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Lübeck Von der Kita bis zum Abi: Kücknitz ist zweisprachig
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14:29 26.02.2020
Weltkunde-Lehrer Cemil Aygünes unterrichtet Fünft- und Sechstklässler auf Deutsch und Englisch. Quelle: Wolfgang Maxwitat
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Kücknitz

Gemeinsam für eine zweisprachige Erziehung der Kücknitzer Kinder: Die Kita Dreifaltigkeit, die Grundschule Roter Hahn, die Trave-Grund- und Gemeinschaftsschule sowie das Trave-Gymnasium haben einen Kooperationsvertrag geschlossen, mit dem ein umfassendes bilinguales Angebot im Stadtteil geschaffen wird – von der Kita bis zum Abitur.

Die Zwillinge Hannah (l.) und Alina lernen in Kücknitz zweisprachig Weltkunde. Quelle: Wolfgang Maxwitat

Diese Zusammenarbeit sei in Schleswig-Holstein bislang einmalig, sagen die Partner. „Die schriftliche Vereinbarung stellt sicher, dass das Angebot keine Eintagsfliege ist und nicht von den handelnden Personen abhängt“, erklärt Albrecht Dudy, Rektor der Trave-Grund- und Gemeinschaftsschule.

Unternehmen fördern Zweisprachigkeit

Große Unternehmen wie Bockholdt, Dräger, Nordischer Maschinenbau oder die Sparkasse zu Lübeck haben die Gesellschaft „Bilinguale Erziehung“ gegründet. Geschäftsführer Wolfgang Werner: „Unser Ziel ist es, in den nächsten Jahren ein umfassendes bilinguales Angebot vom Kindergarten bis zum Abitur in Lübeck zu verwirklichen.“ Die Gesellschaft fördert mit 150 000 Euro im Jahr die Einstellung von Muttersprachlern in Schulen und Kitas – beispielsweise in den Kitas Dreifaltigkeit, St. Gertrud, Julius-Leber-Straße und Kinderkiste. In der Trave-Gemeinschaftsschule und im Trave-Gymnasium sowie in der Thomas-Mann-Schule werden Sport-Arbeitsgemeinschaften von einem amerikanischen Footballspieler angeboten.

Zweisprachigen Unterricht in mehreren Fächern und das von Anfang an – das praktizierten bisher drei Grundschulen. Neben der Schule Roter Hahn, die die erste in Lübeck mit dem Angebot war, die Luther-Schule und die Schule am Stadtpark. „Bilingual unterrichtete Schülerinnen und Schüler haben am Ende der vierten Klassenstufe einen erheblich größeren Wortschatz als einsprachig unterrichtete Schülerinnen und Schüler“, sagen die Bildungseinrichtungen.

„Wir lernen andere Wörter als im Englischunterricht“

Julian (12) bestätigt: „Wir lernen oft mehr Englisch im bilingualen Unterricht als im Englischunterricht.“ Hannah (12): „Wir lernen andere Wörter als im Englischunterricht.“ Susanne Leistikow, Mutter von Juliane, die seit dem ersten Schultag zweisprachig lernt: „Die Kinder schreiben sogar Klassenarbeiten in Deutsch und Englisch.“ Die Kinder würden damit nicht überfordert, ist Susanne Leistikow überzeugt.

Lars-Arne Walter ist Konrektor an der Trave-Gemeinschaftsschule und unterrichtet zweisprachig: „Lehrwerke für bilingualen Unterricht in der fünften und sechsten Klasse sind schwer zu finden.“ Quelle: Wolfgang Maxwitat

Was aber bringt das, wenn es kein zweisprachiges Unterrichtsangebot in den weiterführenden Schulen gibt? Das Trave-Gymnasium und die Trave-Gemeinschaftsschule haben reagiert und arbeiten jetzt ebenfalls bilingual. Was gar nicht so einfach ist. „Lehrwerke für bilingualen Unterricht in den fünften und sechsten Klassen sind schwer zu finden“, berichtet Lars-Arne Walter, Konrektor der Trave-Gemeinschaftsschule. „Wir fühlen uns vom Land alleingelassen“, erklärt Frank Weis, stellvertretender Leiter des Trave-Gymnasiums, „wir brauchen mehr Stunden, um das zweisprachige Angebot aufzubauen.“

Wohin nach der Grundschule?

Die weiterführenden Schulen sind gefordert, denn die Zahl der zweisprachig unterrichteten Kinder steigt. Aktuell sind 75 bis 90 Grundschüler in Lübeck auf der Suche nach bilingualen weiterführenden Schulen. „Zur Zeit werden an den drei Grundschulen Roter Hahn, Luther und Stadtpark 359 Kinder bilingual unterrichtet“, rechnet Wolfgang Werner, Geschäftsführer der gemeinnützigen Gesellschaft „Bilinguale Erziehung“, vor.

Nicole Völschow, Leiterin der Schule Roter Hahn: „Wir haben sogar Anfragen aus England und Amerika.“ Quelle: Wolfgang Maxwitat

Ein internationales Schulangebot sei ein Anliegen der heimischen Wirtschaft, sagt Werner. Aber auch die Eltern fragen zusehends danach. Das merken die Schulen bei Infoveranstaltungen für Schulanfänger. „Eltern aus anderen Stadtteilen rufen bei uns an“, berichtet Nicole Völschow, Leiterin der Schule Roter Hahn, „wir haben sogar Anfragen aus England und Amerika.“

Schulen und Kitas brauchen Muttersprachler

Die bilingualen Bildungseinrichtungen setzen dabei vor allem auf Muttersprachler. An der Luther-Schule arbeite ein junger Australier, sagt Wolfgang Werner. Die Schule Roter Hahn hat eine fertig ausgebildete Lehrerin aus Cambridge angestellt. Weil deren Abschluss in Schleswig-Holstein nicht anerkannt worden sei, musste sie als Schulbegleiterin anfangen, erzählt Nicole Völschow. Vom Land wünschen sich die Kücknitzer Partner mehr Flexibilität.

Nils Heitmann leitet die Kita Dreifaltigkeit. 60 Minuten Frontalunterricht würden in der Kita nichts bringen, sagt Heitmann. Jetzt hat die Kita einen Muttersprachler und es läuft. Quelle: Wolfgang Maxwitat

„Muttersprachler sind klasse“, sagt Nils Heitmann, Leiter der Kita Dreifaltigkeit. Die Kita hat es zunächst mit qualifizierten Englischlehrern versucht. Heitmann: „Aber das hat nicht funktioniert.“ Die Kita musste auch lernen, dass 60-minütiger Frontalunterricht für die Kleinen nichts ist. Aber bilingual arbeitende Kitas sind auch ein Standortfaktor. Wolfgang Werner von der Gesellschaft „Bilinguale Erziehung“: „Wir hatten einen Anruf aus Irland. Jemand, der nach Lübeck zieht, um hier zu arbeiten, suchte einen Kita-Platz.“

Warum ist Kücknitz Vorreiter? Nicole Völschow: „Wir in Kücknitz haben oft das Gefühl, von Bildungsangeboten abgehängt zu sein. Deshalb haben wir selbst tolle Angebote installiert.“ Andere Stadtteile könnten sich das gerne abgucken, sagt Wolfgang Werner.

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