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Alternativ und öko, baulich durchaus skandinavisch angehaucht – aber vor allem immer von Aktivität und Miteinander geprägt: So präsentiert sich der Uhlenbusch am Plöner See. Quelle: Oliver Schulz
Bosau

Lange Alleen führen durch Maisfelder. Hügel kündigen die Holsteiner Schweiz an. Nicht weit von einem Dorf namens Berlin geht es plötzlich steil hinab zum Plöner See. Mein Gott, könnte man denken, das ist wohl der Inbegriff von Ganz-weit-draußen, wenn man nach Bosau fährt.

Und dann empfängt einen eine fröhliche Gemeinschaft. Ein Hund springt ans Auto, ein alter Herr, der sich später als Herr Pingel vorstellen wird, hebt die Schiffermütze zum Gruß. Die Initiatorin des Projektes Uhlenbusch, Caroline Reimann stapft in Jeans und rotem Pulli über den Parkplatz. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen erst mal das Gemeinschaftshaus.“

Was tut man, wenn man alt wird und nicht allein sein möchte? Was tut man, wenn man nicht mehr berufstätig ist und nicht weiß, womit man sich nun beschäftigen soll? Was macht man, um sich fit zu halten, damit die Pflegebedürftigkeit nicht kurz nach der Verrentung eintritt? Es ist eine zentrale Frage der Alterssicherung, sich genau um diese Lebensbereiche zu kümmern.

Und es sind genau diese Fragen, die sich Reimann und ihr Mann vor etwas zehn Jahren gestellt haben. „Wir haben darüber nachgedacht, wie es uns gelingen könnte, dass wir weiterhin unser Gemüse aus dem Garten ernten“, sagt sie bei einem Becher Kaffee. „Dass wir mit unseren Tieren Spaß haben. Und so sind wir auf die Idee zum Uhlenbusch gekommen.“

Reimanns haben eine GmbH gegründet. Der Uhlenbusch sei kein Renditeobjekt, sondern ein Unternehmen. Um den besonderen Charakter des Wohnprojekts für die Zukunft zu sichern, blieben die Häuser im Eigentum der GmbH. „Dafür ist es wichtig, dass alle Bewohner Mieter sind. Und sobald 51 Prozent der Schulden getilgt sind, wird das alles in eine Stiftung für Tier- und Naturschutz fließen.“

Genau 30 Häuser sind es und drei Wohnungen, zwischen 60 und 90 Quadratmeter groß. Die Mieten kosten zwischen 785 und 1370. „Alle Wohnungen und Häuser sind derzeit vermietet“, sagt Caroline Reimann. „Dabei sind wir sind nicht wirklich auf das Alter ausgerichtet. Sondern auf aktives Leben nach der Berufstätigkeit. Pflegebedürftigkeit schließt das natürlich aus.“

Reimann führt den Besucher durch das Dorfhaus. „Hier in der Küche wird bei unseren Aktionen gekocht. Wir hatten jetzt Geburtsfeiern, ein Kartoffelpufferessen, einen Grillabend, einen Herrenabend mit Haxen... Naja,“ schränkt sie ein: „Bei den Herren sind natürlich auch Vegetarier dabei. Und hier im Gemeinschaftszimmer,“ sie führt in den nächsten Raum, „feiern wir, hier diskutieren wir.“ Es gibt zahlreiche weitere „Aktionen“ der Bewohner, die sie aufzählt, auch die sogenannte „Dildo-Gruppe“. Das ist kein Verschreiber. „Die trifft sich am Dienstag und zum langen Donnerstag unter anderem zum Kochen und Kaffeetrinken.“

Das ganze klingt nach Sponti-Humor und alternativen Lebensformen. Auch der Aspekt der Energieversorgung. Im Kaminzimmer zeigt Caroline Reimann auf den Holzofen. „Unser einzige CO2-Sünde“ sagt sie. „Die Photovoltaik-Anlage erzeugt genügend Strom für Haushalt, Heizung und Werkstätten.“

Das einzige was jetzt noch fehle, sei die Sauna. „Aber klar,“ sagt sie, „auch die wird über Solarenergie betrieben. Wenn Leute saunieren wollen, verabreden sie sich über WhatsApp.“ Dann laufe der Ofen ja auch nicht immer durch: „Wir wollen doch nicht die Zeiten reglementieren. Brauchen wir auch gar nicht. Die Leute bringen sich ja selbst ein.“ Dafür gebe es zahlreiche Beispiele: „Wenn der Biobäcker einmal die Woche kommt, stehen sie Schlange, um für alle zu bezahlen. Und auch wer zum Beispiel abdeckt, wenn wir im Gemeinschaftsraum gegessenen haben, ist nicht festgelegt. Das ist ein Frage der Eigeninitiative.“

