Wie die Lübecker Seiltänzerin Ea Paravicini in der Corona-Krise das Gleichgewicht hält
Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Wie die Lübecker Seiltänzerin Ea Paravicini in der Corona-Krise das Gleichgewicht hält
Lokales Lübeck

Wie die Lübecker Seiltänzerin Ea Paravicini in der Corona-Krise das Gleichgewicht hält

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:00 03.02.2021
Solo auf dem Seil: Im Lockdown trainiert die Lübecker Seiltänzerin Ea Paravicini täglich mehrere Stunden für sich allein.
Solo auf dem Seil: Im Lockdown trainiert die Lübecker Seiltänzerin Ea Paravicini täglich mehrere Stunden für sich allein. Quelle: Constanze Martini
Anzeige
Lübeck

Wenn der große Zirkus nicht möglich ist – dann macht man ihn eben eine oder zwei Nummern kleiner. Ea und Nicolai Paravicini ließen ihr Mobiles Circustheater einfach schrumpfen, als das Corona-Virus über die Welt kam und der erste Lockdown ihre für das Frühjahr 2020 geplante Premiere der neuen Show „Amarillo“ zunichte machte. Mit einem eigens gebauten kleinen Zirkuswagen, mit Holzpferdchen und einem gerade mal einen Meter langen Drahtseil über der einen Quadratmeter kleinen Manege bauten die beiden Artisten eine kleine Show für ein kleines Publikum auf – ihr „Cirque en Miniature“ feierte im Oktober auf dem Markt am Brink in Lübeck als „Kulturfunke“ Premiere.

Ea und Nicolai Paravicini mit ihrem Cirque en Miniature – Seiltanz auf dem kleinsten Seil der Welt. Quelle: hfr

„Uns hat ein Funke getroffen“, schreibt die Seiltänzerin Ea Paravicini auf ihrer Webseite über „diese unglaublich tolle Initiative“ des Kulturtreibhauses und der Possehl-Stiftung, die in Lübeck so viele Kulturschaffende ein Stück weit durch die Corona-Krise getragen hat. Paravicini hat zudem staatliche Hilfen in Anspruch genommen und sagt, dass sie sehr dankbar sei, für die Unterstützung, die sie als Künstlerin erfahren hat. „Das gibt einem eine sehr große Freiheit und fördert die Kreativität enorm – man ist finanziell frei, um seine Kunst zu den Leuten zu bringen“.

Neue Ideen für 2022

Der Zirkus kommt zu den Menschen, in die Städte und Dörfer, auf die Märkte, das ist auch ihr Konzept: Mit dem Mobilen Zirkustheater, einem nostalgischen Zirkuswagen, reist Ea Paravicini zu ihrem Publikum, sie pflückt es von Straßen und Plätzen und spinnt es ein in eine verspielte, Geschichten erzählende und Illusionen erzeugende Zirkusschau mit Seiltanz und Artistik, oft begleitet von ihrem Mann Nicolai Paravicini, der für die Shows phasenweise seine Taschner- und Sattler-Atelier in der Großen Burgstraße schließt. „Momentan blicken wir bereits auf das Jahr 2022“, sagt Ea Paravicini. „Wir bringen gerade erste Ideen für ein neues Stück fürs Mobile Circustheater zu Papier, mit dem wir auch in der Region auftreten wollen, weil wir hier eingebettet sind und so viel Unterstützung erfahren.“

Ein Trainingswinter unter Corona

Unterdessen nutzt die Seiltänzerin die Wintermonate zum Training, zweimal wöchentlich geht sie Joggen, jeden Tag trainiert sie zwei bis vier Stunden auf dem Seil, 30 Minuten aufwärmen, eine Stunde Stretching, Yoga. Ein Freund hat ihr einen Raum in einem Altstadthaus dafür zur Verfügung gestellt. „Das macht einen großen Teil meines Tages aus, ich bin da ganz alleine.“ Ein Trainingswinter unter Corona. Ob sie in den Monaten der Krise jemals daran gedacht hat, das Seiltanzen aufzugeben?“ Die Antwort ist ein klares „Nein!!!!!!“ mit vielen Ausrufezeichen. „Das werde ich niemals tun“, sagt Ea Paravicini. In dem Moment, als sie mit 13 ihre Füße das erste Mal auf ein Seil stellte, habe sie gewusst: „Hier gehöre ich hin, hier bleibe ich.“

Ea Paravicini gastierte in der Theaternacht 2018 mit dem Mobilen Circustheater auf dem Lübecker Schrangen. Quelle: 54° / Felix Koenig

Sie ist in London am National Centre for Circus Arts, in Holland und Frankreich zur Zirkusartistin ausgebildet worden: Schwerpunkt Luftartistik, Akrobatik und Seiltanz. An der International School of Performing Arts in London folgte eine Ausbildung im Bewegungstheater nach Jacques Lecoq. Der Zirkus ist ihr Zuhause, doch in der Pandemie bleiben die Zirkusarenen und auch ihr Mobiles Circustheater still. Ein verordneter Stillstand. Sie habe 2020 aber nicht unbedingt als Krisenjahr erlebt, sagt Ea Paravicini: „Das war ein außergewöhnliches Jahr. Ich habe sehr viel Glück erfahren.“

Reisende Schaubude mit viel Spektakel

Die Lübecker Seiltänzerin war auf Tour in der Schweiz. Zu Beginn des Jahres hatte sich, völlig unerwartet, ein neues Projekt ergeben, ein Anruf, ein Vorstellungsgespräch in der Schweiz – dann war sie plötzlich Teil einer neuen Compagnie, dem „Panopticum Curiosum“: Drei Männer, eine Frau, ein zur Bühne aufklappbarer Zirkuswagen, darüber ein Aufbau für Trapez und Seil. Proben im Frühjahr, Premiere Anfang Juni in Bern. Es folgte eine Tour mit 64 Vorstellungen bis Mitte September quer durch die Schweiz, open air und mit Hygienekonzept, war das möglich. Und weil das „Panopticum Curiosum“, eine reisende Schaubude mit viel Spektakel, atemraubender Artistik, mit ein bisschen Magie und ganz viel Humor so gut ankam, wurden sie gleich für den Winter verpflichtet mit noch einmal 54 kleinen Shows, wieder open air bei Schnee und Eis. „Der Atem gefror, ich habe noch nie auf einem so rutschigen Seil getanzt und dabei meine Füße vor Kälte nicht mehr gespürt“, sagt Ea Paravicini.

Lesen Sie auch

Drahtseiltänzerin kommt zum Hanse-Kulturfestival

Der Lübecker Cellist Daniel Sorour nutzt die Chancen in der Krise

So können Sie Kulturprojekte in Lübeck unterstützen

„Zirkustheater mit dem Panopticum Curiosum, das hat eine ganz andere Klangfarbe als das, was ich sonst mache, aber es passt“, sagt Ea Paravicini. Und sie habe unendlich viel gelernt von ihren Schweizer Kollegen, vor allem: mit Krisen umzugehen, sich nicht erschüttern lassen. „Wenn der Zirkuswagen sich festgefahren hat, wenn sich das Seil nicht aufhängen lässt, weil die Bühne keine Verankerung im Boden hat, wenn Dinge nicht funktionieren – dann sucht man nach einer Lösung. So lange, bis eine gefunden ist. Man macht einfach immer weiter.“

Sie werden weitermachen, die Lübecker Seiltänzerin und ihre Schweizer Compagnie. Die Tournee des Panopticum Curiosum soll 2021 fortgesetzt werden – und wenn möglich auch nach Lübeck führen.

Von Regine Ley