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Lübeck Zeitreise: Die Stadt und ihre Schweine
Lokales Lübeck Zeitreise: Die Stadt und ihre Schweine
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20:10 30.04.2018
Lübeck im 15. Jahrhundert, von Osten gesehen. Die Ansicht aus der Schedelschen Weltchronik von 1493 ist sehr detailgetreu – trotz der hinzufantasierten Berge im Hintergrund.
Lübeck im 15. Jahrhundert, von Osten gesehen. Die Ansicht aus der Schedelschen Weltchronik von 1493 ist sehr detailgetreu – trotz der hinzufantasierten Berge im Hintergrund.
Lübeck

Der Rat der Hansestadt Lübeck hat dem Bürger Hinrik Vathouwer verboten, Schweine in seinem Keller zu halten. Ein Ratssprecher begründete das Urteil mit dem Gestank, der den Nachbarn nicht länger zuzumuten sei. Außerdem müsse er seine Kloake besser abdichten. Angesehene Bürger begrüßten die Entscheidung als einen wichtigen Schritt zur Aufwertung der Stadt.

„Der verlorene Sohn“ (1496) von Albrecht Dürer zeigt die biblische Geschichte in mittelalterlicher Umgebung. Die Hausschweine sahen damals den Wildschweinen noch ähnlicher. Quelle: Fotos: Wikimedia Commons

Der Beklagte bestritt, dass seine Kloake nicht dicht sei. Vor allem aber machte er in der Verhandlung geltend, dass die Schweinehaltung unverzichtbar für seinen Lebensunterhalt sei. „Dass sie nicht nach Rosen und Kirschblüten riechen, weiß ich auch“, sagte er. „Ich wohne schließlich selbst in dem Haus. Aber was soll ich denn tun? Wenn ich sie auf der Straße herumlaufen lasse, kriege ich Ärger, wenn ich sie im Keller halte, kriege ich auch Ärger. Ich habe eine Familie zu ernähren, und ich verdiene nicht so viel wie ein Kaufmann, der sich sein ganzes Fleisch kaufen kann.“

Bürgermeister: „Stadt ist Stadt, und Land ist Land.“

Der Kläger, Vathouwers Nachbar Peter B., zeichnete ein drastisches Bild der Geruchsbelästigung, die ihm durch die Schweinehaltung entstanden sei. „Es ist nicht mehr auszuhalten. Alles riecht nach Schwein: Die Zimmer, die Kleider, die Straße vor dem Haus. Das ist nicht gesund, und es ist dieser Stadt nicht würdig.“

Tatsächlich machte der Rat kein Hehl daraus, dass er die Schweinehaltung in der Stadt grundsätzlich nicht gern sieht. „Stadt ist Stadt“, sagte Bürgermeister Johann Westphal, „und Land ist Land.“ Zu einem vollständigen Verbot der Schweinehaltung haben die Stadtväter sich trotzdem bislang nicht entschließen können. Zum einen, weil für viele Familien, die nicht dem Kaufmannsstand angehören, das Fleisch der selbst geschlachteten Schweine ein wichtiges Lebensmittel ist. Zum anderen, weil dem Problem der Schweinehaltung ein anderes, ebenfalls ungelöstes Problem gegenüber steht: das der Abfallbeseitigung.

Eine gewisse Erleichterung haben die im Stadtgebiet aufgestellten Mistkisten gebracht. Aber immer wieder beschweren sich Bürger über unkontrolliert abgeladenen Müll auf den Straßen sowie über schlecht befestigte oder zu nah an den Wohnhäusern gelegene Kloaken, die gleichzeitig als Toilette und Müllschlucker dienen. Hinrik Vathouwer legte den Finger in diese Wunde, als er argumentierte, dass seine Schweine jeden Tag den Müll einer ganzen Familie fräßen.

Bringen Schweine

Seuchen in die Stadt?

Unbestritten ist auch, dass die Bäcker Unmengen von Lebensmitteln einfach verrotten lassen müssten, wenn sie keine Schweine hätten, an die sie ihr altbackenes Brot verfüttern können. Wie viel die Schweine tatsächlich zur Verringerung des Abfalls beitragen, ist allerdings bisher nie systematisch erhoben worden. Hinzu kommt, dass Schweine im Verdacht stehen, eine der Ursachen für die wiederkehrenden Seuchen zu sein, die die Stadt heimgesucht haben.

Anmerkung: Die Entscheidung des Rats über Hinrich Vathouwer, seine Schweine und seine stinkende Kloake im Keller ist historisch verbürgt. Auch die Mistkisten gab es wirklich. Hinzuerfunden ist die Verhandlung mit den Argumenten der Parteien.

Alle Folgen der Serie finden Sie unter www.LN-Online.de/Zeitreise

Zeit der Fleischesser

Fleisch spielte in der Ernährung des späten Mittelalters eine große Rolle. Der Pro-Kopf-Verbrauch war, wie Forscher errechnet haben, höher als heute. In Lübeck wurde nach archäologischen Erkenntnissen zu gut zwei Dritteln Rindfleisch und zu gut einem Viertel Schweinefleisch gegessen.

Die Haltung von Schweinen in der Stadt wurde erst 1582 endgültig verboten. Den Bäckern, die mit altbackenem Brot Schweine mästeten, wurden dafür Grundstücke am Stadtrand zugewiesen – daher hat die Bäckerstraße in St. Jürgen ihren Namen.

Hanno Kabel

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