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Lübeck Uni-Campus: Kein Platz für Flüchtlinge
Lokales Lübeck Uni-Campus: Kein Platz für Flüchtlinge
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22:00 19.02.2015
Werden hier bald Wohncontainer aufgebaut? Bis zu 1000 Flüchtlinge könnten auf dem Campus der Uni Lübeck untergebracht werden. So lautet der Vorschlag des Kieler Innenministers Stefan Studt (SPD). Quelle: Fotos: Wolfgang Maxwitat (4), Lutz Roeßler
St. Jürgen

Die Hochschulen in der Hansestadt winken ab: Sie haben keinen Platz, um Container für Asylbewerber unterzubringen. Wie berichtet, will die Landesregierung Erstaufnahmestellen an den Unis des Landes errichten. Allein auf dem Campus der Uni Lübeck könnte nach Vorstellung der Landesregierung ein Containerdorf für 1000 Flüchtlinge entstehen.

Hansestadt und Uni erklärten bereits gestern, dass sie keine Flächen dafür hätten. Die Fachhochschule Lübeck hat auch keinen Platz. „Wir versuchen gern zu helfen, aber sehen nicht, wo wir sie unterbringen können“, sagt FH-Kanzlerin Irene Strebl. Die FH habe derzeit 4500 Studenten, und die Räumen seien bereits dreifach überbelegt. Hinzu kommt, dass die FH weitere 200 Studenten ab dem Wintersemester 2016/2017 aufnehmen soll. Denn die doppelten Abiturjahrgänge werden an den Hochschulen erwartet, außerdem kommen jedes Jahr mehr junge Menschen an die Hochschulen. Seit Jahren schon ist ein Neubau zentral auf dem Campus der Fachhochschule geplant, der aber immer wieder vom Land verschoben wird.

Die Musikhochschule Lübeck hat so gut wie keine Liegenschaften. Einzig ein Kasernen-Gebäude in der Schwartauer Allee könnte genutzt werden, doch darin sind seit Mitte der 90er-Jahre Proberäume untergebracht. Nun soll den Musikern gekündigt werden vom Bund. Zum Ende dieses Jahres sollen sie das Gebäude räumen. Dort könnten möglicherweise auf den 1400 Quadratmetern Flüchtlinge untergebracht werden. „Diesem Argument können wir uns nicht verschließen“, sagt Kanzler Jürgen R. Claußen. Aber für ihn ist es eine schwierige Situation. „Den Musikern zu kündigen, finde ich auch nicht akzeptabel.“ Denn die meisten würden keine neuen Räume finden. An der Musikhochschule studieren 450 junge Menschen.

Der Studierendenausschuss dagegen begrüßt die Idee des Kieler Innenministers. „Wir würden alle Geflüchteten bei uns willkommen heißen“, sagt Birte Stoeter, Asta-Vorsitzende der Uni. Die Unterbringung auf dem Campus sei eine Chance für beide Seiten. Allerdings lehnen die Studenten das Einquartieren der Flüchtlinge in Massenunterkünften wie Containern ab. Stoeter: „Das ist keine würdevolle Unterbringung.“ Der Asta will indes das Unterbringen von Asylbewerbern in Wohngemeinschaften vorantreiben. Die Studenten haben vor einiger Zeit ein eigenes Projekt dafür gegründet, es heißt: WG gesucht.

Die Flüchtlingspolitikerin der CDU-Landtagsfraktion, Astrid Damerow, hält die Absage aus Lübeck für bedauerlich. Allerdings dürfe sich der Innenminister darüber auch nicht wundern, wenn er den Kommunen immer wieder „solche Ad-hoc-Überlegungen vor den Latz knallt“. Für die Unis sei der Vorlauf für die Containerlager viel zu gering, kritisiert Damerow.

Der Lübecker Weg, Asylbewerber nicht in großen Unterkünften unterzubringen, ist Makulatur. „Uns bleibt nichts anderes übrig, als auf Container, Turnhallen und vielleicht sogar Schiffe zurückzugreifen“, bedauert Andreas Sankewitz (SPD), Vorsitzender des Sozialausschusses. Trotzdem sollte die Stadt sich bemühen, ihre Willkommenskultur aufrechtzuerhalten. „Containerdörfer dürfen nur das allerletzte Mittel sein“, erklärt die CDU-Sozialpolitikerin Heidi Menorca. Land und Bund müssten den Kommunen mit Geld und Personal helfen, fordert Menorca. Außerdem will sie wissen, ob die Aufhebung des vom Land verfügten Abschiebestopps Platz für neu ankommende Flüchtlinge in Lübeck schaffen würde. „Container dürfen nur eine Zwischenlösung sein“, sagt Michelle Akyurt, sozialpolitische Sprecherin der Grünen, und spricht von einer „bitteren Pille“. Von einem ganzen Containerdorf an der Uni halten die Grünen nichts. Die Linken lehnen eine Unterbringung von Asylbewerbern in Containern und Schulturnhallen rigoros ab. „Wir fordern alle Beteiligten auf, sich weiterhin an den bereits vor Jahren getroffenen Beschluss für dezentrale Unterbringung zu halten“, sagt Fraktionschefin Antje Jansen.

