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Lübeck Undercover-Einsätze: So kämpft das Tierheim Lübeck gegen illegalen Welpenhandel
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ebay, quoka: So kämpft das Tierheim Lübeck gegen illegalen Welpenhandel

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14:00 05.04.2021
Diese französischen Bulldoggen wurden illegal nach Deutschland gebracht und sollten in Lübeck verkauft werden. Mitarbeiterinnen vom Lübecker Tierheim haben das verhindert.
Diese französischen Bulldoggen wurden illegal nach Deutschland gebracht und sollten in Lübeck verkauft werden. Mitarbeiterinnen vom Lübecker Tierheim haben das verhindert. Quelle: hfr/privat
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Lübeck

20 Minuten vor der vereinbarten Uhrzeit sind sie schon auf dem Parkplatz in Kücknitz. Elena Cujic und ihre Kollegin sind aufgeregt. Sie überlegen, was sie sagen werden – und ein bisschen Angst haben sie auch. Dann fährt ein Kleinwagen vor. Zwei Männer steigen aus und öffnen die Heckklappe: Drei Hundewelpen luschern aus dem Kofferraum. „Oh sind die süß! Ich will den da“, ruft Cujic und zückt ihr Telefon. „Hallo, Schatz? Wann kommst du denn endlich? Ich brauche doch das Geld für die Hundebabys.“

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Tierheim Lübeck: Fingierte Treffen mit kriminellen Welpenhändlern

3500 bis 5500 Euro sollen die Welpen kosten – doch da kommt kein „Schatz“. Statt ihres Ehemannes, der große Scheine bringt, fahren vier Streifenwagen vor – die Falle schnappt zu! 

Das Treffen ist fingiert, Elena Cujic der Lockvogel. „Habt ihr wirklich gedacht, dass ihr 5500 Euro für einen kranken Hund von uns bekommt?“, hat Cujic die Männer gefragt, als die Polizeiwagen vorfuhren und das Schauspiel ein Ende nahm.

Die drei Bullterrier-Welpen sind direkt nach dem fingierten Treffen mit den illegalen Händlern in den sicheren Händen einer Tierheim-Mitarbeiterin. Quelle: Facebook Polizei Lübeck und Ostholstein

Offenbar schon, aber daraus wurde nichts. „Gegen die 34- und 32-jährigen Männer wurde eine Ordnungswidrigkeiten-Anzeige wegen des Verstoßes gegen die Hundeeinfuhr gefertigt“, heißt es in der Polizeimeldung vom Dezember vergangenen Jahres. Die Bullterrier-Welpen waren erst sieben Wochen alt. „Außerdem wird das Vorliegen einer Straftat nach dem Gefahrhundegesetz geprüft.“

Welpenfabrik: Bullterrier wurden aus Polen nach Lübeck gebracht

Elena Cujic war sich sofort sicher, dass die jungen Hunde aus einer Welpenfabrik aus dem Ausland stammen und die Papiere gefälscht waren – und sie hatte Recht. „Die beschriebenen Welpen wurden aus Polen verbracht und sind entgegen der Bestimmungen der Binnenmarkt-Tierseuchenschutzverordnung ohne die erforderliche Tollwutimpfung und ohne die vorgeschriebenen Papiere aus Polen illegal nach Deutschland gelangt“, heißt es von der Hansestadt Lübeck.

Immer wieder versuchen illegale Welpenhändler, Hundebabys in Lübeck zu verkaufen. So lebten einige Bulldoggen-Welpen, bevor sie verkauft werden sollten. Vorher wurden sie viel zu früh von ihrer Mutter getrennt und illegal nach Deutschland gebracht. Quelle: hfr/privat

Ob die beiden Männer aus Krefeld auch gegen das Gefahrhundegesetz verstoßen haben, ist noch nicht klar. Denn Bullterrier zählen zu den sogenannten Listenhunden, Mini-Bullterrier hingegen nicht. „Da sich beide Rassen nur durch die Größe unterscheiden und im Welpenalter eine Zuordnung nicht möglich ist, müssen die Hunde erst ausgewachsen sein, um einen Verstoß gegen diese Vorschrift nachzuweisen“, heißt es von der Stadt.

