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Nordwestmecklenburg Die Geschichten hinter der Geschichte der Steine
Lokales Nordwestmecklenburg Die Geschichten hinter der Geschichte der Steine
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10:13 02.05.2019
Verleger Ulf-Peter Schwarz und Autor Henning Müller (rechts)
Verleger Ulf-Peter Schwarz und Autor Henning Müller (rechts) Quelle: Michael Prochnow
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Grevesmühlen/Alt Meteln

Wie kommt ein römischer Gedenkstein in den Garten von Schloss Wiligrad in Nordwestmecklenburg? Und warum taucht ein Foto eines Försters aus Mecklenburg in einer New Yorker Zeitung auf? Die Antworten auf diese und viele andere Fragen hat Henning Müller. Der 66-Jährige aus Alt Meteln (Nordwestmecklenburg) ist Rentner und so etwas wie das steinerne Gedächtnis von Mecklenburg-Vorpommern. Der ehemalige Vermessungsingenieur hat die Geschichte und die Geschichten von mehr als 1000 Grenz- und Gedenksteinen zwischen Herrnburg und Peenemünde recherchiert und aufgeschrieben. Das Ergebnis ist 336 Seiten stark und ein faszinierendes Nachschlagewerk mit Geschichten, die sich über das ganze Land verteilen und Geheimnisse offenbaren, die nicht nur äußerst lesens- sondern auch wissenswert sind. Verlegt wurde das Buch im NWM-Verlag Grevesmühlen von Ulf-Peter Schwarz. „Ich habe die Idee einigen Verlagen angeboten, aber die meisten haben mich gleich weggeschickt“, erinnert sich Henning Müller. „Hier fand ich gleich ein offenes Ohr.“

Ihn hätten die Geschichten von Beginn an begeistert, sagt Schwarz. „Aber am Ende haben wir ein halbes Jahr gebraucht, um die ganzen Informationen in eine vernünftige Form zu bringen. Das war sehr viel mehr Arbeit als wir gedacht haben.“ Aber eine ziemlich interessante. Verleger Ulf-Peter Schwarz, selbst leidenschaftlicher Jäger und Maler, hat ein Faible für ungewöhnliche Geschichten. In seinem Verlag erscheinen zum Beispiel die Bücher von Karin Haß, die Norddeutsche lebt seit einigen Jahren in Sibirien und berichtet regelmäßig über ihr Leben in der Taiga. Das Buch schaffte es sogar in die Spiegel-Bestsellerliste.

Das Buch

Das Buch „Denkmal? Denk mal!“ gibt es im NWM Verlag Grevesmühlen unter der ISBN: 978-3-946324-25-6, es kostet 25 Euro.

Zurück zum römischen Gedenkstein im Park von Wiligrad. Der, so Henning Müller, sei natürlich nicht von den Römern aufgestellt worden, die zwar halb Europa, aber nicht Mecklenburg eingenommen hatten. „Das war ein Geschenk an die Besitzer des Schlosses. Ich hatte bei den Recherchen von dem Stein erfahren, aber mein Sohn und ich haben eine ganze Weile gesucht, bis wir den Stein im Park entdeckt haben.“ Er lag, halb vergraben, unter Büschen und Gewächsen. Längst vergessen, bis Henning Müller und sein Sohn ihn wieder ins Gedächtnis des Landes rückten. Wenn auch vorerst nur in Buchform. Ähnlich verhält es sich mit vielen anderen Zeitzeugnissen, die ältesten von Menschen bearbeiteten Gedenksteine zum Beispiel würden sich auf der Insel Rügen befinden und seien von den Slawen aufgestellt worden. Heute gibt es noch vier dieser slawischen Steine, die – als Baumaterial genutzt – inzwischen in Gebäude eingelassen worden seien.

Und was hat es mit der New Yorker Zeitung auf sich? „Auf der Suche nach Informationen über den Gedenkstein für den Stadtförster Glandt (1859-1898) in der Nähe von Grabow habe ich im Internet recherchiert und plötzlich einen Beitrag in einer deutschsprachigen Zeitung in New York gefunden.“ Wie sich herausstellte, waren die Nachfahren des verstorbenen Stadtförsters in die Staaten ausgewandert und hatten dort ein Foto des Steins veröffentlicht. „Der Zufall spielt schon eine Rolle bei der Suche“, so Henning Müller, der zahllose Geschichten, Daten und Orte im Kopf hat.

Neben der aufwändigen Recherche im Landeshauptarchiv, Internet und zahlreichen Veröffentlichungen von Chronisten war allerdings auch handwerkliches Geschick und eine Spürnase notwendig, um die Hintergründe zu ermitteln. „Denn einige Steine waren so gut versteckt, dass man sie nur mit Mühe finden konnte. Und dann waren die Inschriften meistens so verwittert, dass ich schon einige Tricks anwenden musste, um sie wieder lesbar zu machen.“ Mit Papier und Kreide beispielsweise gelang das.

Henning Müller braucht nicht einmal in sein Buch zu schauen, um die Daten und Geschichten zu erzählen, die er in Erfahrung gebracht hat. Dass es am Ende nicht alle Steine in das Buch geschafft haben, hat mehrere Gründe. „Zum einen“, so Henning Müller, „mussten wir einfach eine Auswahl treffen. Sonst hätte das Buch doppelt so dick werden müssen.“ Zum anderen gebe es mit Sicherheit noch viele Steine, von denen der Hobbyforscher noch gar nichts weiß. Aber gern wissen würde. Und so bleibt immer noch Platz für eine Fortsetzung der spannenden Geschichte über Mecklenburg-Vorpommerns steinerne Geschichte.

Gedenkstein für Paul Jahnke

In einer ehemaligen Kiesgrube im Everstorfer Forst zwischen Grevesmühlen und Barendorf steht der Jahnke-Stein, der an die Unruhen während des Kapp-Putsches in Deutschland erinnert. Paul Jahnke, der als Gutstischler in Hungerstorf, dem heutigen Waldeck nahe der B 105, beschäftigt war, war damals Vertrauensmann des Landarbeiterverbandes. Das reichte den dort einquartierten Angehörigen der Reichswehrbrigade 9 offenbar aus, um ihn in der Nacht zum 20. März 1920 zu verhaften. Am nächsten Tag sollte er nach Grevesmühlen gebracht werden, jedoch wurde er auf dem Weg dorthin erschossen. Warum das geschah, das wurde nie geklärt. Vier Jahre später wurde der erste Gedenkstein an dieser Stelle errichtet, der jedoch in der NS-Zeit –Jahnke war SPD-Mitglied – entfernt wurde. 1960 wurde dann eine Gedenktafel eingerichtet, die Unbekannte jedoch 1990 zerstörten. 1995 wurde dann der neue Stein dort aufgestellt, nachdem die Grevesmühlener Stadtvertreter im Jahr zuvor einen entsprechenden Beschluss gefasst hatten.

Michael Prochnow