In der Werkstatt, ein paar Schritte vom Gemeinschaftshaus entfernt, steht Eberhard Pingel an einer Werkbank. 84 Jahre ist er alt, aber rege wie mancher Fünfzigjährige nicht mehr. Die Werkstatt habe viel damit zu tun, dass er hierhergezogen ist, sagt er. Eigentlich sei er mit ihr in den Uhlenbusch gekommen. „Hier schweiße ich, hier mache ich Dreharbeiten oder male.“ Bohrer und Sägen hängen an der Wand. Pingel hat im Maschinenbau und als Schlosser gearbeitet, dann bei Lufthansa im Flugzeugbau. „Aber das Meer, das war immer wichtig für mich.“ Mit seiner Abfindung hat er sich ein Segelboot angeschafft, das in Lübeck lag. „Da habe ich alles selbst repariert bis auf die Segel selbst“, erzählt er. Und seine Werkstatt wuchs. Als er sie schließlich verkaufen wollte, fragte er einen „Schrotti“, so bezeichnet er den Mann aus der Recyclingbranche. „500 Euro wollte der mir geben. Da hab ich nur gelacht.“ Und dann, erzählt er, habe er das Ehepaar Reimann kennengelernt – und es habe nicht lange gedauert, bis er sozusagen beim Einzug seine Werkstatt gleich mitgebracht habe. „Ich bin hier mit breiten Armen empfangen worden.“

Betätigungsmöglichkeiten gibt es jede Menge im Uhlenbusch. In der Holzwerkstatt gleich nebenan liegen die Garderobenhaken, die ein medienscheuer Mitarbeiter, der nur kurz auftaucht, an Holzbretter montieren wir, um sie im Gemeinschaftshaus zu platzieren. Knallige Farben und teils skurrile Formen haben sie. „Ich habe sie von einer Reise, die ich gerade mit einer Freundin durch Frankreich gemacht habe, mitgebracht,“ erzählt Reimann.

In der Elementarwerkstatt hängt ein Bild der Hippie-Ikone Janis Joplin an der Wand, und Caroline Reimann zeigt dem Besucher „ihr“ Handwerk: Töpfern. „Gekonnt schneidet sie ein Stück Ton aus einem Klotz, schnell dreht sie daraus einen Becher. Sie bringe das auch den anderen Dorfbewohnern bei. „Wir sind glücklich mit den Menschen, die hier mitmachen“, sagt sie.

Caroline Reimann fährt den Besucher mit einem Golfmobil über die Anlage. Vor einem der skandinavisch anmutenden Holzhäuser stehen Elke Badur-Siefert und Horst Költze. Er hält eine Rose in der Hand und trägt eine gelbe Stoffmütze. Die Herbstsonne fällt durch die Wolken. Sie wirken wie ein Hippie-Paar – nur eben in durchaus fortgeschrittenem Alter. Er beschäftige sich unter anderem mit Bildhauerei, sagt er, und habe auch ein paar Bücher geschrieben.

Vor den Häusern liegen Streifen mit wildem Bewuchs. Auch auf den Freiflächen sprießt, was eben sprießt, wenn man es nicht reguliert. „Für manche ist das schwierig“, sagt Caroline Reimann. „Man nennt es ja auch Un-kraut. Das ertragen manche nicht.“ Sie steht vor einem Grünstreifen und nimmt die Blüte einer Sonnenblume in die Hand. „Natürlich sieht das wüst aus. Aber im Winter hängen an so einer Blume die Meisen, Und was runterfällt, ist die Saat für die nächste Generation.“

Im hinteren, zum See abfallenden Bereich des umzäunten Terrains füttert Caroline Reimann die Hühner mit den Namen Schantalle, Hans-Georg und „die drei Helenen“. Wieder so schräge Namen. „Die Helenen haben wir aus einem Tierheim in Kiel“, erklärt sie. Und ruft: „Mäuse wo seid ihr“, als sie das Gittertor öffnet. Ihr Hund Ole darf mit hinein. „Der ist ja mit denen aufgewachsen.“

Zurück im Gemeinschaftshaus stehen Petra und Dieter Chilian auf ihrem Balkon in er der Wohnungen im ersten Stock. Sie sind gerade erst eingezogen. „Wir haben einen Wohnwagen an der Ostsee stehen“, sagt Petra Chilian: „Da hörten wir vom Tag der offenen Tür. In so einem Öko-Dorf, hieß es. Und weil es genau an dem entsprechenden Sonnabend regnete und wir nichts Besseres zu tun hatten, sind wir hin.“ Und sie waren begeistert. „Wir hatten sofort Sterne in den Augen.“ Am 21. August sind die beiden eingezogen, nachdem er als Frührentner einen Mini-Job beim DRK gefunden. „Es passte alles.“

Auch das mit dem Bogenschießen, sagt Dieter Chilian: „Wir treffen uns hier jeden Sonnabend um 15 Uhr zum Schießen. „Das Schöne ist: Es gibt eine Gemeinschaft – aber keinen Gruppenzwang.“

„Natürlich“, bemerkt Caroline Reimann, bevor sie den Besucher verabschiedet: „Es gibt auch Probleme: Oft ziehen die Leute aus, weil sie irgendwann pflegebedürftig werden. Oder der Partner stirbt. Aber eine Bewohnerin ist kürzlich auch gegangen, weil nie jemand gekommen ist, der an ihre Tür klopft.“ Das sei eine falsche Erwartung, sagt Reimann: „Hier muss sich jeder einbringen.

„Im Uhlenbusch zu leben, das ist wie eine zweite Pubertät,“ sagt sie dann noch. Und die muss man erleben wollen.

Von os

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