall.

Acht Meter über dem Boden

Im Ernstfall stellt sich Chandresch Hollmann gar nicht erst die Frage, ob er es machen soll. „Allerdings habe ich es bisher zum Glück noch nie machen müssen“, sagt der 30-Jährige. Er klettert langsam aus dem Fenster im zweiten Stock des Schlauchturms und seilt sich acht Meter ab. „Der eine kann besser mit der Höhe umgehen, der andere weniger.“ Bei der Übung geht es um die Selbstrettung, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gibt. Nach und nach seilen sich die Teilnehmer ab. Dabei testen sie gleich die Rettungsschlaufe, die in die neue Einsatzjacke eingenäht ist — früher baumelte sie am Gürtel.

Zum Schluss stellt Holst eine neue Absturzsicherung vor, die das Hinauf- und Herabklettern vereinfachen soll. Das System kommt dann zum Einsatz, wenn die Rettungskräfte in großer Höhe arbeiten müssen — zum Beispiel an Baukränen. „Der Gurt wird nie in aller Schnelle angelegt“, mahnt Ausbilder Holst seine Kollegen. „Euer Leben hängt davon ab, dass alles ordentlich ist.“

Stockdunkel und schweißnass

In der ersten Etage der Feuerwache 1 ist die Atemschutzstrecke untergebracht. „Du hast einen riesigen Raum und weißt nicht, wonach du suchen sollst“, so beschreibt Marco Derlin seine Aufgabe. In dicker Schutzausrüstung und mit Atemschutzmaske samt Druckluftflasche begeben er und sein Kollege Hans Boeck sich zunächst für eine Minute auf den Stepper, danach auf den 60-Meter-Parcours.

Der Raum ist stockdunkel und voller Kunstnebel, überall lauern Engstellen sowie Hindernisse. Hier werden die Einsatzkräfte auf ihre Kondition getestet. „Am besten schneiden immer unsere Taucher ab“, sagt Wolfgang Klempau, Leiter der Atemschutzwerkstatt. Die Jungs seien es gewohnt, im Finsteren die Orientierung zu behalten und zu tasten. Derlin und Boeck müssen eine Kinderpuppe finden und sicher ins Freie bringen. Nach zehn Minuten ist der Test beendet, die beiden kommen schweißnass heraus. „Dabei herrschen da drinnen bloß normale Raumtemperaturen“, sagt der 31-jährige Derlin. „Im Ernstfall ist es durch Feuer deutlich heißer.“ Die Blutdruck- und Pulswerte liegen im guten Bereich, jetzt ruft die Dusche.

In drei Sekunden durch Beton

Auf dem Hof dröhnt der Motor, als Jan Braun den Hebel der „Cold Cut Cobra“ betätigt. Ein Wasserstrahl schießt aus dem vorderen Ende des gewehrartigen Geräts. „Das funktioniert wie ein Hochdruckreiniger.“ Der Unterschied: Das Wasser kommt mit einem Druck von 270 Bar aus der Spitze, mit dem Wasser-Granulat-Gemisch lassen sich Stahl und Beton blitzschnell durchstoßen. „Das System ist dafür da, um Hohlräume zu kühlen“, sagt Ausbildungsleiter Andreas Wulf. Es gibt nur fünf Stück in Deutschland, Lübeck bekam seine Cobra 2011 vom Havariekommando zur Schiffsbrandbekämpfung.

Die Löcher in den Testplatten aus Stahl und Beton sind nur vier Millimeter breit, nach dem Durchstoßen kommt auf der anderen Seite feiner Wassernebel heraus. So kann die Feuerwehr die Raumtemperatur von 1000 auf 150 Grad Celsius herunterkühlen, damit die Truppen vorrücken können. Zum Einsatz kam das Schneidlöschgerät in Lübeck noch nie, doch das Üben hilft dennoch. „Früher dachte ich, die Cobra ist nur etwas für die Kollegen“, sagt Braun. „Aber der Umgang ist wirklich einfach.“

Peer Hellerling