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Nordwestmecklenburg Busfahrer-Streik in Grevesmühlen: Nasses Ferienabenteuer für Mutter und Sohn
Lokales Nordwestmecklenburg Busfahrer-Streik in Grevesmühlen: Nasses Ferienabenteuer für Mutter und Sohn
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19:00 11.02.2020
Bei heftigem Wind, Regen- und Graupelschauer ging es zu Fuß von Neu Degtow nach Grevesmühlen. Quelle: Yannis Franke
Grevesmühlen

„Wir stellen uns heute mal vor, unser Auto ist kaputt. Da ja auch kein Bus fährt, bringe ich dich zu Fuß zu Oma“, sage ich zu meinem achtjährigen Sohn, der wegen der Ferien noch eingekuschelt in seinem warmen Bett liegt. Seine Augen wandern zum Dachfenster und er kontert: „Du weißt schon, dass es richtig doll regnet, oder?“

Dafür gibt es angemessene Kleidung und Regenschirme. Er solle es als Ferienabenteuer ansehen, sage ich. „Und außerdem bist du hiermit meine Testperson für die Zeitung.“ Er willigt ein, besteht aber darauf, seinen Cityroller für die vier Kilometer lange Strecke von Neu Degtow nach Grevesmühlen zu nutzen.

Das Wetter hebt nicht gerade die Stimmung

Eine Morgenpflege, eine Schüssel Müsli und eine heiße Schokolade später zieht er sich Schuhe und Jacke an und lugt durch die Tür. In dem Moment pfeift eine Windböe um die Ecke – und es regnet mehr als zuvor. Statt mit dem Roller zieht er mit einem Regenschirm los, den er mit seinem Gefährt nicht halten könnte. Das verdirbt ihm schon das erste Mal die Laune.

Unser Fußmarsch führt durch das Wohngebiet. Wir sind links und rechts von Häusern geschützt. Eklig wird es auf dem Radweg in Richtung Grevesmühlen. Offenes Feld. Der Wind zeigt sich keinesfalls gnädig. Voller Mitleid grüßen wir die ausländischen Bauarbeiter, die bei dem Mistwetter Tiefbauarbeiten für den Breitbandausbau vornehmen.

Bei Wind und Regen kaum das eigene Wort verstehen

Unsere Hosen sind bereits richtig nass – und die Laune meines Sohnes wird nicht besser. Mit den drei bisherigen Streiks der Busfahrer kam der Zweitklässler nicht direkt in Berührung, weil ich ihn morgens mit dem Auto zur Schule gefahren habe. Aber das Ansinnen dahinter hatte er im Radio gehört.

„Warum wollen die Busfahrer mehr Geld? Kann jeder streiken, wenn er mehr Geld möchte? Man kann doch immer mehr Geld gebrauchen“, prasseln die fast schreienden Fragen auf mich ein, weil wir durch den Wind und den gegen den Schirm peitschenden Regen kaum unser eigenes Wort verstehen. Ich erkläre ihm, dass sie sich eben ungerecht behandelt fühlen, weil andere Busfahrer für die gleiche Arbeit mehr Geld bekommen. Das sieht er dann erst einmal ein.

Wir stemmen uns gegen den Wind. Die Schirme halten dem nicht stand, sie klappen immer wieder um und der Regen peitscht uns ins Gesicht. Auf der Hälfte der Strecke treffen wir vor dem Nahbus-Gelände die Streikenden. Sie stehen unter einem Pavillon und sind so zumindest vor dem Regen geschützt. „Bei Sonnenschein kann jeder streiken“, meint Roy Muhlack von der Tarifkommission und blickt zu meinem Sohn. „CR7-Rucksack! Bist du Fußballfan?“, fragt er ihn. „Im Moment bin ich ein Eisblock“, entgegnet der ein wenig genervt.

Zwischenstation bei Nahbus in Grevesmühlen: Die Verdi-Mitglieder harren unter dem Pavillon aus. „Bei Sonnenschein streiken kann jeder“, scherzen sie. Quelle: Jana Franke

An drei Standorten wird gestreikt: in Grevesmühlen, Wismar und Gadebusch. „Nur die Werftbusse fahren, ansonsten wird keine Linie bedient, auch nicht durch Subunternehmer“, erklärt Steffen Bühring, Busfahrer und stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei Nahbus. Der Ton in den sozialen Medien wird rauer, wenn es heißt, dass wieder ein Warnstreik bevorsteht. „Es gibt Menschen, die sich aufregen, aber der Großteil steht hinter uns“, so Bühring, der mit Spannung den nächsten Verhandlungstag am 17. Februar erwartet.

Streikende kämpfen für zwei Euro mehr pro Stunde

In den aktuellen Lohnverhandlungen fordern die Fahrer zwei Euro mehr pro Stunde. Das Einstiegsgehalt würde dann bei knapp über 15 Euro pro Stunde liegen, wenn die Verhandlungen erfolgreich verlaufen – plus eine Einmalzahlung von 100 Euro. Auch dann läge der Lohn immer noch unter dem Westniveau. „Wir haben den vierten Streiktag absichtlich in die Ferien gelegt, damit uns nicht vorgeworfen wird, dass wir nur Eltern, Schüler und Lehrer ärgern wollen“, erklärt Roy Muhlack.

Mein Sohn und ich ziehen weiter. Noch zwei Kilometer bis zur Oma. Unsere Jacken, Hosen und Schuhe sind vom Regen aufgeweicht. Nach insgesamt fast einer Stunde sind wir endlich am Ziel und klitschnass. „Ich verstehe das nicht. Was ist, wenn einer heute einen wichtigen Termin hat und mit dem Bus zum Arzt muss“, fragt mein Sohn. „Man muss nicht streiken und kann das doch mit Worten klären.“

In diesem Fall geht es eben aber nicht, sage ich. „Kann ich auch streiken, weil ich mehr Taschengeld haben möchte?“ Ähm, nein! Das klären wir bitte mit Worten!

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Von Jana Franke

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