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Nordwestmecklenburg Schweriner berichten von Erfahrungen mit Chatseelsorge
Lokales Nordwestmecklenburg Schweriner berichten von Erfahrungen mit Chatseelsorge
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16:08 11.06.2019
Das Frühjahr – für die meisten Menschen eine schöne Zeit, für Depressive oft die Hölle. Einen Seelsorger auch per Chat zu erreichen, ist bei der Telefonseelsorge Schwerin schon möglich.
Das Frühjahr – für die meisten Menschen eine schöne Zeit, für Depressive oft die Hölle. Einen Seelsorger auch per Chat zu erreichen, ist bei der Telefonseelsorge Schwerin schon möglich. Quelle: Annett Meinke
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Schwerin/Grevesmühlen

Jetzt im Frühjahr, sagt Uta Krause, Leiterin der Telefonseelsorge in Schwerin, geht es vielen Depressiven noch viel schlechter als zu anderen Jahreszeiten. Was den Laien auf den ersten Blick wundern mag, wo doch gerade alles so in Gang kommt, in der Natur, das Leben förmlich explodiert.

„Genau das ist das Problem“, sagt Krause, „man muss sich das so vorstellen, wie eine Grafik“, sagt sie, und zeichnet genau so eine auf den Block, der vor ihr auf dem Tisch liegt. „Hier, die untere, niedrige Linie ist die Befindlichkeit des Depressiven und plötzlich geht im Außen alles nach oben. Kommt Energie in die Natur. Doch das bewirkt nur, dass es ihnen noch schlechter geht, weil innen und außen nun so sichtbar auseinanderklaffen.“

Anteil an Depressiven weiter ansteigend

Dass das Thema Suizid und Depression im Moment wieder ansteigend eine Rolle spielt, im Kontakt mit Hilfesuchenden, nimmt auch Janosch Engel* wahr (*Name zum Schutz der Anonymität des Seelsorgers geändert). Oft verbinde sich, sagt Engel, eine Depression mit vielen anderen Themen, nicht nur mit dem Thema Suizid: Alkohol, Drogen, Partnerschaft, Sexualität. Das, was Uta Krause „die dunklen Themen“ nennt.

Engel arbeitet vier Stunden pro Woche als ehrenamtlicher Chat- und Telefonseelsorger. Dazu kommt er aus einer mecklenburgischen Kleinstadt unweit der Grenze zu Brandenburg, in der er lebt, nach Schwerin gefahren, entweder mit dem Zug oder dem Auto. Zeit, wie er sagt, die er gut nutzt, um sich innerlich vorzubereiten oder abzuschließen mit dem, was er im Kontakt mit Hilfesuchenden erlebt hat.

Finanzierung der Telefonseelsorge

Die Ökumenische Telefonseelsorge Mecklenburg und Vorpommern hat Geschäftsstellen in Schwerin, Rostock, Neubrandenburg und Greifswald. Diese werden einerseits von den Kirchen finanziert, sind aber immer auch auf Förderung von den Städten und Landkreisen angewiesen, in deren Gebiet die Seelsorger tätig sind.

Der Landkreis Ludwigslust-Parchim zum Beispiel unterstützt die Telefonseelsorge Schwerin im Rahmen seiner freiwilligen sozialen Leistungen im Jahr 2019 mit 10 000 Euro. Die Stadt Schwerin investiert in Telefonseelsorge 5000 Euro in diesem Jahr und der Landkreis Nordwestmecklenburg 3000 Euro.

Erstmals Chatseelsorge in MV

Engel ist inzwischen berentet. Vor drei Jahren hat er mit dem Ehrenamt in Schwerin begonnen. Es ging ihm selbst einmal wirklich schlecht, sagt er. Damals erfuhr er Hilfestellung, die er dankbar annahm. Dann wollte er etwas zurückgeben. Und das tut er nun.

