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Lokales Lübeck Was macht der Seehund im Stadtgraben?
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18:16 16.02.2017
Ein Seehund ist am Mittwoch in den Stadtgraben in Lübeck geschwommen. Quelle: Johannes Freitag
Lübeck

Wer hat sich denn da in die Hansestadt gewagt? Am Mittwochmittag schwamm Hobbyfotograf Johannes Freitag bei einem seiner Fotostreifzüge plötzlich ein Seehund vor die Linse. Und zwar nicht nahe der offenen See in Travemünde, sondern ganz innenstadtnah mitten im Stadtgraben.

„Eigentlich wollte ich auf der Nördlichen Wallhalbinsel die Gebäude fotografieren“, berichtet Freitag. Zwischenzeitlich auf das Wasser blickend, wurde Freitags Aufmerksamkeit dort auf wiederkehrende Luftblasen gelenkt. „Ich stand in der Nähe der Werftstraße, als etwa mittig zwischen beiden Ufern dieser Kopf aus dem Wasser auftauchte“, erzählt der 63-Jährige. Etwa 15 Minuten lang beobachtete und dokumentierte Freitag seine ungewöhnliche Gesellschaft. „Ein toller Anblick“, schwärmt Freitag. „Doch irgendwie auch irritierend, ich habe mich schon gefragt, wie der Seehund dorthin gekommen ist.“
„Wahrscheinlich war er auf Nahrungssuche“, sagt dazu Eva Baumgärtner, Biologin bei der Seehundstation Friedrichskoog. „Seehunde fressen ausschließlich Fisch und schwimmen auf der Jagd durchaus auch aus dem offenen Meer in Flüsse oder Kanäle.“ An der Nordsee sei das nichts Besonderes, an der Ostsee hingegen schon deswegen, weil der Bestand im Allgemeinen sehr viel kleiner ist. „In der Ostsee leben Ringelrobben, Kegelrobben und Seehunde“, ergänzt Meeresbiologe Sven Koschinski vom Naturschutzbund (Nabu) Schleswig-Holstein. Die meisten Seehunde kämen aus Richtung Kattegat zu uns. „Sei den 70er-Jahren wächst der Bestand wieder, zuvor wurden sie fast komplett ausgerottet“, sagt Koschinski.

Dass sich jetzt ein Exemplar der Meeressäuger aus der Ostsee so weit ins Landesinnere getraut hat, findet Koschinski interessant, aber genau wie seine Kollegin aus Friedrichskoog nicht unnormal oder besorgniserregend. „Nimmt man zum Beispiel die Fähre zwischen Glückstadt und Wischhafen, kann man mit Glück ganze Seehundkolonien in der Elbe antreffen, Schiffsverkehr macht den Tieren also nichts aus“, versichert Koschinski. Und seine Kollegin sagt: „Der breite Kopf des Seehunds lässt auf einen guten Gesundheitszustand und ein gewisses Alter schließen.“ Ein Jungtier sei es nicht mehr, wie alt genau – und ob Männchen oder Weibchen – lasse sich anhand des Bildes aber nicht sagen. Solange er Fisch findet, könnte sich der urbane Meeressäuger jedenfalls weiter in Stadtnähe rumtreiben, sagt die Biologin.

Seehunde – auch mutige – seien allerdings extrem menschenscheu. An Land kommen sie normalerweise nur zur Säugezeit und zum Fellwechsel. Beides findet in der warmen Jahreszeit statt. Man kann also davon ausgehen, dass sich die „Stadtrobbe“ problemlos auch längere Zeit im Wasser wohlfühlen kann. Falls sich der seltene Gast doch einmal zu einer Verschnaufpause an Land entscheidet, sollte man laut Eva Baumgärtner besser Abstand halten. Zum einen, um das Tier nicht zu verstören, aber auch, weil Seehunde ziemlich gut zubeißen können.

Von Luisa Jacobsen

Auch in Scharbeutz wurde am Donnerstag eine Kegelrobbe am Strand gesichtet.

Robbensichtung der vergangenen Jahre

Zuletzt wurde ein Seehund im November 2016 in der Pötenitzer Wiek gesichtet. Das vermutlich noch junge Tier hatte es sich auf einer Sandbank gemütlich gemacht und wurde dabei von Mitarbeitern des Landschaftspflegevereins Dummersdorf fotografiert.
Eine Kegelrobbe verirrte sich im September 2011 in den Elbe-Lübeck-Kanal. Das Tier passierte sogar die Schleuse Büssau und schwamm dann einige Zeit zwischen Oberbüssau und Krummesse umher – sehr zur Freude der Spaziergänger.
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