Darauf muss man beim Welpenkauf achten

Einen Welpen sollte man grundsätzlich nur von seriösen Züchtern kaufen, heißt es von der Hansestadt Lübeck. Diese Züchter lassen zu, dass man die Welpen bereits vor der Abgabe einmal besuchen und sich die Umstände der Aufzucht ansehen kann. Unbedingt gehört es dazu, sich das Muttertier – aber nicht irgendeine Hündin – zeigen zu lassen.

Die Papiere, die die Hunde begleiten müssen, werden leider sehr häufig gefälscht. Begleitet werden muss ein Auslandhund von einem (blauen) EU-Heimtierausweis, der vollständig ausgefüllt sein muss. Verdächtig sind „verbesserte“ Geburtsdaten. Jede Impfdosis hat einen Aufkleber, der in den Heimtierausweis eingeklebt wird.

Da ein Laie unter Umständen das wahre Alter des Tieres nicht erkennen kann, sollte man die Kennzeichnung des Hundes, sein Alter und seinen Gesundheitszustand unverzüglich durch einen Tierarzt untersuchen lassen, wenn es unbedingt ein solcher Welpe überhaupt sein muss. Nicht gegen Tollwut geimpfte, aus dem Ausland verbrachte Welpen müssen auf Kosten des Besitzers solange in Quarantäne, bis ein wirksamer Impfschutz vorliegt.

Während Corona ist die Nachfrage nach Hundewelpen extrem gestiegen. Derzeit befinden sich keine Welpen im Tierheim Lübeck, die zur Vermittlung stehen.

So schlecht wurden die Bullterrier-Welpen behandelt

Ob Mini- oder nicht Mini-Bullterrier – die Welpen wurden schlecht behandelt. Cujic und ihre Kollegin haben sie ärztlich versorgen lassen und dann direkt ins Tierheim gebracht. „Sie waren voller Milben und Würmer, sie hatten Darmparasiten, sie sahen sehr krank aus und mussten in Tollwut-Quarantäne“, sagt Cujic.

Die Versorgung der Welpen, die gesundheitlichen Untersuchungen, die Sozialisierung, die Impfungen, mögliche Operationen – für all das muss das Tierheim aufkommen. „Der Arbeitsaufwand ist immens. Da kommt schnell ein vierstelliger Betrag zusammen. Das belastet uns natürlich“, sagt die Tierheimleiterin, die für ihre Arbeit auf Spenden angewiesen ist.

„Wir sind viele!“: Die APMM kämpft gegen illegalen Welpenhandel

Die Zeit, in denen Elena Cujic die einschlägigen Internetportale nach auffälligen Anzeigen durchsucht, die Gespräche und die Vorarbeit, die es bedarf, um solche fingierten Treffen einzuleiten – dafür werden Cujic und ihr Team natürlich auch nicht bezahlt. „Ich bin überzeugt davon, dass wir Dinge ändern können“, sagt Cujic. „Irgendwann wird es den illegalen Handel mit Hundewelpen nicht mehr geben – wenn ich daran nicht glauben würde, dann hätte ich überhaupt keinen Antrieb mehr.“

Cujic und ihr Team aus dem Tierheim sind im Kampf gegen den illegalen Welpenhandel gut organisiert, sie haben das Bündnis „Anti Puppy Milling Mafia“ (APMM) gegründet – „Puppy Mill“ bedeutet übersetzt Welpenfabrik. Sie durchpflügen hunderte Online-Anzeigen und nehmen Kontakt zu den Händlern auf, wenn ihnen etwas auffällig erscheint. „Wir sind immer jemand anderes. Wir sind Frauen, wir sind Männer, wir sind wohlhabende Familien und junge Pärchen – wir sind viele!“, sagt Elena Cujic.