Engel gehört zu den ersten Telefonseelsorgern in Mecklenburg-Vorpommern, die eine Ausbildung zum Chatseelsorger durchlaufen haben. Hilfesuchende können sich seit Kurzem auf der Seite der Telefonseelsorge in Schwerin einloggen und in einem Chatroom über ihre Probleme schreiben. „Das war eine landesweite erste Ausbildung“, erläutert Seelsorgechefin Krause. „Mit dabei waren Kollegen aus Rostock, Neubrandenburg, Greifswald, unter anderem.“

Ein Düsseldorfer Kollege unterrichtete die Ehrenamtler aus MV im Chatten. Im Westen der Republik chattet man schon länger mit seelisch Verzweifelten. Im Osten geht es erst jetzt richtig los.

Webseite der Telefonseelsorge Schwerin - auch Chat ist möglich. Quelle: Annett Meinke

Telefon- und Chatseelsorger werden?

Ab Ende September dieses Jahres bietet die Geschäftsstelle der Telefonseelsorge in Schwerin zum ersten Mal selbst einen Ausbildungskurs an, in dem Menschen, die anderen helfen wollen, beides lernen: die Chat- und die klassische Telefonseelsorge.

Die Ausbildung wird neun Monate dauern, einmal pro Woche ein Abend in der Schweriner Geschäftsstelle, dazu an zwei Wochenenden plus praktischer Vertiefung des Gelernten.

„Geeignet ist man erst einmal, wenn man 25 Jahre alt ist, flexibel, belastbar ist und sich auf verschiedene Situationen einstellen kann“, sagt Krause, die im persönlichen Gespräch mit jedem Bewerber noch einmal genau checkt, ob eine wirkliche Eignung vorliegt. „So hoch sind die Hürden nicht“, beruhigt sie, „auch nicht beim Chatten.“

Klar muss jedem sein, der sich bewirbt, dass auch im Chat nie von Zuhause aus gearbeitet werden kann. „Dienstort ist die Geschäftsstelle in Schwerin, auch aus Datenschutzgründen, und das bleibt auch so“, macht Krause klar.

Seelsorgechat erreicht jüngere Generation

„Man kann Telefon- und Chatseelsorge nicht direkt miteinander vergleichen“, findet Uta Krause. „Es gibt Herausforderungen hier und da“, sagt Janosch Engel.

Die Herausforderung beim Chatten für ihn sei, so Engel, sich einerseits kurzzufassen, was andererseits bedeute, dass er auch manchmal ein wenig länger und sehr genau überlegen muss, wie er etwas schreibt. Im Telefongespräch läuft vieles direkter. Letztlich jedoch, sagt Engel, ist das, was er grundsätzlich immer tut, ob nun am Telefon oder im Chat: „Präsent sein, im Augenblick sein, herausfinden, was der ‚Auftrag‘ des Anrufenden ist, und vor allen Dingen zuhören – und man kann auch lesend zuhören“.

Wie sich herausstellt sind es eher jüngere Menschen, die über einen Chat Hilfe suchen. Von 14 Jahren bis 20, 30, 40. Die 50- und über 60-Jährigen greifen lieber zum Telefon.

Auf die Frage, ob beim Chat nicht die Möglichkeit ansteigt, einem Betrüger aufzusitzen, antworten Krause und Engel unisono: „Nein. Die Möglichkeit besteht auch im Telefonat.“ Oft sei auch der sogenannte Fake-Anruf oder Fake-Chat ein Symptom.

„So wie es eben auch Leute gibt, die immer wieder anrufen, wo man immer wieder anscheinend bei demselben Problem bei null anfängt“, sagt Engel. Manch einer kann oder will nicht in die Lösung kommen, dann ist es nur Erleichterung, die er von den Seelsorgern will.

„Andere“, sagt Engel dann, zum Schluss des Gesprächs, „nehmen vielleicht etwas mit, das sie befähigt, dauerhaft den Teufelskreis zu verlassen.“ Wie es ist, darüber nachzugrübeln, ist nicht die Aufgabe der Seelsorger. Die Verantwortung bleibt bei dem, der Hilfe sucht.

Annett Meinke