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Lübeck Ein Zirkus, eine Familie
Lokales Lübeck Ein Zirkus, eine Familie
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13:26 24.06.2018
In der Manege des Zirkus Frank wird aus Daniel Sperlich (20) die Figur „Giovanni“.
In der Manege des Zirkus Frank wird aus Daniel Sperlich (20) die Figur „Giovanni“.  Quelle: Felix König/Agentur 54°
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Lübeck

Alejandro (2) spricht erst ein paar Worte. Aber er weiß, wie man in der Manege einen guten Auftritt hinlegt. In einer roten Livree kommt er mit den Clowns in die Manege des Zirkus Frank, der bis Montag in Lübeck gastiert. Es ist ein Familienbetrieb mit Tradition. Jeder hat seine Aufgaben.

Auf ein Zeichen seines Vaters, der einer der Clowns ist, geht Alejandro zum Rand, klettert auf die Bank vor der ersten Zuschauerreihe, setzt sich hin und klatscht in die Hände, alles zum Entzücken des Publikums.

Daten

Der Zirkus Frank gastiert am Gelände des TuS Lübeck 93 (Schlutuper Straße 37), Vorstellungen: Sonntag, 11 und 14 Uhr (freier Eintritt für Väter); Montag, 16.30 Uhr (Familientag). Von Freitag, 29. Juni, bis Montag, 2. Juli, ist er in Selmsdorf zu sehen (am Kreisverkehr, Flöhkamp 50). www.zirkus-frank.de, Tickets: 01520/ 9471141.

Auch Marylou, Alejandros große Schwester, ist nicht schüchtern. Mit vier Jahren stand sie zum ersten Mal in der Manege, damals machte sie Kunststücke mit Hula-Hoops. Die hat sie inzwischen weiterentwickelt, und außerdem turnt sie mit ihrem Vater an Strapaten, Bändern, die unter dem Zeltdach befestigt sind. Jetzt ist Marylou acht. Zur Schule geht sie auch – wo immer sie gerade ist. In ein Buch tragen die Lehrer ein, was Marylou gelernt hat. Wenn sie in eine neue Klasse kommt (und das kann alle paar Tage sein), ist sie für die anderen Kinder eine Attraktion. „Die fragen mich immer ganz viel“, sagt sie: „Wie heißt dein Zirkus? Welche Tiere hast du?“

Klicken Sie sich durch die Galerie, um mehr über den Zirkus zu erfahren.

Der Zirkus heißt Zirkus Frank. Tiere hat er auch: ein großes Pferd und drei kleine Ponys. Aber die Tiere sind Nebensache. Die Hauptsache sind die Menschen, Kinder wie Erwachsene. Schüchtern ist niemand von ihnen. Keiner, der nicht schon als Kind vor Publikum aufgetreten wäre. Keiner, der nicht wüsste, was es heißt, im Wochenrhythmus den Ort zu wechseln und sich auf eine neue Umgebung, auf neue Menschen einzustellen.

Ein Zuhause haben sie trotzdem: die Familie. Familie, das bedeutet für Zirkusleute nicht: Vater, Mutter, Kinder. Familie, das ist ein ganzes Universum aus Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen in ganz Deutschland und darüber hinaus. „Ich kenn’ fast alle Franks“, sagt Joschi Frank (25), der Zirkusdirektor. Mindestens ein Dutzend Zirkusdirektoren in Deutschland tragen seinen Nachnamen. „Wenn eine Hochzeitsfeier ist“, sagt er, „kommen 500 oder 600 Zirkusleute und Schausteller.“ Andere alte Zirkusfamilien sind die Lauenburgers, die Sperlichs, die Köllners, die Spindlers. Als im vergangenen Jahr fünf Menschen aus den Familien Frank und Sperlich in Baden-Württemberg bei einem Autounfall starben, kamen 1500 Gäste zur Trauerfeier.

Die Familien sind vielfältig miteinander verbunden, denn Zirkusleute heiraten Zirkusleute. Die Artistin Angelique Frank (26), Ehefrau des Direktors, sagt: „Ich wollte schon mit 16, 17 einen Mann haben, der auch vom Zirkus kommt.“

Wenn Not am Mann ist, dann helfen die Familien einander. „Wenn wir einen Platzwechsel haben und 100 Kilometer weit fahren müssen, dann kommt einer vorbei mit einem Lkw und hilft mir, damit ich die Strecke nicht mehrmals fahren muss“, sagt Joschi Frank. Wenn er ein neues Zelt braucht und der Bankkredit nicht reicht, dann fragt er Bekannte von anderen Zirkussen, ob sie ein bisschen dazugeben.