Das Lübecker Flüchtlingsforum hat sich immer für eine Unterbringung von Flüchtlingen in regulären Wohnungen, verteilt auf das gesamte Lübecker Stadtgebiet, ausgesprochen. „Eine Unterbringung von 1000 Menschen in Containern ist mit Sicherheit keine angemessene Unterbringung“, sagt Sprecherin Heike Behrens.

Container an der Hochschule: „Wo sollen die stehen?“
„Eine Flüchtlings-Unterkunft auf dem Uni-Campus? Warum nicht?“, sagt Nikolai Schmidt (23), Student der Biomedizintechnik. Allerdings müssten hier die ästhetischen Kriterien eingehalten werden. „Ich finde es wichtig, dass die Container zum architektonischen Bild des Universitätsgeländes passen, schließlich soll der Campus ja auch für ausländische Studierende attraktiv bleiben.“ Ähnlich sieht es auch Maria Noftz. Die 39-Jährige arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin auf dem Campus, der Flüchtlingspolitik der Landesregierung steht sie offen gegenüber. „Allerdings kann das Universitätsgelände nur eine Notlösung sein — schließlich sollen sich die Bewohner in ihrer neuen Umgebung auch wohlfühlen.“ Auf dem Campus gebe es einfach zu wenig Platz. „Ich stelle mir wirklich die Frage, wo hier noch gebaut werden soll“, sagt Noftz.
Und sie ist nicht die einzige, die den Mangel an Freiflächen auf dem Gelände betont: Bereits Uni-Vizepräsident Enno Hartmann wies auf Anfrage der LN auf den Platzmangel hin. Auch viele Studierende halten die Einrichtung einer Erstaufnahme, in der Flüchtlinge die ersten sechs Wochen nach ihrer Ankunft verbringen sollen, für unrealistisch. „Hier ist doch alles schon verbaut, jetzt kommen auch noch neue Institutsgebäude dazu — ich denke nicht, dass man hier Menschen unter würdigen Bedingungen unterbringen kann“, sagt Studentin Lisa Nalbach (22).
Der Neubau des Fraunhofer-Instituts wurde bereits fertiggestellt, die Arbeiten an dem Forschungsgebäude CBBM sind beinahe abgeschlossen. Außerdem kündigte Universitätspräsident Hendrik Lehnert diese Woche noch einmal den Spatenstich für ein Entzündungsgebäude an. Laut Lehnert seien außerdem ein neues Haus für Medizintechnik und ein Haus der Lehre geplant (die LN berichteten). „Ich weiß daher wirklich nicht, wo hier noch Wohncontainer stehen sollen“, sagt Nalbach, „sonst wäre ich aber prinzipiell dafür.“kad
VIER FRAGEN AN...

1 Lübeck muss in diesem Jahr 1700 statt der erwarteten 1000 Flüchtlinge unterbringen. Was nun, Herr Schindler? Wir brauchen ein breites Bündnis aus Wohnungswirtschaft und Verwaltung, um das Thema zu beherrschen. Ich appelliere dringend an die Wohnungswirtschaft, uns noch mehr Wohnungen und Sammelunterkünfte zur Verfügung zu stellen.

2 Stellt Lübeck demnächst Container und Zelte auf? Die Unterbringung von Flüchtlingen in Schulpavillons, Turnhallen und in Containern lässt sich angesichts der Zahlen nicht mehr verhindern. Über die Unterbringung auf Schiffen denken wir noch nicht nach. Zelte kommen allenfalls im Sommer als Übergangslösung infrage. Wir haben derzeit 16 Standorte für Sammelunterkünfte und sechs weitere in Planung. Wir brauchen 2015 mindestens sechs weitere Standorte.

3 Was haben Sie gegen eine Erstaufnahmestelle an der Uni? Ich kann nicht beurteilen, ob die Uni überhaupt Platz für eine solche Aufnahmestelle hat. Aber wenn Lübeck eine solche zentrale Aufnahme bekommt, erwarte ich, dass die Flüchtlinge auf unser Unterbringungskontingent angerechnet werden. Denn die Betreuung dieser Asylbewerber auf dem Uni-Campus und die Integrationsarbeit im Stadtteil würde voraussichtlich als Aufgabe an die Stadt fallen.
4 Ist der Lübecker Weg bei der Unterbringung von Asylbewerbern gescheitert? Nein. Richtig ist, dass wir bei der Unterbringung Kompromisse eingehen müssen. Aber an dem Betreuungsschlüssel von 40 Flüchtlingen auf einen Betreuer halten wir fest. Mit dieser hohen Betreuungsintensität liegen wir in Deutschland ganz weit vorne.

jvz/wh/dor