Tierheim, Amt, Polizei: Zusammenarbeit gegen illegalen Welpenhandel

Und sie stellen viele Fragen. „Wir wissen, worauf wir bei den Händlern achten und was wir fragen müssen“, sagt Cujic, die aber nicht mehr verraten will. „Wenn jemand verdächtig ist, zeige ich dem Veterinäramt Screenshots von den Anzeigen, Bilder und die Unterhaltungsprotokolle – dann kommt es zu einem fingierten Treffen“, sagt Cujic.

Die Zusammenarbeit mit Veterinäramt und Polizei laufe hervorragend in Lübeck. „Wir haben aber auch schon stundenlang im Auto gewartet und keiner ist gekommen, bis 23 Uhr haben wir verzweifelt gewartet. Und morgens um sechs ging es dann wieder ins Tierheim – so etwas kommt schon mal vor“, sagt Cujic.

edogs, quoka, ebay: So kontrollieren Onlineportale die Welpenhändler

Die Hundewelpen werden auf Online-Portalen wie „quoka“, „ebay-Kleinanzeigen“, „edogs“ oder „deine-tierwelt“ angeboten – obwohl die Portale nach eigenen Angaben viel unternehmen, damit das nicht passiert: Automatisierte und händische Kontrollen der Inserate, Zusammenarbeit mit Behörden und Tierschutzorganisationen, Aufklärung der Nutzer, aber: „Illegaler Welpenhandel im Internet ist ohne Frage ein riesiges Problem und natürlich auch bei uns ein tägliches Thema“, sagt etwa der Sprecher vom Portal „deine-tierwelt“.

Jede Woche werden tausende Anzeigen im Bereich Hunde im Portal „quoka“ aufgegeben. „Mehrere hundert zweifelhafte Anzeigen werden von uns pro Woche erkannt oder gemeldet“, sagt ein Sprecher des Portals. „Eine Zahl über die Anbieter lässt sich dabei nicht treffen, da diese sich nicht klar identifizieren und zu erkennen geben. Mehrere Accounts werden hier von uns teilweise unerkannt von den gleichen Züchtern erstellt.“

 

Oft genug sind sie aber auch erfolgreich. Zwölf Hundewelpen wurden im vergangenen Jahr von Polizei und Veterinäramt in Lübeck beschlagnahmt, da sie illegal gehandelt oder über die Grenze gebracht wurden. „Die Sicherstellungen kamen nur aufgrund fingierter Treffen zustande“, heißt es von der Stadt Lübeck, und: „Das Tierheim war jedes Mal involviert, da verschiedene Mitglieder im Vorfeld über Internet-Plattformen und soziale Netzwerke Kontakt aufgenommen haben und auf diese Weise Informationen zugänglich machen konnten.“

Illegaler Welpenhandel boomt besonders während Corona: Die kuscheligen Zwergspitze sind sehr beliebt bei Menschen – und deswegen auch bei illegalen Welpenhändlern. Anfang 2021 wurden sie sichergestellt, nachdem Cujic und ihr Team ein fingiertes Treffen mit den Händlern eingeleitet hatten. Quelle: privat/hfr

Alle Bullterrier-Hundewelpen haben ein Zuhause gefunden – fast

Die kleinen Bullterrier haben sich mittlerweile im Lübecker Tierheim erholt, die Tollwutquarantäne ist überstanden. „Es ist extrem schwer, diese Hunde zu vermitteln. Man darf die Rasse nicht romantisieren. Es sind Hunde mit Bedürfnissen, die verantwortungsvolle Halter brauchen“, sagt Cujic.

Sehen wieder gesund aus: Die Bullterrier-Welpen haben sich im Tierheim Lübeck erholt. Quelle: hfr/privat

Durch die „herrschende Gier nach einem Welpen“ sei es ein Drahtseilakt gewesen, passende Halter herauszufiltern. Für zwei der Hunde hat das Tierheim dennoch ein neues, geschütztes Zuhause gefunden. „Für den dritten Hund aber nicht, da er sehr verhaltensauffällig ist. Er lebt derzeit bei einer fachlich versierten Pflegerin, wo er hoffentlich den Rest seines Lebens geschützt und sicher bleiben kann.“

Von Hannes Lintschnig