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Lokales Unbekannte stehlen Glocken aus Lübecks Marienkirche
Lokales Unbekannte stehlen Glocken aus Lübecks Marienkirche
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14:42 25.01.2020
Marienpastor Robert Pfeifer (vorne) und Volker Schulze, Vorsitzender des St.-Marien-Bauvereins, sind fassungslos, dass die abgestellten Glocken aus der Glockenstube verschwunden sind. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Innenstadt

Dass die Türme der Marienkirche eingerüstet sind, ist nichts Neues, und dass um das Gerüst ein weiträumiger, hoher dichter Holzbauzaun steht, auch nicht. Ungewöhnlich ist es aber, wenn die Tür in dem erwähnten Zaun, der den Handwerkern von der Kirchenbauhütte den Zugang erlaubt, auf einmal sperrangelweit offen steht.

Ein hoher Bauzaun schirmt die Gerüste an den Türmen von St. Marien ab. Quelle: Michael Hollinde

„Das hat mich schon sehr überrascht“, sagt Volker Schulze, Marien-Pastor im Ruhestand. Das war am Freitagvormittag, 10. Januar, also vor zwei Wochen. Schulze ist auch Vorsitzender des St.-Marien-Bauvereins und nach wie vor in der Gemeinde St. Marien sehr engagiert.

Zusammen mit Dieter Bruhn wollte der Theologe an diesem Vormittag in den Süderturm steigen, zum „neuen“ Glockenspiel, das erst Pfingsten eingeweiht worden war. Bruhn hatte es zuvor durch eine großzügige Spende ermöglicht, dass dieses runderneuert und komplettiert werden konnte.

Zwei von sechs alten Glocken sind verschwunden

„Es besteht aus 37 Glocken und sechs der alten Glocken mussten neu gegossen werden“, erläutert Schulze. Und genau um diese sechs aussortierten, teils gesprungenen Glocken geht es. „Wir hatten sie beiseitegestellt, um sie später einmal in einer kleinen Ausstellung hier oben gebührend in Szene setzen zu können. Wie wir das machen könnten, wollte ich oben im Turm mit Herrn Bruhn besprechen, doch wir fanden auf einmal nur noch ein Quartett statt eines Sextetts vor“, erinnert er sich an den Schreckensmoment in luftiger Höhe.

Glockenspiel von 1908 aus St. Katharinen in Danzig

Jeweils 16 und 19 Kilogramm wiegen die gestohlenen bronzenen Exemplare. „Im Vergleich zu den anderen sind das Leichtgewichte, die sich wohl jemand unter den Arm geklemmt hat“, sagt Marien-Vögtin Sabine Weiß. „Und es sind die Töne ,gis drei‘ und ,g drei‘“, ergänzt Schulze. Als Inschrift tragen sie jeweils die vierstellige Zahl „1908“.

„Das Glockenspiel stammt aus dem Jahr 1908 und war in der Kirche St. Katharinen in Danzig eingebaut“, weiß Volker Schulze. Nach den Kriegswirren wurde es als Schenkung im Zeitraum 1953 bis 1954 in St. Marien integriert. Die Marienkirche hatte zuvor ihr altes Glockenspiel im Dachreiter in der Bombennacht zum Palmsonntag 1942 verloren.

Vier der sechs abgestellten Glocken sind noch da und wurden erst einmal in Sicherheit gebracht. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Großer ideeller Wert der Glocken

„Für uns haben diese Glocken einen immensen ideellen Wert“, betont Marienpastor Robert Pfeifer, „denn für die Menschen, die nach dem Krieg hier nach Lübeck gekommen sind und ihre neue Heimat gefunden haben, strahlen sie eine enorme Symbolkraft aus.“ St. Marien sei entsprechend ein Ort, wo sich die Erfahrungen von Flucht und Vertreibung verdichten würden.

Glockenspiel läutet alle halbe Stunde

Das runderneuerte Glockenspiel von St. Marien mit 37 Glocken wurde Pfingsten 2019 feierlich eingeweiht. Möglich gemacht hatte dies der Lübecker Kaufmann Dieter Bruhn, der die Gesamtkosten von rund 150 000 Euro übernommen hatte.

Die Glocken im Süderturm sind allerdings nicht geweiht worden, weil es keine liturgischen Glocken sind. Sie stehen zudem fest im Glockenstuhl, im Gegensatz zu den frei schwingenden Nordturmglocken, die das große Geläut von St. Marien bilden.

Das Glockenspielläutet alle halbe Stunde mit einem Choral dem Kirchenjahr entsprechend. Früher wurde es durch eine komplizierte elektromechanische Walzenmechanik gesteuert. Seit einer Renovierung 2008 ist es computergesteuert.

Selbstverständlich habe man umgehend die Polizei informiert und eine Anzeige erstattet. Über die Motive des Täters oder der Täter könne man nur spekulieren. „Vom reinen Materialwert her würde sich so ein aufwendiger Diebstahl nicht lohnen“, bemerkt Volker Schulze. Möglicherweise sei es eine Auftragsarbeit gewesen. Schließlich werden regelmäßig Besucherinnen und Besucher durch die Türme geführt und haben somit Kenntnis vom Ablageort gehabt. An einen „schlechten Scherz“ glauben die Beteiligten eher nicht.

In der Glockenstube im Turmgeschoss des Süderturms von St. Marien hatte man die Glocken zwischengelagert. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Glockenstube in 60 Metern Höhe

In der sogenannten Glockenstube direkt unter dem Glockenspiel im Turmgeschoss in rund 60 Metern Höhe wartete das Glockensextett auf seine weitere Verwendung. In dem Holzhäuschen kann Marienorganist Johannes Unger das Glockenspiel direkt von Hand anschlagen, weil die einzelnen Glocken über Seilzüge mit dem dortigen Spieltisch verbunden sind.

Im Süderturm spielt die Musik. Hier sehen Sie die schönsten Bilder

„Die Tür zur Glockenstube war nie abgeschlossen und möglicherweise sind die Diebe oder der Dieb außen über das Baugerüst geklettert, um in den Turm zu kommen. Schließlich haben sie über das Treppenhaus dann den Tatort wieder verlassen und dabei vergessen, die Tür zu schließen“, mutmaßt Sabine Weiß, die aber versichert, nun weitere Sicherheitsmaßnahmen getroffen zu haben.

Marienpastor hofft auf Mithilfe der Bevölkerung

Marienpastor Robert Pfeifer hofft aber, dass die Glocken bald wieder auftauchen. „Wer sie genommen hat und die Tat bereut, kann sie gerne wieder anonym vor unserer Kirche abstellen. Und wer im Internet oder wo auch immer entdeckt, dass solche Glocken zum Kauf angeboten werden, oder sonstige sachdienliche Hinweise hat, möge sich doch bitte an die Lübecker Polizei unter Telefon 04 51/13 10 wenden“, appelliert er.

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Von Michael Hollinde

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