Joschi Frank ist Clown, Musiker und Tiertrainer, aber auch Elektriker, Maler und Schlosser. Er hat kein Diplom und kein Zeugnis, auf dem irgendetwas davon stände. Alles, was er kann, hat er im Zirkus und für den Zirkus gelernt. Mit zehn Erwachsenen und sieben Kindern fahren sie durch Hamburg und die weitere Umgebung. „Das Wichtigste“, sagt Joschi Frank, „ist der Zusammenhalt. Jeder muss mitziehen.“ Jeder trägt bei, was er kann, und jeder bekommt seinen Teil vom Erlös. „Wenn mal nichts da ist, dann bekommt auch keiner was“, sagt Joschi Frank.

Die Zirkusleute brauchen nicht viel. Wenn nur 30 Zuschauer zur Vorstellung kommen, ist es schlecht. Wenn 80 kommen, ist es gut. Am Ende der Saison sollte genug übrig sein, dass sie über den Winter kommen. „Dann fahren wir wieder raus, und das Ganze geht weiter. Mehr“, sagt Joschi Frank. „wollen wir eigentlich gar nicht.“

"Alle ziehen an einem Strang"

LN: Was macht die Faszination des Zirkus für Sie aus?  Trix Langhans: Es ist sicherlich kein Zufall, dass Zirkusse oft Familienunternehmen sind. Man braucht nämlich beim Zirkus einen ganz starken Zusammenhalt, um die Herausforderungen des Alltags überhaupt zu meistern. Man spürt: Da sind ganz viele Menschen, die an einem Strang ziehen. In meiner aktiven Zeit habe ich erlebt, dass da Angehörige ganz verschiedener Nationen zusammenarbeiten, dass man sich manchmal sprachlich kaum verständigen kann – und es trotzdem reibungslos klappt. Der Zirkus ist ein Stück weit eine bessere Welt, weil er zeigt, dass so etwas möglich ist. Auch beim Zirkus Charivari versuchen wir, eine familienartige Struktur zu schaffen mit eigenen Ritualen und Traditionen. Die Kinder spüren diesen Zusammenhalt. Viele sagen: Der Zirkus ist für mich wie eine zweite Familie, und bleiben zehn, elf oder zwölf Jahre dabei.

Das Soziale, Familiäre ist das eine. Welche Rolle spielt der Inhalt, das, was man im Zirkus macht? Der Zirkus steht dem Zeitgeist ein bisschen entgegen. Er ist immer live, Dinge können schiefgehen. Ein Artist kann einen Fehler machen, ein Seiltänzer kann runterfallen. Das Fallen und Wiederaufstehen hat eine große Faszination. Und das alles ereignet sich nicht in virtuellen Welten.

Gibt es manchmal Probleme mit Kindern, weil sie ihr Handy weglegen müssen? Nein, das ist bei uns eine ganz klare Sache: Das Handy kommt in der Halle und auf unseren Fahrten an allen Orten, die wir gemeinschaftlich nutzen, nicht zum Einsatz. Das wird respektiert, weil die Kinder auch merken, dass der Zirkus etwas ist, auf das sie sich voll und ganz einlassen. So etwas ist heute nicht mehr so leicht möglich, weil man immer verfügbar ist und immer gerade jemand irgendwo etwas postet. Für die Kinder ist das sehr heilsam.

Zirkus lebt vom öffentlichen Auftritt. Müssen sich da manche Kinder erst überwinden? Auf jeden Fall! Wir haben Kinder, die am Anfang sagen: Ich komme gern zum Zirkus, aber ich trete nicht mit auf. Aber es ist noch nie vorgekommen, dass jemand am Ende nicht mit auftritt. Man kriegt sie irgendwann. Sie müssen sich auseinanderzusetzen: Warum hab’ ich auf einmal so weiche Knie? Was ist Lampenfieber? Wie gehe ich mit meiner Aufregung um? Wenn sie merken, sie haben es geschafft, und am Ende den Applaus bekommen, ist das ein Riesenerlebnis. Daran kann man sehr wachsen. 

Trix Langhans (45) war Seiltänzerin, bis sie 2006 den Kinderzirkus Charivari gründete, den sie unter dem Dach des Sportvereins Lübeck 1876 leitet.

Interview: kab

Von Hanno Kabel