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Lokales Lübeck Lübeck ist nicht mehr Hochburg für Obdachlose
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13:17 06.05.2019
Landesweit steigt die Zahl der Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind oder bereits in Notunterkünften wie dem Bodelschwinghheim in Lübeck leben. In der Hansestadt sinkt die Zahl.
Landesweit steigt die Zahl der Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind oder bereits in Notunterkünften wie dem Bodelschwinghheim in Lübeck leben. In der Hansestadt sinkt die Zahl. Quelle: Vorwerker Diakonie
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Lübeck

 Die Zahl der Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind oder in Notunterkünften leben, hat landesweit in den vergangenen Jahren dramatisch zugenommen. Nach Angaben der Diakonie Schleswig-Holstein, die fast flächendeckend Beratungsstellen, Tagestreffs und Notunterkünfte anbietet, waren es 5401 Frauen und Männer im Jahr 2014. Im vergangenen Jahr waren es 7456.

Landespastor Heiko Naß: „Immer mehr Menschen können ihre Miete nicht bezahlen oder finden keine Wohnung.“ Quelle: LN-Archiv

Diakonie-Vorstand und Landespastor Heiko Naß ist besorgt: „Seit Jahren beobachten wir, dass immer mehr Menschen ihre Miete nicht mehr bezahlen können oder keine Wohnung finden.“ Die Beratungsstellen und Notunterkünfte könnten die Menschen zwar auffangen und erste Not lindern. Naß: „Gelöst werden kann das Problem aber nur mit deutlich mehr Anstrengungen im sozialen Wohnungsbau.“

Die Stadt informiert über Notunterkünfte auf einer Glasscheibe am Verwaltungszentrum Mühlentor. Quelle: Kai Dordowsky

Kiel liegt jetzt an der Spitze, gefolgt von Flensburg

Vor fünf Jahren war Lübeck die traurige Hochburg der Wohnungslosigkeit – mit 1627 Fällen. Die Zahl sank bis 2018 deutlich auf nunmehr 1293 Fälle. In allen anderen Kreisen und großen Städten stieg die Zahl gegenüber 2014. Kiel liegt jetzt an der Spitze (1410 Fälle), gefolgt von Flensburg (1327). Die Diakonie geht selber davon aus, „dass die Dunkelziffer wesentlich höher liegt.“ Vor allem bei Frauen sei die versteckte Wohnungslosigkeit besonders hoch.

Obdachlose und Wohnungslose

Die Fachleute unterscheiden zwischen Obdachlosen und Wohnungslosen. Danach sind Wohnungslose Menschen, die von dem Verlust ihrer Wohnung bedroht sind, keine eigene Wohnung haben, bei Freunden oder Bekannten unterkommen oder in Notunterkünften leben. Obdachlose sind Menschen, die auf der Straße leben.

Das hat Lübeck für Obdachlose unternommen

Ursachen für Wohnungslosigkeit seien Arbeitslosigkeit, Krankheit, Überschuldung und der Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Mit Sorge beobachtet die Diakonie, dass immer mehr Wohnungen in Feriendomizile umgewandelt würden.

Die Diakonie fordert Land und Kommunen auf, die Zweckentfremdung einzudämmen. „Ein gutes Beispiel hierfür ist Lübeck“, sagt Landespastor Naß. Die Hansestadt geht aktuell gegen Ferienwohnungen auf der Altstadt vor.

Lübeck hat aber auch Anstrengungen unternommen, um mehr Notunterkünfte zu schaffen und Menschen, die in Notunterkünften leben, wieder in Wohnungen unterzubringen. „In den letzten eineinhalb Jahren ist viel passiert“, bestätigt Sozialsenator Sven Schindler (SPD). Vor allem die Eröffnung des Sophie-Kunert-Hauses in der Dr.Julius-Leber-Straße mit insgesamt 37 Plätzen für Frauen und junge Männer sowie acht Notplätzen hat zur Entspannung der Lage beigetragen.

Friedemann Ulrich, Bereichsleiter soziale Dienste bei der Vorwerker Diakonie, rät vom Ausbau des Bodelschwinghheimes ab. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

SPD will das Bodelschwingheim erweitern

Seit zwei Jahren betreibt die Vorwerker Diakonie zudem eine Wohnungslosenhilfe, die Wohnungen für Menschen in Notunterkünften anmietet. 50 Wohnungen sind derzeit besetzt. Auch das entlastet die Notunterkünfte. Trotzdem sieht die Vorwerker Diakonie in den neuen Zahlen noch keinen Trend. „Die Zahlen sind weiterhin zu hoch, es gibt noch viel zu tun“, erklärt Friedemann Ulrich, Bereichsleiter soziale Dienste.

Die SPD will, dass das Bodelschwinghheim am Meesenring saniert und erweitert wird. Ingo Schaffenberg, Vorsitzender des Sozialausschusses: „Die Fassade und die Fenster müssen gemacht werden. Wir wollen qualitativ gute Unterkünfte zur Verfügung stellen.“ Zugleich will die SPD, dass die ganzjährige Überbelegung des Bodelschwinghheimes beseitigt wird. Dazu soll geprüft werden, ob die noch im Gebäude befindlichen Behörden ausziehen könnten und das gesamte Haus als Unterkunft zur Verfügung gestellt wird.

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Vorwerker Diakonie ist gegen Erweiterung der Unterkunft

Sozialsenator Sven Schindler (SPD) kann sich das gut vorstellen. Aber es gibt auch ablehnende Stimmen. „Die Sanierung des Hauses ist in Ordnung“, sagt Michelle Akyurt (Grüne), von einer Erweiterung hält sie nichts. „Ziel muss sein, Menschen in eigenen Wohnungen unterzubringen.“

Das sieht die Vorwerker Diakonie auch so. „Notunterkünfte mit noch mehr Betten zu betreiben, ist der falsche Weg“, erklärt Friedemann Ulrich, „wir müssen die Belegung des Bodelschwinghheimes herunterfahren und die Menschen in anderen Wohnformen unterbringen.“

Hier bekommen Obdachlose in Lübeck Hilfe

Hilfsmöglichkeiten außerhalb der Dienstzeiten – Unterkünfte im Notfall

Obdachlosenunterkünfte in Lübeck für Frauen:

Franziska-Amelung-Haus, Friedensstraße 90/92, Telefon 41898

Frauenhäuser: Arbeiterwohlfahrt, Telefon 705185 – und Frauen helfen Frauen e.V., Telefon 66033

Obdachlosenunterkünfte in Lübeck für Männer:

Bodelschwingh-Heim, Meesenring 8, Telefon 68922

Die Heilsarmee, Engelsgrube 62/64, Telefon 73394

Hier bekommen Obdachlose in Lübeck Essen im Notfall

Bodelschwingh-Heim, Telefon 68922

Wichernhaus, Fischergrube 30/34, Telefon 702710

Heilsarmee, Engelsgrube 62/64, Telefon 73394

Kai Dordowsky