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Lübeck Virtual Reality im Grass-Haus: Besucher stürzen wie Oskar die Treppe hinunter
Lokales Lübeck Virtual Reality im Grass-Haus: Besucher stürzen wie Oskar die Treppe hinunter
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15:40 28.08.2019
Das Günter-Grass-Haus startet im November eine völlig neue Literatur- und Kunstvermittlung. Besucher können sich mit Virtual-Reality-Brillen in die Welt von Oskar Matzerath begeben. „Blechtrommel 4.0“ heißt das Projekt, das vom Bund gefördert wird.
Das Günter-Grass-Haus startet im November eine völlig neue Literatur- und Kunstvermittlung. Besucher können sich mit Virtual-Reality-Brillen in die Welt von Oskar Matzerath begeben. „Blechtrommel 4.0“ heißt das Projekt, das vom Bund gefördert wird. Quelle: Lutz Roeßler
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Innenstadt

Das Günter-Grass-Haus führt eine völlig neue Form der Literatur- und Kunstvermittlung ein. Besucher können – voraussichtlich ab November – eine Virtual-Reality-Brille aufsetzen, einen speziellen Raum betreten und wie Oskar Matzerath die Treppe des Kaufmannsladens hinunter stürzen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) finanziert das Projekt mir 200 000 Euro. Grütters: „Die ’Blechtrommel 4.0’ eröffnet einen neuartigen Zugang zum wohl berühmtesten Roman des Nobelpreisträgers.“

Grass-Haus schafft mehrere dieser Brillen an

Der Raum unter der Treppe, in dem derzeit Filme über Grass’ Schaffen als Bildhauer laufen, wird umgebaut und gekachelt. Besucher erhalten vor dem Betreten eine Virtual-Reality-Brille. „Wir werden mehrere davon anschaffen“, sagen Kuratorin Julia Wittmer und Museumsleiter Jörg-Philipp Thomsa. Mit Hilfe eines Geländers wird verhindert, dass Besucher gegen Wände laufen.

Virtuell stürzen die Besucher, von denen je nur einer oder eine in den Raum gelassen wird, wie Oskar die Treppe hinab und finden sich im Keller des Kaufmannsladens wieder. Dort warten fünf Aufgaben auf die Besucher. So müssen sie Brausepulver mischen, auf der Blechtrommel trommeln, in einem Fotoalbum blättern, an einem Kofferradio drehen und zum Schluss eine Glühbirne zerschreien. Wenn die platzt, geht das Licht an und die Besucher finden sich in dem gekachelten Raum, der an die Heil- und Pflegeanstalt erinnert, in der Oskar lebte. Das Geschrei werde in der Ausstellung zu hören sein, verrät der Museumsleiter: „Wir sind ein lebendiges Haus.“

Während des Aufenthalts im Keller spricht Mario Adorf mit den Besuchern. Am Ende des Abenteuers erläutert der Literaturkritiker Denis Scheck das Werk und die Gegenstände. Kuratorin Wittmer: „Man wird nicht einfach aus der virtuellen Welt entlassen, sondern an die Hand genommen.“

Die Verknüpfung von analoger und digitaler Museumstechnik

„Genau solche Projekte brauchen wir in Zeiten veränderter Seh-, Lese- und Lerngewohnheiten, um auch künftig möglichst viele Menschen für Kunst, Kultur und Literatur zu begeistern“, schwärmt Kulturstaatsministerin Grütters von dem Vorhaben, was es nach Aussage von Thomsa und Wittmer noch in keinem anderen Literaturhaus gibt.

Multitouchtisch vor demKaufmannsladen

Vor dem original Danziger Kaufmannsladen, in dem Besucher ganz analog fühlen, anfassen, riechen und hören können, wird ein Multitouchtisch geben. Gegenstände aus dem Kaufmannsladen können auf den Tisch gestellt werden, sodass die Besucher diverse Hintergrundinformationen zum Leben und auch zu anderen Werken von Grass bekommen. Thomsa: „Wir können mit dem digitalen Tisch Karten, Filme, Fotos und Texte zeigen.“ Der Museumsleiter: „So wird der Museumsbesuch zu einem völlig neuartigen und außergewöhnlichen Erlebnis.“

Grütters finanzierte auch den Kaufmannsladen

Ziel sei nicht die vollständige Digitalisierung derAusstellung, versichert Thomsa: „Wer weder mit Smartphone noch mit der Virtual-Reality-Brille hantieren will, kann weiterhin Texte an den Wänden und Skulpturen in den Regalen studieren. Und die neue Technik hat auch keinen Einfluss auf den Eintrittspreis. Der Museumsleiter: „Der Besuch im Günter-Grass-Haus wird dadurch nicht teurer.“

Kuratorin Wittmer, die bereits für das Grass-Haus gearbeitet hat, erstellt „Blechtrommel 4.0“ auf Honorarbasis. Die Programmierung für die Virtual-Reality-Brillen stammt von der Frankfurter Firma NMY. Den Kolonialwarenladen, der Ausgangspunkt für die Ausstellung ist, hat der Bund ebenfalls mit einem mittleren, fünfstelligen Betrag finanziert. Museumsleiter Thomsa: „Der Laden steht seit November 2018 und kommt unfassbar gut an.“

Von Kai Dordowsky