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Lübeck Vier Jahre Haft für Nudelholz-Attacke
Lokales Lübeck Vier Jahre Haft für Nudelholz-Attacke
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16:11 26.06.2018
Quelle: dpa
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St. Lorenz Nord

Ratlosigkeit – auch auf Seiten der I. Großen Strafkammer: Die Motivlage für die Tat am 8. April 2017 sei nach wie vor völlig ungeklärt, räumte Vorsitzender Richter Christian Singelmann in der Urteilsbegründung ein. Der Angeklagte und die Geschädigte hatten im Elternhaus des Opfers einen gemütlichen Abend verbracht – mit Gesellschaftsspielen, Gesprächen unter Freunden und schließlich einem Horrorfilm, bevor sich Tanja L. in ihrem eigenen Zimmer, Carsten S. (beide Namen geändert) im Gästezimmer, schlafen legten. Gegen 4 Uhr morgens jedoch war der 23-Jährige erwacht, hatte sich aus der Küche ein Nudelholz geholt und zunächst damit auf seine langjährige Bekannte eingeschlagen, sie anschließend gewürgt.

Im Gegensatz zum Motiv steht für Richter Singelmann fest, „dass im Leben einer jungen Frau kein Stein mehr auf dem anderen liegt“. Die 22-jährige Tanja L. habe versucht, ihre Arbeit als medizinische Fachangestellte wieder auszuüben, habe nach zwei Wochen jedoch aufgeben müssen. „Ihr gesamtes Leben hat sich verändert“, so Singelmann. Tanja L. sei seit Ende September durchgehend krankgeschrieben, habe Angst vor Menschen auf der Straße, habe alle Kontakte zu früheren Bekannten abgebrochen und könne nicht in einer eigenen Wohnung leben. Die 22-Jährige, die bei der Urteilsverkündung blass neben ihrem Anwalt sitzt, lebt jetzt bei ihren Eltern, die sie zum Prozess begleiteten. Sie befindet sich in intensiver psychotherapeutischer Behandlung und besucht Gewaltpräventionskurse.

Hinter der 22-Jährigen liegt ein Vertrauensverlust par Excellence: Ein guter Freund, den sie seit Jahren kennt und dem sie vertraute, hat sie im Schlaf attackiert und ihr Leben beinahe ausgelöscht. Singelmann: „Die Nebenklägerin ist knapp am Tod vorbeigeschrammt.“ Nachdem das Opfer von den Schlägen auf den Kopf wach und gewürgt worden war, hatte Tanja L. im dunklen Zimmer noch Carsten S. (Name geändert) um Hilfe gerufen, weil sie zunächst glaubte, der Freund schlafe im Gästezimmer, während sie von einem Einbrecher attackiert werde. Als sie ihn erkannte und fragte, warum er ihr das antue, habe der Angeklagte auf der Bettkante gesessen und zum einen gesagt: „Töte mich!“, zum anderen, es tue ihm Leid. Darauf sei er verschwunden, Tanja L. habe ihren Bruder angerufen, der die Polizei verständigte.

Der Angeklagte hört scheinbar ungerührt zu

Der Angeklagte, der in Jeans und schwarzem Kapuzenpulli neben seinem Verteidiger sitzt, hört scheinbar ungerührt den Ausführungen von Richter Singelmann zu. Der erklärt, dass das Gericht vom Vorwurf des versuchten Totschlags abgewichen sei, weil Carsten S. freiwillig aufgehört habe, Tanja L. zu würgen.

In den Plädoyers hatte die Staatsanwaltschaft wegen versuchten Totschlags, gefährlicher Körperverletzung und sexueller Nötigung eine Freiheitsstrafe von sechseinhalb Jahren gefordert, die Verteidigung eine Bewährungsstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung. Der Strafrahmen hierfür, so Singelmann, liege zwischen sechs Monaten und zehn Jahren.

Eine verminderte Schuldfähigkeit aufgrund Alkoholkonsums schloss das Gericht aus. Auch hätten die Gutachter keine eingeschränkte Steuerungsfähigkeit sowie keine psychischen Erkrankungen festgestellt, die zu einer verminderten Schuldfähigkeit geführt hätten. Carsten S. wurde angerechnet, dass er geständig war, dass er nicht vorbestraft ist und dass er sich im Zuge des Täter-Opfer-Ausgleichs bei Tanja L. entschuldigt hat und 5000 Euro an sie zahlt.

Von Sabine Risch