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Lübeck Uni wird zum Diagnostik-Zentrum
Lokales Lübeck Uni wird zum Diagnostik-Zentrum
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10:02 28.02.2014
Lilli Sophie war das erste Kind in Deutschland, dass vor zwei Jahren nach einer „Präimplantationsdiagnostik“ (PID) geboren wurde. Nach Auskunft von Prof. Klaus Diedrich ist das Mädchen kerngesund und fröhlich: „Ich stehe in regelmäßigem Kontakt mit der Familie.“ Quelle: dpa
Lübeck

Es ist nun gut zwei Jahre her, dass auf der Entbindungsstation der Lübecker Uniklinik ein ganz besonderes Baby zur Welt kam — „ganz besonders“ in dem Sinne, weil Lilli Sophie mit ihren 3010 Gramm und 50 Zentimetern das erste Kind in Deutschland war, dass nach „Präimplantationsdiagnostik“ (PID) geboren wurde. Dieses Verfahren, das erst durch ein Urteil im Juli 2010 vom deutschen Gesetzgeber erlaubt worden ist, ermöglicht es Eltern mit einem schweren erblichen Risiko, nach vorheriger aufwendiger Laboranalytik ein Baby ohne diesen Erbdefekt zu bekommen.

Jetzt hat das Zentrum für Humangenetik des Ambulanzzentrums am Lübecker Universitätsklinikum das „Siegel“ vom Kieler Gesundheitsministerium als „Zentrum für Präimplantationsdiagnostik“, kurz PID-Zentrum, erhalten. Dies ist laut Ministeriumssprecher Christian Kohl die erste Zulassung eines universitären PID-Zentrums in Deutschland. „Diese Genehmigung war nach der Verordnung, die die Einzelheiten bei der Durchführung der PID regelt und von Bundestag und Bundesrat vor einem Jahr beschlossen wurde, für unsere Arbeit notwendig geworden“, erklärt Humangenetikerin Prof. Gabriele Gillessen-Kaesbach.

Ziel der Verordnung war es, die Zahl der Zentren im Bundesgebiet auf wenige qualitativ hochstehende Einrichtungen zu beschränken. „Natürlich freuen wir uns, dass wir nun den Bescheid bekommen haben“, sagt die Leiterin des Lübecker Uni-Instituts für Humangenetik, „und eines der wenigen zugelassenen Zentren sind.“ Der Weg dorthin sei sehr mühsam gewesen, merkt sie noch an; schließlich habe man beim Aufbau des Zentrums keinerlei finanzielle Unterstützung vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) erhalten. „Wir mussten alles aus eigenen Mitteln bestreiten“, wie sie sagt.

Nach dem Schreiben aus Kiel können die Uni-Forscher aus den Fachbereichen Humangenetik und Reproduktionsmedizin, unter der Leitung Prof. Georg Griesinger, wieder offiziell ihre Arbeit aufnehmen.

20 interessierte Elternpaare stünden auf der Warteliste. Bevor sie überhaupt für eine Kinderwunschbehandlung mit PID infrage kommen, werden diese ausführlich zu den möglichen medizinischen, psychischen und sozialen Folgen dieses Verfahrens aufgeklärt und beraten. Zudem muss für eine PID eine interdisziplinär zusammengesetzte Ethikkommission jeden Einzelfall prüfen und zustimmend bewerten. „Für unser PID- Zentrum ist die gemeinsame Ethikkommission norddeutscher Länder zuständig. Sie ist bei der Ärztekammer Hamburg angesiedelt und schon tätig“, so Gillessen-Kaesbach.

Nach wie vor kommen aber trotz Zulassung und Zustimmung des Gesetzgebers erhebliche Kosten auf die Paare zu. „Das sind rund 10 000 Euro pro Behandlungszyklus. Außerdem müssen noch einmal 1000 bis 2000 Euro für den Antrag an die Ethikkommission dazu gerechnet werden, die privat zu tragen sind“, erklärt die Medizinerin. Eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen stehe nämlich immer noch aus.

„Dies ist für mich nicht nachvollziehbar“, erklärt dazu Prof. Klaus Diedrich, ehemaliger Chef der Lübecker Frauenklinik. Schließlich sei jetzt ein rechtssicherer Raum geschaffen worden, und die Fälle seien klar begrenzt. Der Pionier auf dem Gebiet der Reproduktionsmedizin, der als Emeritus inzwischen in einem Hamburger Facharzt-Zentrum ebenfalls PID anwendet, hat seit den 1990er Jahren für diese Diagnostik in Deutschland gekämpft.

Strenge Vorgaben
Die Präimplantationsdiagnostik, kurz PID, wird in den USA und in vielen Ländern Europas seit über 20 Jahren vorgenommen. Deutschland gehört zu den wenigen Ländern, in denen diese Methode bis Mitte 2010 aufgrund der Auslegung des Embryonenschutzgesetzes nicht zulässig war. Die Sachlage hat sich dann durch ein Urteil des Bundesgerichtshofes vom 6. Juli 2010 geändert. Dem wegweisenden Richterspruch vorausgegangen war eine Selbstanzeige eines Berliner Frauenarztes, der schon „illegal“ die PID in seiner Praxis vorgenommen hatte.
4000 PID-Kinder sind weltweit schon geboren worden, das erste kam 1995 zur Welt. Ärzte schätzen, dass bundesweit 200 bis 300 Paare im Jahr für eine PID infrage kommen. Zwei Voraussetzungen müssen hierzulande erfüllt sein: 1. eine genetischen Erkrankung der Frau/des Mannes, von der die Eizelle/ Samenzelle stammt und für deren Kinder das hohe Risiko einer schwerwiegenden Erbkrankheit besteht; 2. eine schwerwiegende Schädigung eines Embryos, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Tot- oder Fehlgeburt führen wird.

Michael Hollinde