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Lübeck Zu eng, zu laut, zu wenig Personal
Lokales Lübeck Zu eng, zu laut, zu wenig Personal
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19:27 28.11.2017
„Die Bedürfnisse der Kinder werden nicht gedeckt.“ Juleka Schulte-Ostermann, Hortretterin Quelle: Majka Gerke
Lübeck

Die Interessenvertretung Bildung und Betreuung in Ganztagsangeboten an Schulen (IVBGS), in der die Träger der Betreuten Grundschulen versammelt sind, hatte in einem Schreiben an die Bürgermeister-Kandidaten erhebliche Defizite beklagt. So müsse eine Fachkraft 20 Kinder betreuen, während in den noch bestehenden Horten eineinhalb Kräfte auf 15 Kinder kommen. Nicola Ingo Leuschner und Martin Kürle vom IVBGS-Vorstand fordern deshalb: „Eins zu 15 muss irgendwann drin sein.“

Wozu die dünne, personelle Ausstattung führen kann, schildern die Vorstände drastisch. „Es gibt Gruppen mit 30 Kindern auf eine Betreuungskraft, das grenzt an Kindeswohlgefährdung“, sagen Leuschner und Kürle, „und auch die Mitarbeiter werden total verheizt.“ Nachmittagsbetreuung in der Schule – das sei nicht selten wie „jeden Tag Kindergeburtstag mit zehn kleinen Besuchern“.

 

„Die Mitarbeiter werden total verheizt.“Martin Kürle, Vorstand IVBGS

Schulbegleiter, die sich vormittags um Kinder mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen kümmern, seien nachmittags nicht vorgesehen. Kürle: „Die Schulkindbetreuer haben dann allein mit Autisten, mit Diabeteskindern, mit Kindern, die in die Hose machen und gewickelt werden müssen, zu tun.“ Es fehle auch an Personal, um sich um traumatisierte oder schlecht Deutsch sprechende Flüchtlingskinder zu kümmern.

Gravierende Probleme bereite an diversen Standorten die Raumnot. „Die Praxis zeigt, dass an einigen Schulstandorten teilweise 30 bis 40 Kinder zeitgleich in einem Raum betreut werden – unabhängig von der tatsächlichen Raumgröße“, heißt es im Schreiben an die Politiker. Kürle: „Alle bekommen ein warmes Essen, aber das Essen wird teilweise in Schichten eingenommen.“ Der Lärm in den Essensräumen sei manchmal so groß, dass Lehrer sich mit ihren Tellern in die Lehrerzimmer flüchten. Es gebe Grundschulen, an denen nachmittags bis zu 300 Kinder betreut würden.

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Leuschner hat ausgerechnet, „dass teilweise nicht einmal ein Quadratmeter pro Kind zur Verfügung steht, während einem Bio-schwein in der Tierhaltung 1,3 Quadratmeter und einem Rind drei Quadratmeter zustehen.“ Auch das bewege sich im Bereich der Kindeswohlgefährdung. Die Interessenvertretung fordert einen Raum für jeweils 20 Kinder – und der muss mit Rückzugsmöglichkeiten, Spielecken und Platz für Hausaufgaben ausgestattet sein.

Die Situationsbeschreibung ist Wasser auf die Mühlen der Hortretterinnen, die sich vor zwei Jahren gründeten, um die noch bestehenden Horte vor der Schließung zu bewahren. In einem dreiseitigen Papier schreibt die Initiative, dass die Betreuungsqualität und die Raumausstattung an den Horten besser sei als an Betreuten Grundschulen. Bei einer Veranstaltung der Grünen zog Juleka Schulte-Ostermann, Mitglied der Hortretterinnen, kräftig vom Leder gegen den Lärm und die Enge in Betreuten Grundschulen.

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Das bringt Joachim Karschny, Geschäftsführer von Kinderwege, auf die Palme. Kinderwege ist der größte Anbieter von Betreuten Grundschulen in Lübeck. „Wer über Kindeswohlgefährdung in der Nachmittagsbetreuung spricht, betreibt Hysterisierung“, wettert Karschny. „Natürlich haben wir Raumprobleme, natürlich müssen wir über Standards sprechen, natürlich wünschen wir uns für die offene Ganztagsbetreuung genauso eine gesetzliche Grundlage wie für die Horte.“ Aber auch bei den Horten sei lediglich sichergestellt, dass es dafür einen Raum geben müsse. Karschny: „Wie groß der ist, wie der ausgestattet ist, das schreibt kein Gesetz vor.“ Der Geschäftsführer hält es auch für möglich, Raumprobleme an den Schulen unkonventionell zu lösen – und sucht dafür gerade die Unterstützung des Senats, der Verwaltung und der Jugendpolitiker. Den Hortretterinnen gehe es um das Wohl und Wehe von 200 Kindern, der Hansestadt aber um die Betreuung von 4000 Kindern.

Die Interessenvertretung der Betreuten Grundschulen sieht vor allem Bund und Land in der Pflicht. „Wir brauchen ein dickes Bundesprogramm“, sagt Martin Kürle. „Wir brauchen mehr Geld pro Kind und eine Art Schulkindgesetz vom Land“, ergänzt Nicola Ingo Leuschner.

Schulkindbetreuung

Elterninitiativen gründeten Mitte der 1990er Jahre die ersten Betreuten Grundschulen. Parallel gab es Horte an den Kitas, die die Schulkinder nachmittags betreuten. Nach Angaben der Stadt nahm die Nachfrage nach Hortplätzen durch die Zunahme an Betreuten Grundschulen kontinuierlich ab. Vor gut zehn Jahren entschieden Politik und Verwaltung, dass die Betreuung in den Schulen konzentriert werden soll. Das Geld, das bisher in Horte floss, wurde in die Nachmittagsbetreuung an den Schulen umgelenkt. Nach Angaben der Hortretterinnen gibt es noch zehn Horte in Lübeck.

8,9 Millionen Euro kostet die Nachmittagsbetreuung von 4000 Kindern. Die werden finanziert von Stadt, Eltern, Land und mit Zuwendungen aus dem Bildungsfonds.

 Kai Dordowsky

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