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Nordwestmecklenburg Corona: Neunjährige aus Elmenhorst wendet sich per Brief mit ihren Sorgen an die Erwachsenen
Lokales Nordwestmecklenburg

Corona: Neunjährige aus Elmenhorst schreibt Brief an die Erwachsenen

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11:22 12.06.2020
Dorothea Wagner (9) aus Elmenhorst wandte sich mit einem Brief an die Erwachsenen. Quelle: Jana Franke
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Elmenhorst/Grevesmühlen

Dorothea sitzt im Garten ihrer Eltern und blickt auf ihren handgeschriebenen Brief. Ja, ihre Wut ist zu spüren. Sie ärgert sich gewaltig und hat großen Mut, das auch kundzutun. „Ich wollte den Erwachsenen mal meine Meinung sagen“, erklärt die Neunjährige.

So bringt sie unter anderem zu Papier, dass auch Kinder Sorgen haben. „Leute, die rumschreien, wie schwer sie es in ihrem Leben haben, finde ich komisch, denn wir haben es doch genauso schwer. Wir sagen es bloß nicht“, heißt es unter anderem.

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Das Fass zum Überlaufen gebracht hat vor zwei Wochen die verschlossene Tür der Sporthalle des Gymnasiums „Am Tannenberg“ in Grevesmühlen. Eigentlich wollte Dorothea zum Ballett, doch das Training ist aufgrund der Corona-Krise kurzfristig abgesagt worden. „Als wir wieder nach Hause gefahren sind, habe ich sie im Auto richtig sauer erlebt“, schildert ihre Mutter Susanne Wagner. Sie ließ ihre Tochter ausreden, sich ihren ganzen Kummer von der Seele reden.

Nach der kleinen Explosion hatte Susanne Wagner die Idee, dass ihre Tochter all ihre Gedanken auf Papier bringt. Zu Hause angekommen, griff Dorothea zu Stift und Papier – und schrieb sich den Frust von der Leber, fein säuberlich mit ihrem Füller.

Der Brief von Dorothea

Ich schreibe diesen Brief an alle Erwachsenen. In dem Brief geht es mir darum, dass Sie die Kinder nicht beachten. Ich finde es blöd, dass alle Touristen in das Bundesland reindürfen und wir, die Kinder, nicht einmal in die Schule können. Leute, die rumschreien, wie schwer sie es in ihrem Leben haben, finde ich komisch, denn wir haben es doch genauso schwer. Wir sagen es bloß nicht. Zum Beispiel dürfen wir kaum noch Freunde treffen, reiten gehen, Fußball spielen, Ballett und andere Sportarten machen. Die Kinder werden einfach nicht beachtet, nur, weil sie einfach kleiner und machtloser sind. Ich finde es so was von gemein, dass man Sport machen kann, aber Ballett nicht, denn das Gymnasium in Grevesmühlen hat entschieden, dass meine Ballettgruppe nicht in der Turnhalle Ballett machen darf. Die Aussage dieses Briefes soll heißen, dass nicht nur Erwachsene Sorgen haben, sondern auch Kinder. Die Erwachsenen sollten mal etwas tun, zum Beispiel, dass man Ballett in der Turnhalle in Grevesmühlen machen darf. Dorothea

Diesen Brief schrieb Dorothea fein säuberlich auf. Quelle: Jana Franke

„Mir fehlt die Schule“

Doch wohin mit ihren Gedanken? Irgendwie muss die Erwachsenenwelt ja auch davon erfahren. „Mama hat mir vorgeschlagen, meinen Brief an die Zeitung zu schicken“, sagt Dorothea. Und nun sitzen wir hier im Garten der Familie und plaudern über die nervenaufreibende Corona-Zeit.

„Ich mag es langsam nicht mehr, dass ich die Schulaufgaben zu Hause machen muss. Ich mag lieber in der Gemeinschaft lernen“, erklärt die Drittklässlerin, die in Kalkhorst zur Schule geht. Einmal in der Woche darf sie zum Präsenzunterricht. „Ich verstehe das nicht. Die Urlauber dürfen jeden Tag in unser Bundesland kommen, aber wir Kinder dürfen nicht jeden Tag in die Schule. Mir fehlen meine Freunde, meine Mitschüler und meine Lehrer.“ Außerdem hätten für dieses Jahr Wandertage und Klassenfahrten im Terminkalender der Klasse gestanden. „Und ich wollte zum Schwimmkurs und Silber machen“, erklärt sie.

Ballettlehrer zeigt Verständnis

Seit ihrem vierten Lebensjahr tanzt Dorothea. Außerdem ist sie im Radsport aktiv. Dort darf sie nun wieder trainieren, aber die Ballettschuhe müssen noch im Schrank bleiben. Ballettlehrer Steffen Kranzow hat durch die OZ von Dorotheas Brief erfahren. „Mir geht es wie ihr“, gibt er zu. „Ich bin auf ihrer Seite und finde es auch traurig, dass wir nicht trainieren können.“

Dennoch stellt er klar: Nicht das Gymnasium hat entschieden, dass die Türen verschlossen sind, sondern der Landkreis als Träger der Einrichtung. Grund: In der Sporthalle findet Präsenzunterricht für mehrere Klassen des Gymnasiums statt. Aus hygienischen Gründen dürfen die Räumlichkeiten nicht für Trainingseinheiten genutzt werden. „Ich hoffe, dass wir nach den Sommerferien wie gewohnt trainieren können.“

Sorgen der Kinder ernst nehmen

Susanne Wagner ist stolz auf ihre Tochter. „Kinder leiden leise und sie müssen sich Wege suchen, ihre Sorgen auszudrücken“, sagt die 41-Jährige, die selbst mit Existenzangst zu kämpfen hat und bei der zunächst wenig Raum für die Sorgen ihrer Kinder war. Zwei Jobs übt die vierfache Mutter aus. Sie ist in der Küche einer Schule in Lübeck tätig und mit einem Cateringservice selbstständig. Die Einnahmen ihres kleinen Unternehmens sind komplett weggebrochen und in der Küche ist sie in Kurzarbeit.

Nun ist sie zu Hause und kümmert sich um ihre drei Schulkinder Gabriel (7), Dorothea und Konstantin (16). Ihre Älteste, Sarah (21), absolviert in Jena eine Ausbildung. Ihr Mann ist in einem Fahrradverleih tätig und hat mit den Lockerungen der Corona-Regeln wieder genug Arbeit.

Susanne Wagner (41), Mutter von Dorothea: „Kinder leiden leise und sie müssen sich Wege suchen, ihre Sorgen auszudrücken. Meine Tochter hat das mit einem Brief getan." Quelle: Jana Franke

„Die Sorgen der Kinder müssen ernst genommen werden“, betont sie. Deshalb unterstützt Susanne Wagner die Briefaktion ihrer Tochter. Und irgendwie hofft Dorothea auch auf irgendeine Antwort – und vor allem auf Verständnis für ihre Gedanken.

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Von Jana Franke